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Einer wird gewinnen

Die Fußball-Europameisterschaft im Visier der Wissenschaft – und was die Analysen über den Turniersieger sagen

Forschung arbeitet auf der Grundlage von Analysen. Gleichgültig, ob im Labor, in der Bibliothek oder der Klinik – stets geht es um Zerlegung komplexer Gebilde, deren Zusammensetzung mit wissenschaftlichen Methoden geklärt werden soll. Texte und Motive, Moleküle und Muskeln, Farben und Gewebe: In sämtlichen dieser Fälle steht die Forschung vor der Aufgabe, ein schwer durchschaubares Ganzes so zu entschlüsseln, dass man seine Bestandteile und Wirkkräfte besser begreift.

Aber die Wissenschaft kann nicht nur zergliedern, was ist, sondern auch voraussagen, was sein wird. Ihre prognostischen Fähigkeiten gewinnt sie direkt aus ihrer analytischen Anlage. Indem sie Bestehendes analysiert, verschafft sie sich Einblicke ins Zukünftige. Dass sie ihre Prognosen aus vernünftigen Urteilen über das Jetzt ableitet, unterscheidet sie von Hokuspokus, Kaffeesatzleserei und Pseudoweisheiten. Wettervorhersagen und Wahrscheinlichkeitsrechnungen, Marktprognosen und Risikoerwartungen ergeben sich, wenn sie seriös sind, aus vorauslaufenden Analyseprozessen. Dass nicht alle Einschätzungen eintreffen und nicht jedes Szenario wirklich eintritt, gehört zu den Unwägbarkeiten, denen auch die menschliche Vernunft unterworfen ist.

Im Hinblick auf die Fußball-Europameisterschaft hat sich die Wissenschaft dieser Tage mit aufschlussreichen Prognosen zu Wort gemeldet. Wie auch im Fall der Meteorologie oder systematischer Finanzmarktstudien gehen sie von Analysen aus. Der an der Freien Universität lehrende Soziologe Jürgen Gerhards, der Gießener Sportsoziologe Michael Mutz und der am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung tätige Ökonom Gert G. Wagner haben, wie schon im Fall früherer Turniere, ein einfaches Untersuchungsmodell zugrunde gelegt. Errechnet wird der Marktwert, den die Spieler eines Nationalkaders zusammen aufweisen. In ihn fließen Alter, Erfahrung, Erfolge und Entwicklungspotenzial der Akteure ein. Auf der Basis der Transferwerte aller Spieler errechnen sich die Gesamtzahlen für die am Turnier beteiligten Länder. An der Spitze der kurz vor Beginn der Europameisterschaft berechneten Skala steht Deutschland (562 Millionen Euro), mit denkbar knappem Abstand gefolgt von Spanien (558 Millionen Euro). Dahinter finden sich Gastgeber Frankreich (487 Millionen Euro) und England (477 Millionen Euro); überraschender Fünfter ist Belgien (461 Millionen Euro). Die niedrigste Einstufung erhält in dieser Liste Ungarn, das auf 27 Millionen Euro kommt. Auch Nordirland und Island erreicht nur 36 Millionen und 42 Millionen Euro – Spitzenspieler wie Thomas Müller oder Cristiano Ronaldo liegen deutlich über der Gesamtsumme, die solche Teams erreichen.

Aus den hier errechneten Marktwerten leiten die Autoren den zukünftigen Turnierverlauf ab. Wenig überraschende Prognose: Im Halbfinale bezwingt Spanien die Engländer, Frankreich unterliegt Deutschland. Im Finale schlagen Löws Jungs dann wiederum die Spanier – vielleicht, denn der Ausgang bleibt, so die Forscher, ungewiss, da sich die Kaderwerte beider Top-Teams lediglich um vier Millionen Euro unterscheiden.

Bei vergangenen Turnieren lagen die Autoren der Studie mit ihren Vorhersagen zumeist richtig. Wetterprognosen sind häufig weniger exakt als die hier erarbeiteten Vermutungen. Das liegt vor allem an der zunehmenden Abhängigkeit des Weltfußballs vom Geld. Die nationalen Ligen zeichnen diesen Trend vor: Die teuren Top-Teams machen Meisterschaften und Champions-League-Siege seit einigen Jahren unter sich aus. Überraschungen sind seltener geworden: Geld schießt eben doch Tore.

Der Ball war in der Frühen Neuzeit ein Sinnbild der Fortuna, der Glücksgöttin. Wo er im Spiel ist, regieren Vernunft und Planbarkeit nur noch eingeschränkt. Es bleibt ein unberechenbarer Rest, den sogar die Wissenschaft nicht erfassen kann. Freuen wir uns auf eine überraschende EM, die auch den Außenseiter siegen lässt.