Ein Islamist tötet in einem Vorort von Paris ein Polizistenehepaar. Nach dem Massaker von Orlando geht die Spurensuche weiter.

Der Terror kehrt zurück

Doppelmord in Frankreich. Ein Polizist und seine Frau werden getötet. Der Täter bekennt sich zur islamistischen Terrororganisation IS

Paris.  Sauber geschnittene Hecken, hölzerne Fensterläden und ein Kinderspielplatz. Die seit Monaten allgegenwärtige Bedrohung sucht Frankreich diesmal in einer ruhigen Vorortwohnsiedlung heim. Die Bewohner des Viertels in der 6000-Einwohner-Gemeinde Magnanville können es noch nicht fassen, dass in ihrer Nachbarschaft ein Terrorist zugeschlagen haben soll. „Hier passiert nie etwas“, sagt eine Anwohnerin französischen Journalisten.

Doch genau hier zerstört ein junger Mann am späten Montagabend das Leben einer Polizistenfamilie und beruft sich dabei auf die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS). Fast auf die Stunde genau sieben Monate nach der Pariser Anschlagsserie vom 13. November. Kurz nach dem Beginn der Fußball-EM, die nach den Worten von Staatschef François Hollande als fröhliches Sportfest auch eine Antwort auf das Grauen sein soll. Trotz Ausnahmezustands, höchster Terroralarmstufe und Gesetzesverschärfungen.

Am Montagabend gegen 20:15 Uhr passt der 25-jährige Larossi Abballa den von der Arbeit heimkehrenden Leiter eines Polizeikommissariats vor seinem Wohnhaus im Pariser Vorort Magnanville ab und greift ihn auf der Straße mit einem Messer an. Während er den 42 Jahre alten Beamten niedersticht, ruft Abballa laut Augenzeugen mehrmals laut „Allah­u akbar“ („Gott ist groß“).

Um Mitternacht stürmteine Sondereinheit das Haus

Nach dieser Bluttat bringt der junge Franzose nordafrikanischer Herkunft die 36-jährige Frau und den erst dreijährigen Sohn des Polizeioffiziers in seine Gewalt und verschanzt sich im Haus der Familie. Stundenlang verhandeln umgehend herbeigerufene Polizeikräfte mit dem Geiselnehmer; ergebnislos. Um Mitternacht stürmt eine Sondereinheit schließlich das Haus und tötet Abballa. Dabei finden sie die Frau ihres getöteten Kollegen leblos vor – mit durchschnittener Halsschlagader. Allein den kleinen Jungen des Paares verschonte Abballa, er konnte unter Schock unverletzt geborgen werden.

Der Verdacht, dass es sich bei dem Doppelmord um einen terroristischen Angriff handelt, bestätigt sich rasch. Noch im Laufe der Nacht wird der Täter identifiziert. Abballa, der sich während der Verhandlungen mit der Polizei zu der Terrororganisation „Islamischer Staat“ bekannt hatte, ist 2013 wegen seiner Zugehörigkeit zu einem Netzwerk verurteilt worden, welches Dschihadisten anwarb und deren Ausreise in das pakistanisch-afghanische Grenzgebiet organisierte.

Das Islamisten-Netz war bereits 2011 aufgeflogen, seine Mitglieder, unter ihnen der damals 20-jährige Abballa, landeten in Untersuchungshaft. Zwei Jahre später wurde er zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, davon sechs Monate auf Bewährung. Weil das Gericht ihm die U-Haft anrechnete, kam Abballa unter Auflagen jedoch schon im September 2013 wieder auf freien Fuß.

Als offenbar hart arbeitender Betreiber eines kleinen Fast-Food-Services in dem direkt an Magnanville grenzenden Pariser Vorort Mantes-la-Jolie geriet er erst im März erneut in das Visier der Ermittler, weil er in Kontakt mit einem Personenkreis trat, der Verbindungen zu IS-Mitgliedern in Syrien unterhalten soll. Allerdings ergaben daraufhin eingeleitete Überwachungs- und Abhörmaßnahmen keinerlei Hinweise auf irgendwelche Attentatspläne.

Noch in der Nacht übernahm die Anti-Terror-Abteilung der Pariser Staatsanwaltschaft die Ermittlungen. Präsident François Hollande bestätigte nach einer Krisensitzung im Élysée-Palast bereits am Dienstagmorgen den „unbestreitbar“ terroristischen Hintergrund der „niederträchtigen“ Bluttat. „Eine Schwelle des Horrors ist überschritten“, sagt Premierminister Manuel Valls. Kurz darauf bekannte sich der IS mit einer knappen Bestätigung im Internet zu den Morden. „Kämpfer des Islamischen Staates tötet Vizechef der Polizeistation von Les Mureaux und seine Frau mit Stichwaffen nahe Paris“, vermeldete das IS-Sprachrohr Amaq.

Über Amaq hatte sich der IS bereits zu dem Anschlag auf einen Nachtclub der Stadt Orlando im US-Bundesstaat Florida in der Nacht zu Sonntag bekannt, bei dem 49 Menschen getötet wurden. In beiden Fällen jedoch legte Amaq keine Beweise für eine Verbindung der Täter zum IS vor. Die Frage, ob Abballa von IS-Mittelsmännern gesteuert wurde oder mehr oder weniger auf eigene Faust handelte, steht nun ebenso im Mittelpunkt der Ermittlungen wie die Suche nach eventuellen Komplizen. Drei Personen aus seinem Umfeld wurden noch gestern in Polizeigewahrsam genommen. Außerdem bestätigte die Pariser Staatsanwaltschaft, dass sich Abballa in einem Video als Anhänger des IS in Szene gesetzt hat. Er filmte seine Geiselnahme mit und stellte die von ihm kommentierten Aufnahmen via Facebook 13 Minuten lang live ins Internet. Sein Facebook-Konto wurde sofort gesperrt – auch weil Abballa zur Ermordung von Ordnungshütern sowie namentlich genannter Journalisten und Gefängniswärter auffordert sowie versichert: „Die Fußball-EM wird zu einem Friedhof werden!“

Nicht auszuschließen ist, dass die Anschläge in Orlando und Magnanville im Zusammenhang mit dem Aufruf des IS an seine Anhänger stehen, während des moslemischen Fastenmonats Ramadan Europa und die USA mit Attentaten zu überziehen. Der Ramadan nämlich begann Anfang Juni, nur wenige Tage vor der Fußball-EM. Schon zuvor hatte die Pariser Regierung wegen befürchteter Anschläge den im November verhängten Ausnahmezustand bis Ende Juli verlängert. Jetzt wurde die höchste Sicherheitsstufe ausgerufen.