Gedenken in Frankreich

Anschläge in Paris: Pflaster auf die Wunden der Stadt

In Paris erinnern sich die Menschen an den Terror vom 13. November, bei dem 130 Menschen starben. Eine Reportage aus der Stadt.

Nach dem Massaker in einem Club in den USA leuchtet der Eiffelturm in Paris in Regenbogenfarben.

Nach dem Massaker in einem Club in den USA leuchtet der Eiffelturm in Paris in Regenbogenfarben.

Foto: Yoan Valat / dpa

Paris. Man sollte keine Eiffeltürme mitnehmen, wenn man zum Eiffelturm will. Am Eingang zur Fanmeile auf der Champs de Mars, wo während der Fußball-EM am Pariser Wahrzeichen die Spiele auf Videowänden gezeigt werden, stehen zwei Pappkartons. Hier sammelt die Polizei all die Gegenstände, die von Besuchern mitgebracht, aber nicht mit hineingenommen werden dürfen. Regenschirme zum Beispiel, obwohl es im Moment in Frankreich ziemlich viel regnet. Auch Selfiesticks, Nassrasierer samt Rasierschaum – und Eiffeltürme. Große für den Kaminsims, kleine für den Schlüsselbund. Alle sind sie zu gefährlich für diese Masse von Menschen.

100.000 sollen hier reinpassen. 100.000 potenzielle Ziele. Paris ist in Abwehrstellung, seit hier im November des vergangenen Jahres, einem Freitag den 13., islamistische Terroristen die Nacht über die Stadt brachten. 130 Menschen kamen bei Anschlägen an insgesamt acht Orten um, 352 wurden verletzt. Sieben Monate später hat sich zwar der Fußball an der Seine einquartiert. Er trägt an diesem Tag Grün und Gelb, irische und schwedische Fans in den Straßen und im Stade de France, vor dem sich damals ein Attentäter in die Luft sprengte und nun das irische gegen das schwedische Team antritt. Aber die Angst vor neuen Anschlägen hat er nicht ausradieren können. Zumindest nicht vor der Fanmeile.

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Da stehen drei Wälle von Sicherheitskräften. Zuerst die Polizei, dann Angestellte des Fanfestes. Dreimal wird einem die Tasche durchsucht, zweimal der Körper abgetastet. Draußen ist Ausnahmezustand, drinnen alles wie beim Public Viewing in Berlin: Auf Zäunen wird entweder gesessen oder gegen sie gepinkelt, ein kleines Bier kostet 6,50 Euro, und erwachsene Männer tragen ihre Nationalflaggen wie Superheldenumhänge. Dazwischen steht Walid Erroukrma in einer Deutschland-Trainingsjacke und lacht, als er die Frage hört, ob er hier denn keine Angst vor neuem Terror habe: „Nein, warum denn?“, fragt der 20-Jährige. Walid ist Fußballprofi beim Pariser Sechstligisten A.S. Bondy. Außenstürmer. Er kam vor einem Jahr aus Algerien. Die Anschläge vom November waren schlimm, sagt er. „Aber siehst du all die Sicherheitsleute hier? Wir brauchen keine Angst zu haben: Die Islamisten in Frankreich ... c’est fini.“

Nur ein paar Stunden später sollte sich zeigen, dass die Islamisten im Land keineswegs fertig sind. In Magnaville, 55 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt, ersticht ein Mann in der Nacht auf Dienstag einen Polizisten und seine Frau in deren Haus. Der sogenannte „Islamische Staat“ (IS) bezeichnet es als Tat eines ihrer Aktivisten. Die Polizei erschießt den Angreifer. Im französischen Fernsehen reden sie von Krieg, wie im November vergangenen Jahres. Die Angst findet ihren Weg schneller zurück, wenn sie schon einmal da war.

„Nach den Anschlägen gab es hier einen Terrortourismus“

„Wir Pariser haben versucht, das alles zu vergessen und weiterzuleben wie vor den Anschlägen“, sagt Claire de Colombel. Sie ist Schriftstellerin. Im Februar erschien ihr Buch „Les yeux nus“, die nackten Augen. Darin reflektiert ein Aktmodell seine Gedanken, wenn es ohne Kleider vor einer Klasse Malereistudenten verharrt. Es ist Colombels eigene Geschichte. Aber darin steckt auch ein Stadtgefühl nach dem Terror: Nackt und verwundbar lag Paris da und sah sich den Blicken der Welt ausgesetzt, die bei Katastrophen auch immer voyeuristischer Art sind.

„Es hat hier in den Monaten danach einen Terrortourismus gegeben“, erzählt Colombel. Sie sitzt im Café nicht weit vom Konzerthaus Bataclan entfernt, in dem die Attentäter während eines Rockkonzerts in die Menge geschossen hatten. In den Wochen danach brachten Busse Menschen mit Kameras zu den Orten des Schreckens: Das Bataclan, das bis heute verdeckt hinter grünen Absperrungen liegt, das Café „Carillon“ und das kleine kambodschanische Restaurant nebenan. Das 10. und 11. Arrondissement am Canal Saint-Martin, eigentlich eine Gegend der jungen Kreativen und der Freude, wurde plötzlich zum Ort der ausgestellten Trauer. Ein Trauer-Museum. Überall Blumen und Kerzen. Und mittendrin die Pariser, die dachten: „Wir müssen das irgendwann auch überwinden können“, so Colombel.

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Der Fußball soll beim Überwinden helfen. Ihm werden gern alle möglichen Kräfte zugeschrieben. Dass er Gräben zuschüttet, wie zum Beispiel schon einmal in Frankreich 1998, als eine Nationalelf aus Einwanderkindern und Urfranzosen gemeinsam als „Black-Blanc-Beur“ die WM im Stade de France gewann. Damals vergaß die Republik für ein paar Wochen, dass sie eine gespaltene Gesellschaft ist – und feierte sich dort, wo heute das Fanfest liegt. Der Terror vom November aber hat seine Spitzhacke in die Gräben geschlagen, sie größer gezogen, als sie ohnehin schon waren. Genau das wollte er ja. Die französischen Rechtspopulisten um Marine Le Pen missbrauchen die Angst für ihre antimuslimische Wir-oder-die-Ideologie. Im Fußball dagegen entsteht Erfolg nur aus einer gemeinschaftlichen Anstrengung. Frankreich hat bei dieser EM wieder eine multikulturelle, multireligiöse Mannschaft. Ist sie auf dem Rasen erfolgreich, könnte sie erneut kurzzeitig versöhnen. Das ist zumindest die gut gemeinte These. Als das Wasser neulich über die Ufer der Seine trat, wurde auch diese EM im Vorfeld mit Symbolik überschwemmt. Bleibt sie vom Terror verschont, wäre es ein Schritt in die Normalität. Nur selten war ein Fußballturnier so politisch wie dieses.

An diesem Donnerstag kehrt auch die deutsche Nationalmannschaft für das zweite EM-Gruppenspiel gegen Polen erstmals nach Paris zurück, wo sie am 13. November im Freundschaftsspiel gegen die Franzosen im Stade de France die Anschläge erlebte (siehe Interview). Fußball aus Sicht der Fans ist Unbekümmertheit. Und Unbekümmertheit ist „der kostbare Schaum des Lebens“, wie der belgische Fußballphilosoph Jean-Philippe Toussaint es nennt. Aber jener Schaum bedeckt in Paris langsam erst wieder die Oberfläche. Die Straßencafés sind jetzt zwar wieder voll, „aber wenn du dort sitzt wie wir beide jetzt und plötzlich gibt es irgendwo ein komisches Geräusch, zucken die Leute immer noch zusammen“, sagt die Schriftstellerin Claire de Colombel. Paris sei eine Stadt, die niemals stillstehen kann. Ihre Unrast treibe die Menschen zum Nachvorndenken. „Aber wir schauen auch immer mal wieder ängstlich nach hinten, ob da nicht doch irgendwas Verdächtiges ist.“ Der neue Fall aus Magnaville vom Dienstag und der Anschlag auf einen Homosexuellenclub in Orlando am Sonntag legen jene Angst wieder frei. „Es bringt die Bilder vom November zurück, als wäre es gestern gewesen“, sagt Colombel.

In der Krankenhausmauersah man die Einschusslöcher

Eines dieser Bilder, die den Terror von Paris einfingen, war eine Nelke in einem zerschossenen Fenster. Vor dem Café „Carillon“ in der Rue Bichat/Ecke Rue Alibert hatten die Attentäter 15 Menschen ermordet. Am nächsten Tag wurde ihr Blut vom Bordstein gewischt und nebenan Blut im Hôpital Saint-Louis gespendet. In der Krankenhausmauer sah man die Einschusslöcher der Kalaschnikow-Salven. Wenn man sich heute hinter jenes Fenster mit der Nelke von damals setzt und im Carillon einen Kaffee bestellt, schaut man auf diese Wand. Das zerbrochene Glas wurde längst ausgetauscht. Am Fenster klebt noch ein Schild der beauftragten Glaserei. Im Lokal selbst erinnert kaum noch etwas an die Anschläge: keine Blumen, keine Gedenktafel. Und die algerische Betreiberfamilie hat es satt, Reporterfragen zu beantworten. Zu viele waren da.

Also setzt man sich hinter das ehemalige Nelken-Fenster, hört arabische Musik aus den Lautsprechern und schaut auf die Krankenhauswand. Jemand hat die Einschusslöcher mit großem Graffiti übermalt: weiße Pflaster mit schwarzen Punkten aus dickem Klebeband. Sie überdecken die Löcher, aber wenn man mit dem Finger darüberstreicht, kann man sie immer noch spüren. „Wir haben unser Café wieder so hergerichtet, wie es vorher war“, sagt Loraine Capelier. Vor acht Jahren hat die 28-Jährige noch im Carillon gekellnert. Als erste weibliche Bedienung überhaupt. Darauf ist sie stolz. Jetzt kommt sie mit ihren Freunden aus der Nachbarschaft jeden Tag hierher und trinkt Espresso. „Die Schüsse vom November waren wie Schüsse auf unser eigenes Wohnzimmer“, sagt sie. Das „Carillon“ sei ihr Zuhause. Zwei Monate lang war es nach den Anschlägen geschlossen. Dann wollten die Anwohner irgendwann all die Trauer nicht mehr ertragen und räumten die Blumen und Kerzen vom Bürgersteig. Jetzt sieht es hier fast wieder so aus wie früher – nur die beiden Einschusslöcher im hölzernen Tresen mit der kupfernen Abstellfläche sind noch da. Und gegenüber die Pflasterwand. „Das Carillon war immer unser Platz und soll es auch noch lang sein“, sagt Loraine Capelier. Das ist der Grund, warum sie die Reporterfragen beantwortet. Sie will nicht, dass dieser Ort allein ein Ort des Schreckens ist.

Man verabschiedet sich und denkt: Paris im Großen ist wie das „Carillon“ im Kleinen: mit überpflasterten Spuren der Anschläge – aber ein Zuhause, in dem weitergelebt werden will.