Politik

Terroristische Desperados

Der Anschlag von Orlando führt zur Frage: Wie geht man mit Einzeltätern um?

Die Parallelen zwischen den beiden letzten Anschlägen in Amerika sind gespenstisch. Nach allem, was bislang bekannt ist, steckten nicht strategisch geplante Angriffe eines Terrornetzwerks dahinter, sondern Massentötungen von Einzeltätern.

Am Wochenende schoss ein Angestellter einer Sicherheitsfirma in einem Nachtclub für Schwule und Lesben in Orlando 49 Leute nieder. Der 29-jährige Omar Mateen wurde in New York geboren, hatte ein Haus, ging ins Fitnessstudio und führte von außen betrachtet ein bürgerliches Leben. Seine Eltern waren aus Afghanistan eingewandert. Viele sahen in ihm ein Beispiel für gelungene Integration.

Im vergangenen Dezember tötete ein städtischer Angestellter zusammen mit seiner Frau 14 Menschen in einem Behindertenzentrum im kalifornischen San Bernardino. Auch der 28-jährige Syed Rizwan Farook war US-Bürger, kam in Chicago zur Welt. Seine Familie stammte aus Pakistan. Farook galt ebenfalls als gut situiert. Arbeitskollegen bezeichneten ihn als den „gelebten amerikanischen Traum“.

Doch die Fassade täuschte. Im Schatten der bürgerlichen Idylle haben sich die Täter radikalisiert. Nach Aussagen der Ermittler speisten sie ihren Hass vor allem aus islamistischen Websites. Dass die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) den Amoklauf von Orlando nun für sich reklamiert, muss man nicht wörtlich nehmen. Die Propaganda-Abteilung der Dschihadisten hat für den Fastenmonat Ramadan weltweit zu Anschlägen – wo und durch wen auch immer – aufgerufen. Es ist eine Art Blankoauftrag an alle, die die westliche Lebensweise verabscheuen und sich an extremistischer Ideologie berauschen.

Das ist das Gefährliche an diesen terroristischen Desperados. Sie agieren im Untergrund auf eigene Rechnung, hinterlassen kaum Spuren, sind schwer zu erkennen und noch weniger zu kontrollieren.

Zugegeben: Das Terrorrisiko durch Einzeltäter ist in Amerika deutlich größer als etwa in Europa. 300 Millionen Waffen sind in US-Privathaushalten im Umlauf. Die Wahrscheinlichkeit, dass psychisch labile Menschen, geistig Verwirrte oder religiöse Fanatiker hier ein Ventil für ihren Hass finden, liegt entsprechend hoch. Umso bedauerlicher ist es, dass der rechtspopulistische Präsidentschaftskandidat Donald Trump versucht, das Attentat von Orlando für seine dumpfen antiislamischen Thesen auszuschlachten, anstatt Lösungen zu präsentieren.

Das bedeutet jedoch keine Entwarnung für Deutschland, das über eines der strengsten Waffengesetze der Welt verfügt. Auch hierzulande gibt es radikalisierte Einzeltäter. So hat eine 15-jährige Deutsch-Marokkanerin Anfang März einen Bundespolizisten in Hannover niedergestochen und schwer verletzt. Zwar gibt es Hinweise, dass die Schülerin im türkisch-syrischen Grenzgebiet gewesen sei und Kontakte zum IS gehabt habe. Doch es handelt sich nicht um die generalstabsmäßige Aktion einer Terrorzelle wie etwa bei den Anschlägen in Paris und Brüssel.

Bei derartigen Attacken spielt die internationale Zusammenarbeit der Geheimdienste eine Schlüsselrolle. Dagegen ist im Fall der Desperados das Umfeld besonders gefragt. Familienangehörige, Freunde, Mitschüler oder Arbeitskollegen sollten Verhaltensauffälligkeiten, die auf Terrorsympathien oder -aktivitäten schließen lassen, der Polizei melden. Wer zur Radikalisierung neigt, zieht sich häufig zurück, kappt seine sozialen Kontakte, wird aggressiv. Dies alles sind keine Patentrezepte, doch das Risiko lässt sich so zumindest verringern.

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