Politik

Hart durchgreifen!

Hooligan-Ausschreitungen sollten mit Stadionverbot bestraft werden

Die Absurdität fand ihren Tiefpunkt kurz vor dem Abpfiff des EM-Vorrundenspiels England gegen Russland. Zwei vermeintliche Böllerschüsse erschreckten die Zuschauer. Erschütterungen, Frankreich, Fußballstadion: Es ist nur sieben Monate her, dass Bombenattentate während des deutschen Länderspiels in Paris 130 Menschen das Leben kosteten. Die Fernsehzuschauer von damals haben noch immer die Böllerschüsse im Ohr, die Dramatisches verrieten, bis aus der Ungewissheit Schrecken, aus der Vorahnung Entsetzen wurde. Was geht nur in den Köpfen dieser Menschen vor, die jetzt Böllerschüsse zünden und mit der Angst von Menschen spielen! Hat denn keiner Respekt vor den Opfern?

Die Straßenschlachten von Marseille, wo Hooligans am Wochenende mindestens 38 Menschen verletzt haben, sind auch ein Hohn für Daniel Nivel. Für jenen Polizisten, den deutsche Hooligans 1998 in Lens ins Koma prügelten. Lernen diese „Tiere“, wie die Hooligans inzwischen von Medien genannt werden, denn nicht ein bisschen dazu? Offenbar nicht.

Es tauchten Fotos auf, wie Mitglieder der Schlägertrupps, die eben noch Menschen niedergeprügelt haben, unbehelligt zum Spiel gingen. Es muss niemand kommen und jetzt um Verständnis werben, dass Hooligans ihre eigenen Gesetze haben und so. Der Autor Oliver Wurm schrieb den Hooligans sehr richtig ins Stammbuch: „Der Fußball hasst euch!“ Die Franzosen, die das EM-Eröffnungsspiel mit 90.000 Sicherheitskräften geschützt haben, sind natürlich hilflos gegen Idioten. Sie können nicht jeden Straßenzug überwachen und jeden gewaltbereiten Touristen identifizieren. Sie sind auf die Mithilfe von den Nationen angewiesen, die den Mob mit ins Land bringen. Im konkreten Fall am Sonnabend: von England und Russland. Die Konsequenz kann eine sehr einfache sein: Stadionverbot für alle, die ihre Hand erheben, und in letzter Konsequenz Punktabzug für Nationen, die den Gastgeber unzureichend geschützt haben. Ist das ungerecht? Natürlich. Ungerecht für die Fußballspieler, die jahrelang für ihren EM-Auftritt trainiert und persönliche Entbehrungen auf sich genommen haben, um nun die Farben ihrer Nation zu vertreten. Ihnen nehmen die Hooligans die gesellschaftliche Vorbildfunktion in aller Brutalität. Die Ermittlungen beim europäischen Fußballverband haben sich inzwischen von den englischen und russischen Ausschreitungen auf die rassistischen Schmähgesänge im russischen Zuschauerblock ausgeweitet. Offenbar helfen die millionenschweren Kampagnen gegen Rassismus nicht mehr. Am Dienstag wird die Uefa entscheiden, ob jetzt eine Geldstrafe gegen England und Russland überhaupt reicht. Der Strafenkatalog sieht die Möglichkeit eines Punktabzugs im laufenden Wettbewerb oder Ausschluss von Uefa-Wettbewerben vor. Was für ein Desaster für Russland, das in zwei Jahren selbst die Weltmeisterschaft austrägt. Wie wird wohl Wladimir Putin reagieren, wenn sich seine Gäste bei ihm so aufführten, als wäre die Kinderstube jenseits jeder Zivilisation?

Die Ausschreitungen russischer Anhänger beanspruchen dadurch längst eine politische Dimension. Bei der Aufdeckung systematischen Dopings in den Olympischen Sportarten war der russische Verband tatenlos bis kriminell veranlagt. Bei Rassismus und Gewalt im Fußball muss jetzt die Linie gezogen werden und der russische Fußballverband mit Sanktionen vor aller Welt bloßgestellt werden. Punktabzug und Turnier-Ausschluss sind Maßnahmen, die in Russland und sonstwo verstanden werden. Sogar von Putin.


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