Attentat

Nach Anschlag: Israel kündigt Anti-Terror-Offensive an

Nach dem Anschlag von Tel Aviv will Israels Regierung hart reagieren. Sie wird nun weitere Truppen im Westjordanland stationieren.

Nach dem Anschlag: Sicherheitskräfte untersuchen den Tatort im Café Brenner. Er liegt im Herzen der Küstenstadt Tel Aviv, die in Israel als Vergnügungs-Metropole bekannt ist.

Nach dem Anschlag: Sicherheitskräfte untersuchen den Tatort im Café Brenner. Er liegt im Herzen der Küstenstadt Tel Aviv, die in Israel als Vergnügungs-Metropole bekannt ist.

Foto: Lior Mizrahi / Getty Images

Tel Aviv/Berlin.  Die beiden jungen Männer hatten gerade noch einen Schokoladendessert bestellt, als sie in ihre Taschen griffen und anfingen zu feuern. Wortlos, aus nächster Distanz, schossen die palästinensischen Attentäter auf die anderen Gäste. Vier Tote und 17 teilweise schwer verletzte Opfer forderte der Anschlag am Mittwochabend im Café Max Brenner in Sarona, einem der belebtesten Märkte Tel Avivs. Viele Restaurants, Bars und Cafés befinden sich hier, direkt gegenüber von Israels Militärhauptquartier und dem Verteidigungsministerium.

Keine Einreisegenehmigungen für Palästinenser

Die Regierung kündigte am Donnerstag harte Maßnahmen an. Diese würden „offensiver und defensiver Natur“ sein, sagte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bei einem Besuch am Tatort. „Ich werde die genauen Schritte, die wir planen, nicht weiter ausführen, aber ich habe keinesfalls vor, mich mit Worten zufriedenzugeben“, erklärte der neue ultra-rechte Verteidigungsminister Avigdor Lieberman. „Ein Dorf, aus dem Terroristen hervorgehen, wird dafür bezahlen“, fügte sein Vize Eli Ben-Dahan hinzu.

Es war der erste tödliche Anschlag in Israel seit Liebermans umstrittener Ernennung zum Verteidigungschef. In der Vergangenheit hatte er immer mit radikalen Forderungen, etwa nach der Todesstrafe für Terroristen, für Aufmerksamkeit gesorgt.

Zwei erste Schritte gab die Regierung bereits am Donnerstag bekannt. Die Armee will zwei zusätzliche Bataillone im Westjordanland stationieren, um weitere Terrorattacken zu verhindern. Zudem hob Israel die Einreisegenehmigungen für 83.000 Palästinenser aus dem Westjordanland, die Angehörige zum Ramadan besuchen wollten, wieder auf. Auch bereits erteilte Genehmigungen für Einwohner des Gazastreifens wurden eingefroren, einschließlich der Gebetsrechte auf dem Tempelberg.

Transportminister will Terroristen ausweisen

Noch in der Nacht zu Donnerstag hatten Armee- und Grenzschutz-Einheiten das Dorf Yatta bei Hebron im Westjordanland abgeriegelt, aus dem die beiden Attentäter stammen. Die Gegend um Hebron gilt als Terroristen-Hochburg. Transportminister Yisrael Katz forderte sogar eine längere Abriegelung und zusätzliche Maßnahmen. „Wenn die Terroristen wissen, dass ihre Familien ausgewiesen werden, überlegen sie es sich zweimal“, argumentierte der Likud-Parteikollege von Premier Netanjahu. Er plädierte für ein neues Gesetz, das Abschiebungen von Angehörigen von Terroristen in den Gazastreifen und nach Syrien ermöglichen soll.

In Israels lebenslustiger Metropole Tel Aviv, die für ihren Strand, die Partys und das gute Essen berühmt ist, saß der Schock am Donnerstag noch immer tief. „Sie trugen Anzüge und sagen aus wie Geschäftsmänner“, beschrieb ein Kellner die beiden Täter, zwei 21-jährige Cousins. Boris Benjamin, der in einem Fischrestaurant nahe des Tatorts arbeitet, betonte: „Wenn ich nach Jerusalem fahre, bin ich immer wachsam. Da schaue ich, was die anderen Passanten machen, ob Sicherheitsleute in der Nähe sind. Aber doch nicht in Tel Aviv!“

Fachleute warnen: Im Sicherheitszaun gibt es Lücken

Der Anschlag zerstörte die Illusion vieler Israelis, die im Oktober begonnene palästinensische Gewaltwelle sei wieder abgeebbt. Tel Aviv wird gern als „Blase“ beschrieben, die mit dem Rest des konfliktgeplagten Landes wenig zu tun habe. Den Einwohnern der schillernden Küstenstadt wird oft vorgeworfen, sie seien vergnügungssüchtig und blendeten Probleme einfach aus.

Dabei hatte die Polizei bereits vor ein paar Wochen gewarnt, der Sorona-Park – hier hatten Deutsche Templer 1871 eine Siedlung gegründet – sei nicht sicher genug. Sie hatte wegen der Sicherheitslücken sogar die Schließung des Amüsierviertels gefordert.

„Ich sah seine Waffe, Feuer kam aus dem Lauf. Ich wusste, es war eine Carl Gustav“, erinnerte sich eine Augenzeugin, die im Café Max Brenner wenige Meter neben den Terroristen gesessen hatte. Unter Carlo, oder Carl Gustav, verstehen israelische Kenner eine selbstgebaute Maschinenpistole, die seit der Zweiten Intifada, Anfang des letzten Jahrzehnts, immer wieder für Anschläge verwendet wurde. Eine billige, im Westjordanland leicht erhältliche Waffe, die zwar nicht genau zielt, aber auf kurze Distanz sicher tötet.

Seit Oktober wurden 30 Israelis und 200 mutmaßliche Terroristen getötet

„Auch sonst gibt es in der West Bank und auch in den arabischen Dörfern innerhalb Israels keinen Mangel an Waffen“, sagte Barak Ben Zur, der Ex-Leiter der Rechercheabteilung des israelischen Inlandsgeheimdienstes Shin Beth, unserer Redaktion. Einige Fachleute glauben, dass die beiden Täter über eine Lücke im Sicherheitszaun nach Israel eindringen konnten. „Das System der Kontrollen funktioniert normalerweise sehr gut“, unterstrich Ben Zur. Aber es gebe Stellen, an denen die Sperranlage noch nicht fertiggestellt sei. Sie könnten leicht mit Hilfe von Schleusern überwunden werden. Das treffe auch auf die Tausenden Palästinenser zu, die jeden Tag illegal in Israel arbeiten. Ex-Geheimdienstler Ben Zur: „Wir müssen diese Lücken schließen.“

Israel wird seit Anfang Oktober von einer Terrorserie erschüttert, bei der 30 Israelis und rund 200 mutmaßliche Terroristen getötet wurden. Doch zuletzt war die Welle rückläufig, was Experten auch mit wirtschaftlichen Maßnahmen begründen. Die Militärverwaltung hatte die Zahl der Arbeitserlaubnisse für Palästinenser in Israel um 30.000 auf insgesamt 120.000 erhöht. Die Idee dahinter: Wer einen Job hat, wird meist nicht zum Terroristen. Ob die beiden Attentäter jemals eine Arbeitsgenehmigung für Israel hatten, war am Donnerstag nicht zu erfahren.