Politik

Historischer Etappensieg

Hillary Clinton hat die Vorwahlen gewonnen, doch der Weg ins Weiße Haus ist lang

Nun hat sie es doch geschafft: Hillary Clinton ist die erste Frau, die in den Zweikampf um die US-Präsidentschaft geht. Alle Attacken, alle sexistischen Anfeindungen hat sie weggesteckt. Die Demokratin hat Geschichte geschrieben. Für die Frauen – nicht nur in Amerika – ist dies ein Signal des Aufstiegs, der Gleichberechtigung und des Respekts.

Trotz dieses bemerkenswerten Arbeitssieges der 68-Jährigen kommt keine Euphorie auf. Das war bei Barack Obama anders. Als der Jungsenator 2008 die Wahl triumphal gewonnen hatte, stand das ganze Land Kopf. Jung, dynamisch, politisch unverbraucht und mit dem historischen Sieg des ersten farbigen Präsidenten zog Obama ins Weiße Haus ein.

Hillary Clinton fehlen hingegen der Zauber des Neuen und das Charisma ihres Vorgängers. Trotz ihrer langjährigen Erfahrung als Senatorin und Außenministerin, ihrer Eloquenz und ihres Sachverstands hat sie wenig Glanz.

Doch – und das ist das Verrückte an den diesjährigen Vorwahlen: Auf derlei Qualitäten kam es überhaupt nicht an. Hillary Clintons vermeintliche Vorteile stellten sich vielmehr als gewichtige Nachteile heraus. Amerika ist von tiefem Politik-Frust zerfressen. Die Eliten in Washington sind verhasst wie nie zuvor. Das ist der Grund, warum die Außenseiter Donald Trump bei den Republikanern und Bernie Sanders bei den Demokraten Furore machten.

Trump elektrisierte seine Parteibasis mit Ressentiments gegen mexikanische Einwanderer, Frauen oder Muslime. Stammtischparolen wie die Koketterie mit dem Nato-Austritt wurden zum Politikersatz. Dabei hatte der New Yorker Immobilienmogul das Glück, dass die US-Medien voll auf den Zirkusfaktor abfuhren und für seine Sprüche kostenlos Werbung machten. Sie schauten Trump praktisch überhaupt nicht auf die Finger und erkannten viel zu spät, dass der Mann ja Präsident werden könnte.

Was Trump an holzschnittartigem Rechtspopulismus verbreitete, lieferte Sanders an linkspopulistischen Thesen. Der 74-jährige Senator propagierte eine Art Freibier-für-alle-Politik: Kostenlose Bildung, flächendeckende Gesundheitsfürsorge und ein zorniger Sturmlauf gegen den Turbokapitalismus und die Macht der Banken waren sein Programm.

Dass Sanders immer noch nicht aufgeben will, obwohl er de facto keine Chance mehr auf die Präsidentschaftskandidatur hat, ist ein Problem für Hillary Clinton. Sie muss nun versuchen, den störrischen Sozialisten zu integrieren. Dies kann sie, ohne sich zu verbiegen. Die schrumpfenden Nettolöhne und die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich sind möglicherweise das wahlentscheidende Thema. Hier sollte Clinton für eine sozial gerechtere Steuerpolitik werben.

Gelingt ihr dies, gewinnt sie nicht nur die vor allem jugendlichen Sanders-Anhänger. Pluspunkte hat sie bereits bei Frauen, die mehr als die Hälfte der Wahlbevölkerung stellen. Auch beim wachsenden Anteil der Latinos und bei den Farbigen liegt Clinton deutlich vorn. Die klassische Wahlarithmetik spricht für sie.

Trump wird alles daransetzen, dies durch einen schmutzigen Wahlkampf wettzumachen. Dabei hilft ihm seine Skrupellosigkeit. Er wird Clinton als unglaubwürdige Karrieristin brandmarken, die der Wall Street zu Füßen liegt. Für die Kandidatin gibt es nur ein Erfolg versprechendes Gegenmittel: Sie muss Trump mit politischen Vorstößen auskontern - sachlich, klar und souverän im Ton. Sie darf nicht in die Polemik-Falle tappen.

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