Politik

Digitalisierung im Fußball

Wie moderne Methoden der Statistik und Mathematik über Sieg oder Niederlage entscheiden können

„Computer schießen keine Tore“ hat Franz Beckenbauer vor über zehn Jahren orakelt. Hat er recht behalten? Oder haben die Fitness- und Spielanalysen inzwischen entscheidenden Einfluss auf Siege in unserer Lieblingssportart? Ist die Gegenthese von José Mourinho, „Ich kenne alle Details der Gegner“, die heute richtigere?

Beim Thema Fitness der einzelnen Spieler glauben wir sofort, dass die moderne Technik einen Unterschied macht. Die Anzahl der Schritte, die gelaufene Distanz, die Geschwindigkeit und die Herzfrequenz können leicht aufgenommen und analysiert werden. Das macht beim Training eine genauere Aussage möglich, wer genügend fit ist und wer noch ein paar Runden drauflegen sollte. In Echtzeit wird eine solche Analyse schon spannender. Kann man während eines Spiels die Fitnessdaten der Spieler auslesen, kann das wichtige Hinweise für eine Traineranweisung oder eine angesagte Auswechslung geben. Ähnlich verhält es sich mit den Spielanalysen. Schauen sich Trainer und Spieler nach dem Spiel die Videoaufnahmen an, können sie einiges lernen, was sie noch besser hätten machen können, oder wo ihnen Fehler passiert sind. Selbst kleinere Vereine und Drittligisten können sich das heute leisten. Über die Videoanalyse per Inspektion durch den Trainer ist man technisch aber schon weit hinaus. Moderne Programme liefern sogar dem Zuschauer während des Spiels Lauf-leistung, Anzahl der Pässe und Fehlpässe. Die bislang nicht geklärte Frage ist aber, wie aussagekräftig solche Informationen für einen Sieg sind. Auch mit weniger Ballbesitz kann man gewinnen, wenn man nur zum richtigen Zeitpunkt trifft.

Doch Fußball ist ein Mannschaftssport, bei dem zwar Fitness und Passgenauigkeit des Einzelnen vorausgesetzt sind, wo es aber auf geschickte „Schachzüge“ der Spieler ankommt. Die Analogie zum jahrhun-­der­tealten Brettspiel ist nicht so weit hergeholt. Bei formal gleicher „Fitness“ der Figuren, die unterschiedliche Kompetenzen haben, kommt es beim Schach nur auf die Strategie, die zum richtigen Zeitpunkt richtigen Züge an, die zum Sieg verhelfen. Und die Schachcomputer wie Deep Blue haben inzwischen die besten menschlichen Schachspieler besiegt.

Der dänische Erstligist FC Midtjylland hat sich mit modernen Methoden der Statistik und Mathematik und einem innovativen Scouting System an die Spitze seiner Liga gespielt. Die Strategen verraten nicht, auf welchen computerbasierten Indikatoren ihre Erfolge beruhen. Aber schon jetzt haben sie ihren Klub vor dem wahrscheinlichen Abstieg und dem finanziellen Ruin bewahrt.

Der entscheidende Sprung in die Unverzichtbarkeit beim modernen Fußball wird die spielerspezifische Echt-zeitanalyse der Taktik des Gegners sein. Die Aufstellung der gegnerischen Mannschaft sehen Trainer und Spieler zu Beginn eines Spiels. Ziel wäre es aber, durch die Analyse großer Datenmengen vorherzusagen, was der Gegner vorhat. Welche zwei oder drei Mittelfeldspieler sind besonders verknüpft und wollen sich eine Chance auf ein unerwartetes Tor erkämpfen? Welche Gewohnheiten haben bestimmte Spieler, wenn sie mit anderen auf dem Platz sind? Wie schnell kann man auf eine neue Taktik des Gegners reagieren? Hat man dessen spielerische Varianten genau im Blick, ist man besser aufgestellt, als wenn man auf alle möglichen Situationen vorbereitet sein muss.

Ob der Fußball durch die Digitalisierung in Form von Echtzeitanalysen auch für die Zuschauer besser wird, wird sich herausstellen. Jedenfalls investieren die Profiklubs bereits jetzt erheblich in Software. Und bevor die Computer die Spielstrategie bestimmen, werden die Trainer die elektronische Datenanalyse als immer unverzichtbareres Hilfsmittel einsetzen. Werden bei der EM doch die Computer die Tore schießen?