Potsdam –

Kriminelle greifen mit Software an

| Lesedauer: 3 Minuten
Christian Unger

Verfassungsschutz warnt vor Attacken aus Russland auf staatliche Einrichtungen

Potsdam.  Auf einmal mussten Ärzte und Krankenpfleger wieder arbeiten wie vor 15 Jahren. Sie faxten, sie druckten Patientenbögen aus, schickten Boten durch die Abteilungen. Einige Operationen in dem Krankenhaus im westdeutschen Neuss fielen aus, Herzinfarktpatienten mussten in andere Kliniken verlegt werden. Hacker hatten im Februar das IT-System des Krankenhauses mit einer Schadsoftware angegriffen.

Der Cyberangriff ist kein Einzelfall. Im August 2015 wurde eine Klinik aus dem Ruhrgebiet mit einer Virenattacke erpresst: Geld gegen den Abzug der Viren. Im April entdeckten Mitarbeiter im schwäbischen Atomkraftwerk Gundremmingen einen Computervirus im Block B. Gefahr für das AKW oder die Bevölkerung bestand nicht. Und doch zeigt auch dieser Fall: Kriminelle greifen nicht mehr nur mit Brechstange oder Pistole an. Sondern mit Software. Sie führen einen Cyberkampf.

Die Hacker gehen immer professioneller vor, sie nutzen immer bessere Software. Manche Mitarbeiter in den Sicherheitsbehörden wundern sich gar über die Gelassenheit beim Thema „Cyberkriminalität“ in der deutschen Öffentlichkeit. Dabei ist die Zahl der Opfer hoch. 58 Prozent der Unternehmen und Behörden waren in den vergangenen zwei Jahren Ziel von Cyberangriffen, das ergibt eine Umfrage des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) von Ende 2015.

Nicht immer entstehen große Schäden, vieles fällt einer Sicherheitssoftware auf, bevor Schlimmeres passiert. Und doch: 2011 lag der Schaden von Cyberdelikten sogar bei 70 Millionen Euro. Gerade kleine und mittelständische Unternehmen würden bisher zu wenig auf Programme zur Abwehr von Angriffen aus dem Netz setzen, sagt Klaus Vitt, Beauftragter der Bundesregierung für Informationstechnik. „Denken Sie immer daran: Was Sie nutzen, können andere missbrauchen“, sagt Christoph Meinel, Professor am Hasso-Plattner-Institut (HPI) in Potsdam. Gestern und heute hat das Institut zur großen Konferenz für Cybersicherheit eingeladen.

Cyberattacken richten sich auch gegen den Staat. Verfassungsschutzchef Hans-Jörg Maaßen sieht im Cyberraum die „Achillesferse westlicher Nationen“. 2015 drangen Kriminelle in das Netzwerk des Bundestags ein. Die Cyberkrieger agieren in Gruppen, die sich virtuell zu Projekten zusammenschließen, und attackieren Staaten. „Teilweise kennen sich die Hacker im realen Leben gar nicht“, hebt BKA-Vizepräsident Peter Henzler hervor. Und häufig können Behörden nicht sagen, ob die Angreifer aus Russland, China oder Amerika kommen.

Verantwortlich für den Angriff auf den Bundestag macht der Verfassungsschutz Akteure hinter der Kampagne „Sofacy/APT28“ – und sieht dort wiederum „Anzeichen für eine staatliche russische Steuerung“. Beweise, dass der Kreml Cybersöldner anheuert, haben die Verfassungsschützer auch hier nicht.

„Wir sehen Russland als unser Gegenüber an. Nicht als unseren Feind“, hebt Maaßen hervor. „In Teilen ist Russland auch unser Partner, etwa bei der Terrorismusbekämpfung.“ In Teilen ist Russland aber auch ein Angreifer. Hand in Hand mit russischen Medien wie „RT“ oder „Sputnik News“ würden staatliche Stellen Nachrichten aus Deutschland „bewusst manipulieren“ und „tendenzielle bis falsche Berichterstattung“ betreiben. Gegen die Bundesregierung, gegen die EU, gegen die Nato. Krieg im Jahr 2016 wird nicht mehr nur mit Raketen und Panzern geführt. Sondern auch mit Software.

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos