Gewalt

Bundeskriminalamt: Jede Woche drei tote Kinder durch Gewalt

| Lesedauer: 3 Minuten
Beate Kranz

Neue Statistik: Die meisten Opfer sind jünger als sechs Jahre. Viele sterben durch Fahrlässigkeit

Berlin. Die Zahl ist erschreckend: 130 Kinder sind im vergangenen Jahr in Deutschland getötet worden, also im Schnitt fast drei Kinder in jeder Woche. Darunter waren auch fünf Jungen und drei Mädchen in Berlin. Mehr als die Hälfte von ihnen (68 Kinder) verlor ihr Leben aus Fahrlässigkeit, weil nicht gut auf sie aufgepasst wurde oder sie so schlecht behandelt wurden, dass sie ihr Leben lassen mussten. Dies entspricht einem Anstieg um 51 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. 16 Kinder wurden ermordet. Dies geht aus der Polizeilichen Kriminalstatistik hervor, die das Bundeskriminalamt (BKA) am Mittwoch in Berlin vorgelegt hat.

Die Todeszahl liegt damit bundesweit deutlich über dem Vorjahr mit 108 Fällen. Die meisten getöteten Kinder wurden vor zehn Jahren mit 202 Opfern registriert. Besonders schockierend: Vier von fünf Opfern waren zum Zeitpunkt ihres Todes jünger als sechs Jahre, 85 Kinder sogar unter drei Jahre alt. Zudem gab es 52 Tötungsversuche. „Kinder werden täglich Opfer von Gewalt und Misshandlung“, sagte BKA-Präsident Holger Münch. „Sie werden vernachlässigt, sexuell missbraucht und die Bilder des Missbrauchs im Internet veröffentlicht.“ Dabei bilde die Statistik nur einen Teil der Realität ab. „Wir müssen davon ausgehen, dass viele Taten unentdeckt bleiben.“ Bundesweit wurden 3929 Fälle von körperlicher Misshandlung von Kindern erfasst. Weitere 13.928 Kinder erfuhren sexuelle Gewalt. „Das sind fast 270 Fälle sexueller Gewalt gegen Kinder pro Woche und 38 Kinder pro Tag“, sagte Münch. Obwohl die Zahl um rund drei Prozent unter dem Vorjahr liege, sei dies kein Grund zur Entwarnung. Viele Kinder werden von Menschen aus ihrem Umfeld misshandelt, die sie kennen. Von Verwandten, Freunden oder Bekannten. „Die Aufklärungsquote liegt mit 80 Prozent deshalb hoch“, so Münch. Gleichzeitig sei die Dunkelziffer gerade in diesem Bereich groß, da viele wegen der Nähe zum Täter diesen nicht anzeigten.

Zur Prostitution wurden 77 Mädchen gezwungen. Viele der 14- bis 18-Jährigen wurden Opfer von Menschenhändlern. Beliebt sei die sogenannte Loverboy-Methode. Dabei nehmen Männer Kontakt zu minderjährigen Frauen auf Schulhöfen oder im Internet auf, gaukeln ihnen die große Liebe vor und zwingen sie zur Prostitution.

Das Internet spielt bei der sexuellen Ausbeutung eine immer größere Rolle. Über Sex-Dating-Portale gelangen zunehmend Bilder ins Netz, die schnell missbraucht werden können. Gerade pädophile Täter nutzen beim „sexting“ und „grooming“ die Arglosigkeit der Kinder und Jugendlichen aus, intime Bilder von sich freizugeben. So habe sich die Kinderpornografie seit 2000 um das Zweieinhalbfache erhöht. „Kinderpornografie ist ein Massenphänomen geworden“, so Münch.

Lücken räumte der BKA-Chef bei den rund 400.000 Flüchtlingskindern ein, die 2015 nach Deutschland kamen. Da ihre Fingerabdrücke nicht regis­triert werden, ist nicht immer gewiss, wo sie sich aufhalten. Ob sie Opfer von Menschenhändlern wurden, sei nicht bekannt. „Wir haben da leider ein Feld, das wir schwer überblicken können.“

Der Vorsitzende der Deutschen Kinderhilfe fordert mehr Geld und Zeit für den Umgang mit Kindern, sagte Rainer Becker: „Kinderschutz ist keine freiwillige Wohltätigkeit, sondern die originäre Pflicht des Staates.“

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