Berlin –

„Mobbing ist inzwischen ein Massenphänomen“

Berlin. Diplom-Psychologin Julia von Weiler ist Vorsitzende des Vereins „Innocence in Danger“. Sie ist Expertin für Cybermobbing und warnt seit Jahren vor der Veröffentlichung von privaten Fotos auf sozialen Netzwerken. Was einmal gepostet sei, sei unkontrollierbar.

Berliner Morgenpost: Wann beginnt Cybermobbing?

Julia von Weiler: Es ist eben nicht nur die Beleidigung: „Deine Haare sind aber hässlich!“ Sondern es ist die organisierte Verabredung: Der oder die ist das Opfer und dem geben wir jetzt einen mit und hören damit auch nicht auf.

Wie gelangen Kinder und Jugendliche in die Cybermobbingfalle?

Cybermobbing ist die digitale Fortsetzung dessen, was Kinder auf dem Schulhof erleben. Das Gemeinsein der anderen wird mit dem Handy fortgeführt und das macht es natürlich für die Betroffenen besonders entsetzlich, weil sie der Pein ohne Pause ausgesetzt sind. Dann gibt es Mädchen und Jungen, die verlieben sich und schicken ihrem Schwarm ein freizügiges Foto von sich und die werden dann verbreitet. Und dann gibt es diejenigen, die sich ausprobieren oder sich beweisen wollen und sich zu Dingen verleiten lassen, mit denen sie dann erst einmal gepostet gnadenlos psychischer und verbaler Gewalt ausgesetzt sind.

Wie erleben die Opfer die Situation?

Sie fühlen sich ohnmächtig, öffentlich bloß gestellt und ausgeliefert. Denn mit dem Smartphone kann ich mein Opfer jederzeit erreichen. Das Smartphone ist das ultimative Mittel für diese Form der Gewalt. Dazu kommt, dass die Betroffenen meist von ihren Freunden in der Situation allein gelassen werden. Weil sich niemand traut, öffentlich zu widersprechen. Sie haben Angst, das nächste Opfer zu werden.

Was hilft?

Nur Rückhalt hilft. Menschen, die sagen: Du bist nicht diese „Schlampe“ oder der „Arsch“, zu dem dich diese Gruppe machen will. Die haben nicht recht. Es braucht eine kritische Masse, die sich zu diesen Kindern stellt. Eltern sind oft genauso ohnmächtig, geben ihren Kindern aber Ratschläge zu Zivilcourage. Dabei lassen sie außer Acht, dass sie mit Kindern sprechen und nicht mit UN-Botschaftern.

Hilft es, aus den sozialen Medien auszusteigen?

Eigentlich nicht. Einerseits schneidet man sich von der normalen sozialen Kommunikation ab und zum anderen hat man ja das Bedürfnis, wissen zu wollen, was über einen gesagt wird und es nicht erst in der Schule zu erfahren.

Jedes vierte Kind ist betroffen. Es trifft also nicht mehr nur die Außenseiter.

Es betrifft die ganze „Generation Selfie“. Die Jungen und Mädchen leben in einer Zeit, in der sie animiert werden, sich zu präsentieren. In der sie aber gleichzeitig unglaublich aufpassen müssen, nicht zu viel von sich preis zu geben. Mobbing ist inzwischen ein Massenphänomen.

Was ist anders an der digitalen Zeit?

Wenn man sich gegenüber sitzt, dann sagt man bestimmte Dinge nicht. Wenn man aber schreibt: „Geh’ doch sterben“, dann ist das nicht so direkt. Aber die Botschaft bleibt die gleiche. Die sozialen Medien bieten mir, wenn ich schlechte Laune habe, eine ziemlich niedrigschwellige Affektabfuhr. Da mache ich mir dann kaum Gedanken, was das für mein Gegenüber heißt.

Deutschland liegt laut der Cybermobbing-Studie weit unten im Länderranking.

Das liegt am mangelnden gesellschaftlichen und politischen Willen, die bekannten Maßnahmen umzusetzen.

Es gab nach dem Fall Edathy eine Gesetzesverschärfung, was die Verbreitung von Bildern betrifft.

Ja, das ist eine Verbesserung. Aber viele dieser Gesetze werden nicht strikt genug umgesetzt. Was an den Strafverfolgungsbehörden liegt. Die vielen Fällen aus einer Abwägung von Personaleinsatz und Interesse nicht nachgehen.

Was würden denn für Maßnahmen helfen?

Aufklärung. Und zwar auf Augenhöhe. Denn die Jugendlichen sind Experten für soziale Netzwerke und ihre Lebenswelten.