Kriegsgedenken

Merkel und Hollande erinnern an das Grauen von Verdun

Angela Merkel und François Hollande gedenken der Schlacht von Verdun vor 100 Jahren. Sie warnen vor einer erneuten Spaltung Europas.

Der französische Präsident Francois Hollande und Bundeskanzlerin Angela Merkel gedachten am Sonntag des 100. Jahrestages der Schlacht von Verdun.

Der französische Präsident Francois Hollande und Bundeskanzlerin Angela Merkel gedachten am Sonntag des 100. Jahrestages der Schlacht von Verdun.

Foto: Mathieu Cugnot / dpa

Verdun.  Die Bundeskanzlerin traf mit Verspätung ein, doch das konnte ihr aufgrund des miserablen Wetters in Lothringen niemand übel nehmen. Auch Frankreichs Präsident François Hollande tat das nicht, der Angela Merkel bei der Begrüßung persönlich einen schützenden Regenschirm über den Kopf hielt. Als präsidialer Schirmträger diente Hollande seinem Ehrengast kurz darauf gleich noch einmal auf dem deutschen Soldatenfriedhof Consenvoye. Dort legten die beiden Politiker einen Kranz für die 12.000 Soldaten nieder, die dort ihre letzte Ruhestätte fanden.

Es war der erste Akt in einer dichten Zeremonienabfolge, mit dem die einstigen Kriegsgegner Deutschland und Frankreich am Sonntag des 100. Jahrestages der Schlacht von Verdun gedachten. Der mörderische Waffengang gilt für viele als Symbol für den Wahnsinn des Krieges. 300 Tage dauerte das „Große Sterben“ 1926 in diesem brutalen Stellungskrieg, der 800.000 Tote und Verwundete forderte.

Hollande: Die Kräfte der Abschottung sind am Werk

Der Name Verdun stehe „sowohl für unfassbare Grausamkeit und die Sinnlosigkeit des Krieges als auch für die Lehren daraus und die deutsch-französische Versöhnung“, erklärte Angela Merkel im Rathaus der nordost­-französischen Stadt und setzte hinzu: „Nur wer die Vergangenheit kennt, kann auch Lehren aus ihr ziehen und dadurch eine bessere Zukunft gestalten.“ Und: „Hier ist die Geschichte beklemmend nah. Verdun lässt uns nicht los. Verdun kann und darf uns nicht loslassen.“

Was das genau bedeutet, machte die Bundeskanzlerin bei einer gemeinsamen Gedenkfeier mit Hollande klar. „Rein nationalstaatliches Denken und Handeln würden uns zurückwerfen“, betonte Merkel. „Das gilt für die Bewältigung der europäischen Staatsschuldenkrise und für den Umgang mit den vielen Menschen, die bei uns Zuflucht suchen, wie auch für alle großen Herausforderungen unserer Zeit.“ Präsident Hollande sekundierte auf der Feier: „Die Kräfte der Spaltung, der Abriegelung, der Abschottung sind wieder am Werk.“

Es war ein flammender Appell für ein einiges Europa, um das es in diesen Tagen nicht gut bestellt ist. Bei einem Arbeitsessen in der Präfektur von Verdun machten Merkel und Hollande dies deutlich. Zwar befürchtet derzeit niemand, dass es zu einem neuen Weltkrieg auf dem Kontinent kommen könnte. Doch die allgegenwärtige EU-Malaise warf ihre Schatten auf die Gespräche. Es ging um die Flüchtlingskrise, die Gefahr eines Brexits, den wachsenden Rechtspopulismus und die sich vor allem in Osteuropa ausbreitenden autoritären Regierungen.

Keine Frage, die EU droht in eine Phase höchster Instabilität abzugleiten. Für Merkel und Hollande ist dies eine Mahnung der „Hölle von Verdun“, wie der Krieg vor 100 Jahren genannt wurde: Europa braucht mehr Zusammenhalt. Die deutsch-französische Aussöhnung wurde durch den Ausgleich mit den früheren „Erbfeinden“ möglich. Dazu zählt auch der EU-Integrationsprozess. Ein Gedanke, der derzeit nicht überall Anhänger hat. Ähnlich sahen dies die EU-Granden, die an dem Arbeitsessen teilnahmen: der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, der Chef der EU-Kommission, Jean-Claude Juncker, sowie der Präsident des Europäischen Rats, Donald Tusk.

Schlamm von Verdun legendär

Es regnete am Sonntagnachmittag nicht nur, es schüttete stundenlang. Der aufgeweichte Boden verwandelte sich in Schlamm, durch den die Teilnehmer stapften oder rutschten, sobald sie aus ihren Fahrzeugen stiegen.

Der Schlamm von Verdun ist legendär. Bereits in der Schlacht vor 100 Jahren waren deutsche und französische Soldaten in der aufgeweichten Erde versunken. Der Schlamm war so berüchtigt, dass er im Mémorial der Stadt unter Plexiglas verewigt wurde. Er gehörte zu den schlimmsten Geißeln der Kämpfenden. Über ihn wurde in den Feldpostbriefen genauso nachhaltig geklagt wie über den Gestank, die Krankheiten, die Nässe, das Giftgas oder das ohrenbetäubende Artilleriefeuer.

Spätesten am Nachmittag wurde deutlich, dass Bundeskanzlerin und Präsident den Akzent weniger auf die Aussöhnung zwischen Deutschen und Franzosen legten. Sie ist inzwischen Alltag. Die Sympathie, ja die Freundschaft, die die Nachbarn am Rhein füreinander hegen, ist längst tief genug, um selbst von politischen Spannungen zwischen Élysée-Palast und Kanzleramt nicht überschattet zu werden. Es geht heute vielmehr um den Zusammenhalt Europas, um das gemeinsame Ziel der Gemeinschaft. Auf dem Spiel steht die Solidarität der Mitgliedstaaten, um die es gerade in der Flüchtlingskrise nicht gut bestellt ist. Auch zwischen Paris und Berlin knirscht es in dieser Frage gelegentlich.

Schlöndorff inszenierte Totentanz auf dem Gräberfeld

Am Sonntag schritten Merkel und Hollande zur feierlichen Einweihung des von Grund auf renovierten Mémorials von Verdun und enthüllten dort eine Gedenktafel. Deren Botschaft wäre vor 32 Jahren keineswegs überall auf Verständnis gestoßen: „Deutsche wie Franzosen wünschen sich, dass ihr Opfer nicht in Vergessenheit geratet. Lieber Besucher, verstehe. Und erinnere Dich dieser gemeinsamen Geschichte.“

Die Dauerausstellung des Mémorials, die zuvor eine rein nationale Denkstätte zur Glorifizierung der „heroischen Abwehrschlacht von Verdun“ war, wurde völlig umgestaltet. Nun präsentiert sie dem Besucher auch den deutschen Blick auf das Grauen des Schlachtfelds von Verdun. Eine Umwidmung, die Kuratorin Edith Desrousseaux de Medrano als eine „kleine Revolution“ bezeichnet. Aber schließlich hätten Deutsche und Franzosen hier in ihren mancherorts nur wenige Meter voneinander entfernten Schützengräben dieselben Schrecken durchlitten.

Abschließend besuchten zwar auch Merkel und Hollande das Beinhaus von Douaumont, wo die Knochenreste von 130.000 nicht identifizierten französischen und deutschen Soldaten liegen. Doch sie nahmen dort an einer von dem deutschen Regisseur Volker Schlöndorff „ohne Pomp und Militär“ inszenierten Choreographie teil, bei der 3400 Jugendliche aus beiden Ländern mitmachten. Die Schüler führten, von rhythmischen Trommelwirbeln begleitet, auf dem Gräberfeld einen wilden Totentanz auf.

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