Parteitag

Linkspartei zeigt sich zerstritten über ihren künftigen Kurs

Die Torten-Attacke auf Sahra Wagenknecht eint die Führung der Linkspartei auf dem Parteitag in Magdeburg – aber nur für kurze Zeit.

Delegierte auf dem Bundesparteitag der Linkspartei in Magdeburg. Das Treffen zeigte: Die Linke-Führung ist uneins, es ist keine Strategie erkennbar.

Delegierte auf dem Bundesparteitag der Linkspartei in Magdeburg. Das Treffen zeigte: Die Linke-Führung ist uneins, es ist keine Strategie erkennbar.

Foto: Hendrik Schmidt / dpa

Magdeburg.  Parteichef Bernd Riexinger hält gerade eine für seine Verhältnisse lebendige Rede, als es vor ihm laut wird. Aktivisten werfen Flugblätter in die Luft – und ein Mann schmeißt Sahra Wagenknecht eine Schokoladentorte mitten ins Gesicht.

Ihr Co-Fraktionschef Dietmar Bartsch springt sofort auf, beugt sich schützend über sie. Parteichefin Katja Kipping hält einen Pullover vor Wagenknecht, will verhindern, dass die Kameras alles einfangen. Kipping verurteilt den Tortenwurf kurz danach als „Angriff auf uns alle“. Bartsch nennt die Attacke „asozial“, „hinterhältig“ und „dumm“. Im Saal herrscht Betroffenheit, auch weil Wagenknechts Mann Lafontaine 1990 bei einer Messerattacke schwer verletzt wurde. Im Flugblatt ziehen die Aktivsten der Gruppe „Torten für Menschenfeinde“ Parallelen zwischen Wagenknecht und der AfD. Vor den Landtagswahlen im März hatte sie mit Blick auf die Flüchtlinge von „Kapazitätsgrenzen und Grenzen der Aufnahmebereitschaft der Bevölkerung“ gesprochen. Wagenknecht wischt sich mit einem Tuch die Torte aus dem Gesicht – und lässt sich erst mal ins Hotelzimmer fahren.

Riexinger räumt Niederlage bei Landtagswahlen ein

Die Linke-Ikone steht jetzt in einer Reihe mit Joschka Fischer, der auf einem Grünen-Parteitag mit einem Farbbeutel beworfen wurde. Und nicht nur das: Der Tortenwurf führt dazu, das etwas passiert, was sonst nie passiert: Die Linke-Führung hält zusammen. Zeigt Solidarität.

Einer für alle, alle für einen. Das verdeckt für kurze Zeit, wie uneins sich die Linke-Führung ist. Es ist keine Strategie erkennbar: Wo soll es hingehen? Will die Linke pragmatisch werden, vielleicht sogar in eine rot-rot-grüne Koalition eintreten? Oder will sie harte Opposition üben? Einig ist man sich, dass man sich uneinig ist.

Eine andere Art der Attacke – auch auf Wagenknecht – gab es kurz vor dem Parteitag. Der Ex-Fraktionschef Gregor Gysi sagte, er halte die Führung der Linken für „saft- und kraftlos“. Wagenknecht keilte zurück. Gysi, so heißt es, war beleidigt, weil er auf dem Parteitag keine Rede halten durfte. Der Mann, der die Linke und die PDS in den vergangenen 25 Jahren geprägt und geformt hat wie kein anderer, scheint so missgelaunt, dass er noch nicht mal zum Parteitag nach Magdeburg kommt. Stattdessen ist er in der Republik unterwegs, liest in verschiedenen Städten aus verschiedenen seiner Büchern.

Doch Gysi ist nicht der einzige Alte, der Unruhe in die Partei trägt. Gerüchten zufolge soll Oskar Lafontaine, Ex-Parteichef und Mann von Sahra Wagenknecht, hinter den Kulissen dafür gesorgt haben, dass Katja Kipping ein schlechtes Wahlergebnis bekommt.

Katja Kippings Rede ist kämpferischer, manchmal schreit sie. Horst Seehofer ist für sie „der irre Grenzfetischist aus Bayern“. Den EU-Regierungschefs will sie wegen der Flüchtlingspolitik ins Gesicht schreien. Sie will „Europa neu gründen“ und zitiert Rosa Luxemburg. Unklar ist, wie dieses neue Europa genau aussehen soll. Der brave Riexinger, lange Jahre Betriebsrat bei einer Bank in Baden-Württemberg, schimpft in seiner Rede auf alles Mögliche. Also auch auf Donald Trump, „im Übrigen ein Riesenarschloch“. Leiharbeit nennt er „moderne Sklaverei“. Er fordert eine „Obergrenze für Reichtum“. Er räumt die „schwere Niederlage“ bei den Landtagswahlen im März ein. Riexinger war Spitzenkandidat in Baden-Württemberg, wo es die Linke noch nicht mal in den Landtag schaffte. Jetzt fordert er: „Wir müssen wieder näher an die Menschen ran.“ Er sieht es als „Alarmzeichen“, dass viele Arbeiter und Arbeitslose AfD wählen.

Es wird viel geredet, entschieden nicht viel

Die Delegierten reden in Magdeburg über alles Mögliche. Einer findet die Flüchtlingspolitik der großen Koalition „rassistisch“. Eine andere beobachtet: „Truppen marschieren gegen Russland auf.“ Am Anfang wird lange über das elektronische Abstimmungsverfahren debattiert. Bundesgeschäftsführer Matthias Höhn mahnt: „Liebe Genossinnen und Genossen, es ist immer noch zu laut im Saal.“ Es wird viel geredet. Entschieden wird nicht viel.

Am Nachmittag kehrt Sahra Wagenknecht zurück. Das schmutzige rote Kostüm hat sie durch ein blaues ersetzt. Sie wirkt gefasst. Vor den Fernsehkameras verurteilt sie die Aktivisten für deren „saudämliche Aktion“. Es sei eine „Unverschämtheit“, dass diese „politischen Analphabeten“ sie auf dem Flugblatt mit AfD-Funktionärin Beatrix von Storch verglichen hätten.

Auf dem Parteitag wird erzählt, der Tortenwurf sei für Sahra Wagenknecht durchaus heftig gewesen. Auch ist unklar, warum ihre Personenschützer vom Bundeskriminalamt die Aktivsten der Gruppe „Torten für Menschenfeinde“ nicht aufhalten konnten. Die Polizei vernahm den Tortenwerfer und setzte ihn dann wieder auf freien Fuß. Gegen den 23-Jährigen aus Weißenfels (Sachsen-Anhalt) wird nun wegen Körperverletzung und Sachbeschädigung ermittelt. Die Linke-Politikerin selbst ließ offen, ob sie Strafanzeige stellt. Die Parteiführung der Linken will laut einer Sprecherin auf jeden Fall Strafanzeige stellen. Doch klar ist: Durch diese Aktion hat Sahra Wagenknecht noch mehr Aufmerksamkeit erhalten, als sie ohnehin bekommen hätte.

Die Wiederwahl von Riexinger und Kipping gerät da fast in den Hintergrund. Am Ende geht es für sie einigermaßen glimpflich aus. Kipping, für die ein schlechtes Ergebnis prognostiziert wurde, erhält 74 Prozent der Delegiertenstimmen (77 Prozent vor zwei Jahren). Riexinger liegt bei 78,5 Prozent – was zum Vergleich zu 89 Prozent im Jahr 2014 schwach ist.