Obama in Hiroshima

Obama in Hiroshima - Kein Moment für die Geschichtsbücher

Obama in Hiroshima. Das ist von großer Bedeutung. Und doch wird es nicht als großer emotionaler Moment in die Geschichte eingehen. Ein Kommentar.

U.S. President Barack Obama (L) umarmt Shigeaki Mori, der die Atombombe von Hiroshima überlebte

U.S. President Barack Obama (L) umarmt Shigeaki Mori, der die Atombombe von Hiroshima überlebte

Foto: CARLOS BARRIA / REUTERS

Symbole spielen in Geschichte und Politik eine wichtige Rolle. Sie können zu unvergesslichen Gesten der Versöhnung zwischen Völkern werden, wenn sie sich spontan aus der Situation heraus ergeben und lange über den Tag hinaus Emotionen auslösen. Willy Brandt ist das mit seinem Kniefall am Ehrenmal für die Toten des Warschauer Gettos 1970 in der polnischen Hauptstadt gelungen.

14 Jahre später auch den damaligen Staatslenkern Frankreichs und Deutschlands, als sich François Mitterrand und Helmut Kohl an den Gräbern von Verdun die Hände reichten. Zwei emotionale Momente, die in die Geschichte eingegangen sind. Von dieser Größe kündet der Besuch des amerikanischen Präsidenten Barack Obama in Hiroshima nicht. Und doch ist er für die Beziehungen zwischen den einstigen Kriegsgegnern, die zu Verbündeten und Freunden geworden sind, von großer Bedeutung. Vor allem für Japan.

Zum ersten Mal nach dem Abwurf der beiden Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945 durch US-Bomber hat ein amerikanischer Präsident einen der beiden Orte apokalyptischer Vernichtung aufgesucht. Allein in Hiroshima starben unmittelbar nach Ausbruch des Infernos mehr als 70.000 Menschen, bis Ende des Jahres verdoppelte sich die Zahl der Toten, bis heute leiden Menschen unter den Spätfolgen nuklearer Verstrahlung.

Kaum Verständnis für eine Entschuldigung

Was für die Japaner zum Trauma wurde, gilt für die überwiegende Mehrheit der Amerikaner bis heute als ebenso erfolgreicher wie gerechtfertigter Militäreinsatz, um eigene Opfer zu verhindern und den Krieg auch in Fernost endlich zu beenden. Selbst wenn Obama für sich persönlich zu einer Entschuldigung oder einer Geste mit Bitte um Vergebung bereit gewesen wäre, hätte er dafür in der Heimat kaum Verständnis gefunden, wohl aber durchweg scharfe Kritik geerntet.

Eine glaubwürdige Geste der Entschuldigung oder Versöhnung 71 Jahre nach dem Bombenabwurf war für Obama deshalb am Donnerstag in Hiroshima kaum denkbar. Schon gar keine spontane, wie einst die Willy Brandts in Warschau und die von Kohl und Mitterrand in Verdun.

Allein der Besuch eines amerikanischen Präsidenten am Mahnmal im Friedenspark von Hiroshima war das ersehnte Signal guten Willens, auf das die Japaner so lange gewartet haben. Zu Recht dankte Japans Ministerpräsident Shinzo Abe denn auch Obama für dessen „schwierige, aber wundervolle Entscheidung“. Der lenkte in dieser für ihn so heiklen Mission den Blick klugerweise nach vorn.

Dem Gedenken an „alle Unschuldigen, die während dieses Krieges ums Leben gekommen sind“, folgten das Bekenntnis, aus der Geschichte gelernt zu haben, und die Aufforderung, „Lehren aus Hiroshima“ zu ziehen. Davon allerdings ist die Welt weit entfernt, solange rund 15.000 Atomwaffen in den Arsenalen großer wie kleiner Mächte gebunkert sind.

Gesten nicht planen

Dass sich Gesten für die Geschichtsbücher weder planen noch wiederholen lassen, haben Frankreichs Staatspräsident François Hollande und Bundeskanzlerin Angela Merkel verstanden, wenn sich beide Sonntag wie einst Mitterrand und Kohl in Verdun treffen. Auch sie wollen dort, wo vor 100 Jahren eine der grausamsten Schlachten der Kriegsgeschichte mit Hunderttausenden Toten tobte, das historische Gedächtnis beleben. Nicht minder wichtig ist aber auch ihnen der Blick in die Zukunft.

In einer Inszenierung des frankophilen deutschen Filmregisseurs Volker Schlöndorff im Auftrag des französischen Staatspräsidenten sollen 4000 französische und deutsche Jugendliche in das Gebeinhaus von Douaumont hinabsteigen. In ihm lagern die Gebeine von 130.000 französischen und deutschen Soldaten. Gedacht als Mahnung vor allem an eine zunehmend geschichtsverlorene Jugend, wie wichtig Frieden und Verständigung sind.

Eine Botschaft, die angesichts eines zerbröselnden europäischen Einigungswerks nach zwei großen Kriegen kaum eindringlicher sein kann.

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