Politik

Die unterschiedliche Sicht auf die Weltkriege

Für die Franzosenist der 1. Weltkrieg noch viel präsenter als bei den Deutschen

Als Schüler durfte ich am 11. November nie lange ausschlafen. Und dies obwohl dieses Datum seit Anfang der 20er-Jahre in Frankreich ein Feiertag ist. An diesem Tag gedenkt das Land des Waffenstillstands von 1918 und damit dem Ende der „grande guerre“, des 1. Weltkrieges. In meinem kleinen Dorf liefen die Schulklassen jedes Jahr zum Mahnmal für die Gefallenen neben der Kirche. Wir hörten uns die Reden der Veteranen und des Bürgermeisters an. Eine Kapelle spielte. Die Marseillaise ertönte.

Der Besuch von Monsieur Bouillon an unserer Grundschule war ein wichtiges Ereignis. Der ältere Herr erzählte uns mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des Krieges von den Schrecken, die er dort erlebte. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob er selbst in Verdun gekämpft hat. Aber die Wahrscheinlichkeit ist groß. Zwischen Februar und Dezember 1916 wurden 80 Prozent der französischen Soldaten für eine kurze Zeit bei der Schlacht aller Schlachten eingesetzt. 360.000 „poilus“, so der Spitzname der französischen Soldaten kamen nicht zurück. 340.000 Deutsche starben in diesem deutsch-französischen Gemetzel.

Am Sonntag werden sich François Hollande und Angela Merkel in Verdun treffen, um des 100. Geburtstag der Schlacht zu gedenken. Die beiden können und wollen nicht die ikonenhafte Geste von François Mitterrand und Helmut Kohl wiederholen, als die beiden großen Europäer an gleicher Stelle 1984 Hand in Hand der Toten der Schlacht gedachten, geeint in einer gemeinsamen Erinnerung an eine Vergangenheit voller Hass zwischen beiden Ländern.

In Deutschland wird man einige Bilder in der Tagesschau sehen. In Frankreich gehört diese Begegnung zu einem recht gefüllten Gedenkjahr. Immer noch spielt der 1. Weltkrieg eine größere Rolle in der französischen Erinnerungskultur. In jeder Familie findet man einen Urgroßvater, der in Verdun gekämpft hat. Dagegen fällt die Zahl der Verluste im 2. Weltkrieg wesentlich bescheidener aus. Die Schlachten des 1. Weltkriegs fanden vor allem in Frankreich statt, wo sich die Erinnerungsorte befinden. Das Gedenken an den Mythos einer geeinten Nation, an den brüderlichen Geist in den Gräbern, an heldenhafte Taten der Veteranen wurde stets gepflegt.

In Deutschland dagegen assoziiert man den 11. November eher mit dem Start des Karnevals. Politisch war das Ende des 1. Weltkriegs hierzulande eher mit heftigen Polemiken und Instrumentalisierungen verbunden. Die Dolchstoßlegende wurde geboren. Nicht umsonst zwingt Hitler das besiegte Frankreich 1940 den Waffenstillstand im gleichen Waggon zu unterschreiben, wo ein ähnliches Dokument zuungunsten Deutschlands 1918 unterschrieben wurde. Kurz nachher wird der Waggon nach Berlin gebracht. Die Trophäe wird am Brandenburger Tor und im Lustgarten ausgestellt. In Deutschland bleibt der 1. Weltkrieg im kollektiven Bewusstsein im Schatten des Dritten Reiches. Wenn überhaupt interessierte man sich lange vor allem nur für seine Bedeutung für die spätere Entwicklung des Nationalsozialismus. Vor zwei Jahren gedachte Frankreich des Beginns des 1. Weltkriegs mit zahlreichen Veranstaltungen. Die langjährigen Vorbereitungen erinnerten an das 200. Jubiläums der Revolution von 1789. In Paris staunte man über die deutsche Zurückhaltung. 2013 sah sich das Auswärtige Amt gezwungen, einen Beauftragten zu ernennen.

Ein Jahr später wurden rund 1000 Projekte in Frankreich veranstaltet. Diese Erinnerung kommt nicht nur von oben. Das beweist der Erfolg mancher Bücher und Filme wie zahlreiche Initiativen vor Ort rund um das Schicksal einzelner Soldaten. Als in Frankreich der letzte „poilu“ Lazare Ponticelli 2008 verstarb, wurde für ihn eine nationale Gedenkveranstaltung in Paris veranstaltet. In allen Schulen fand eine Schweigeminute statt. Einige Wochen früher war der letzte deutsche Soldat des 1. Weltkriegs Erich Kästner verstorben. Die Öffentlichkeit erfuhr es am Rande. Eine offizielle Reaktion fehlte.

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