Präsidentenamt

Österreich vor der Wahl: Der höfliche Populist

Bei der Stichwahl zum Präsidentenamt tritt ein Rechter gegen einen Grünen an. Das Land ist gespalten. Kippt es jetzt nach rechts?

Kandidat mit guten Chancen: Rechtspopulist Norbert Hofer

Kandidat mit guten Chancen: Rechtspopulist Norbert Hofer

Foto: Christian Bruna / dpa

Pinkafeld.  Eines wäre ihm wichtig, meint Franz Rechberger dann noch. „Dass Pinkafeld nicht als irgendwie rechts rüberkommt.“ Rechberger sitzt für die Sozialdemokraten im Gemeinderat und gerade im Eiscafé, hat sich den Platz hinten in der Ecke gesucht und kann nicht verhindern, dass die Frauen zwei Tische weiter den Herrn Rechberger und seine Gäste misstrauisch mustern, als sie das Wort „rechts“ hören. Rechts? Aber nein, sagt Rechberger. Hier im Gemeinderat verfüge die SPÖ über eine satte absolute Mehrheit. Und es gebe auch Flüchtlinge in Pinkafeld. „Bevor Sie kamen, sind zwei dunkelhäutige Mädchen hier vorbeigegangen“, sagt Rechberger. „War überhaupt kein Problem.“

So sieht Rechberger das. Seine Sozialdemokraten koalieren im Burgenland mit den Rechtspopulisten der FPÖ, den Freiheitlichen. Rechberger stemmt seine Worte gegen einen Turm, der langsam kippt. Nach rechts. Der Turm ist Österreich. Ganz oben sitzt Norbert Hofer.

Hofer hat gute Chancen, bei der Wahl am Sonntag Österreichs neues Staatsoberhaupt zu werden. Der Rechtspopulist ist Kandidat der FPÖ. 1971 ist er in Pinkafeld geborgen. Vor hundert Jahren gehörte das Burgenland noch zu Ungarn, und so sieht es auch heute noch aus. Zwiebelturm über der schmalen Kirche, flache Häuser, Postkarten-Idylle. Pinkafeld, 5600 Einwohner, ist ein früheres Tuchmacherstädtchen. Bis vor kurzem kannte niemand diesen Ort. Und kaum jemand kannte Norbert Hofer.

Österreich ist gespalten – in rechts und bürgerlich-links

Das ändert sich gerade. Hofer ist beliebt, zumindest bei einem Teil der Österreicher. Das Land ist gespalten – in rechts und links. In der letzten Umfrage sprachen sich 53 Prozent für Hofer als neuen Präsidenten aus. 47 Prozent für den Kandidaten der Grünen, den 72 Jahre alten Wirtschaftsprofessor Alexander Van der Bellen. Es ist eine Stichwahl. Eine Zukunftswahl. „Vor allem Menschen mit weniger hoher Schulbildung wählen FPÖ und Hofer“, sagt der Politikwissenschaftler Peter Filzmaier von der Donau-Universität in Krems im Gespräch mit unserer Redaktion. Würden nur Menschen mit Abitur wählen, stünde der Grüne Van der Bellen klar auf Platz eins. „Je weiblicher die Wähler, desto grüner. Je männlicher, desto mehr stimmen sie für Hofer.“

Und die beiden Ränder kämpfen nun um die Mitte. Die traditionellen Parteien von SPÖ und der konservativen ÖVP sind schon geschlagen, erstmals in der Geschichte Österreichs werden sie nicht das Staatsoberhaupt stellen. Norbert Hofer gelänge ein Coup der Rechtspopulisten. Zwar hat der Präsident in Österreich wie in Deutschland lediglich repräsentative Aufgaben, doch auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise wählt das Land einen Rechtspopulisten an die Spitze des Staates. Sein Aufstieg steht symbolisch für den Rechtsruck in Europa.

„Die Wahl Hofers ist auch eine Protestwahl“, sagt Filzmaier. 80 Prozent der Österreicher zeigen sich in Umfragen enttäuscht und verärgert über die Politik der Regierung. „Hofer war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Er ist auf der rechten Seite Sprachrohr für Frust und Ängste. Auf der linken Seite steht Van der Bellen für die Unzufriedenheit mit der Regierung.“

Hofer gibt sich freundlich – und volksnah

In Pinkafeld kennen sie Norbert Hofer sehr gut, und schon lange. Von der Kasse am Supermarkt, oder vom Sportplatz. Er lebt hier in einem Einfamilienhaus, die Frau ist Pflegerin hier im Altenheim. Hofer gibt sich betont freundlich, volksnah. Als die Tochter in die Schule gekommen ist, sind die Hofers aus Eisenstadt zurück in die Heimat gezogen. Ein „sympathischer Bursche“, „immer freundlich“, sagt Rechberger. Hofer gilt als das smarte und freundliche Gesicht der zutiefst europakritischen FPÖ. Der nette Nationalist, zumindest nach außen. Vor Anhängern ist er auch mal weniger zahm: Migranten nannte er „Invasoren“. In Pinkafeld ist Hofer Ehrenmitglied der völkisch-deutschnationalen Burschenschaft Marko-Germania.

Im ersten Wahlgang hat Pinkafeld schon zu 61 Prozent Norbert Hofer gewählt, und im zweiten, am Sonntag, werden es noch mehr sein. Mit Traditionen hat das nichts zu tun – wie es sie etwa in Kärnten gibt mit seinen roten, schwarzen, braunen oder „blauen“ Häusern. Nazis gab es natürlich. Graue Eminenz der hiesigen FPÖ war bis in die Neunzigerjahre hinein ein Ex-Gauleiter, dem Honoratioren aller Parteien ihre Aufwartung machten. Jetzt ist er schon 20 Jahre tot. Norbert Hofers Vater Gerwald saß lange für konservative ÖVP im Gemeinderat, als die hier noch dominant war.

Der Sohn interessiert sich erstmal vor allem fürs Fliegen: Erst Modell-, dann Segel, dann Motorflugzeuge. Schon mit vierzehn zieht er weg aus dem Elternhaus, ins 90 Kilometer entfernte Eisenstadt. Doch seinem Geburtsort blieb Hofer immer verbunden. „Mein Burgenland, meine Heimat“ sei für ihn „die schönste Landschaft der Welt“, hat er einmal gesagt, und „die Menschen“ dort sind „bescheiden, fleißig und ehrlich und vor allem eines: stolz auf ihre Heimat.“ Die Heimat, das ist die Partei. National, die Ideologie. Fremde sind für die FPÖ vor allem eine Bedrohung.

Hofer ist kein Neonazi – aber er spielt mit Grenzen des Nationalismus

Hofer wettert gegen das Freihandelsabkommen TTIP, gegen die EU – und gegen Migranten, die das Land überfordern würden. Er schimpft über Angela Merkel und die Willkommenskultur. Unter FPÖ-Wählern stimmten 80 Prozent der Aussage zu, dass „die hohe Geburtenrate bei zugewanderten Musliminnen eine Gefahr für das österreichische Volk“ sei. Die FPÖ funktioniert auch mit Angstmache. Hofer verpackt sie nur sehr höflich.

Ein Neonazi ist Hofer nicht. Anders etwa als der langjährige FPÖ-Frontmann Heinz-Christian Strache, der in seiner Jugend zur Neonaziszene gehörte. „Er ist ein Nationaler an der Grenze zum Nationalismus“, sagt Politologe Filzmaier. Hofer geht einen schmalen Grat in dieser Partei. Doch manchmal überschreitet auch er ihn. 2011 ließ sich Hofer von zwei politisch aktiven Rechtsextremisten befragen, das Interview erschien in einer NPD-nahen Zeitschrift. Und auch Hofer gleitet ab in populistische Töne. Als sein Kontrahent Van der Bellen sagte, er würde als Präsident keine Regierung unter einem FPÖ-Kanzler vereidigen, bezeichnete Hofer ihn als „faschistischen Diktator“.

Und Politologe Filzmaier hebt hervor, dass die FPÖ „keine reine rechtspopulistische Partei“ sei. „Sie verwendet auch klassische linke Schlagwörter, wie etwa mehr Sozialstaat.“ Das sei typisch für moderne rechte Parteien, „das erkennen wir auch in Polen oder bei der AfD in Deutschland.“ Und doch nutze Hofer auch die Ängste der Wähler aus.

Hofer perfektioniert Gestik und Mimik

Fünf war er, als die ältere Schwester an Krebs starb und gebrochene Eltern hinterließ. Der Aufnahme in die Klasse für Flugtechniker ging ein hartes Aufnahmeverfahren voraus. Früh in die erste Ehe. Rasch kommen drei Kinder. Hofer, nun schon in der Politik, studiert „Neurolinguistisches Programmieren“ – und er beobachtet sich selbst sich hunderte Male auf Video, lernt seine Gesprächspartner „spiegeln“, nachahmen, dominieren. Kommunizieren ist Technik – Hofer programmiert sich und seine politischen Gesten wie eine Software. Lächeln auf Knopfdruck. Aus Fragen des Gegenübers ein Wort herauspicken, sich von Argumenten nicht beeindrucken lassen: Wie man das macht, hat Hofer schon in Dutzenden TV-Duellen vorgeführt.

Der Langläufer und Mountainbiker ist gerade zum zweiten Mal verheiratet und zum vierten Mal Vater, als er mit dem Paragleiter ungebremst fünfzehn Meter abstürzt und sich fünf Wirbel bricht. Hofer geht bis heute am Stock, spürt seine Fußsohlen nicht. Politik macht Hofer, als er 22 ist. Es ist die große Zeit des radikalen Rechtspopulisten Jörg Haider. Doch in Pinkafeld ist dessen FPÖ lange bloß die One-Man-Show eines älteren Lehrers.

Was sich verändert hat, bis hier die Rechten auf 61 Prozent gekommen sind, spüren vor allem die, die nicht dazugehören – Georg Gossy etwa, ein junger Koch, der sich viele Gedanken macht über seine Heimat, seit er nach Jahren der beruflichen Wanderschaft zurückgekehrt ist. Geneckt wurde er, der Linke, immer schon, sagt er, „aber der Ton wird härter“. Einen „Scheiß-Schmarotzer“ haben ihn Altersgenossen sogar schon genannt, ihn, den früheren Berufssoldaten und hart arbeitenden Küchenchef und Gastwirt, und ihm sogar gedroht: „Du stehst auf unserer Liste.“ Pinkafeld hat sich verändert. Österreich hat sich verändert.

Der Erfolg der FPÖ kam nicht über Nacht

Der Ton ist neu, und die ihn anschlagen, kennen ihn nicht von zu Hause. „FPÖ-blaue“ Elternhäuser gibt es hier kaum, sagt Gossy, eher schon rote und schwarze. Der „Oberblaue“ von Pinkafeld, der Lehrer, hat seinen Sitz im Gemeinderat zwar dem Sohn vererbt. Der aber will von Ideologie nichts wissen. Es stimmt auch nicht mehr, dass man über die Nazizeit hier nichts erfährt. „Das Tagebuch der Anne Frank war bei uns schon Hauptschulstoff“, erzählt Gossy.

Doch über die Jahre stieg der blaue Grundwasserspiegel. Und Norbert Hofers Gesicht hängt heute auf Plakaten im ganzen Land. Die FPÖ hat für ihren Wahlkampf offiziell mehr als 3,4 Millionen Euro ausgegeben. Mehr als eine Million mehr als SPÖ und ÖVP.

Das neue Österreich hat sich jetzt auch ganz offiziell zusammengefunden. Seit einem Jahr regiert in Hofers Burgenland eine „rot-blaue“ Koalition aus Sozialdemokraten und rechten Freiheitlichen, eine Kombination, die hier niemand als widernatürlich empfindet. Zwischen die Regierungsparteien passt inzwischen kein Blatt. Der „rote“ Landeshauptmann Hans Niessl will mit den „Blauen“ ein neues Sicherheitskonzept durchsetzen: Wo es schon keine Grenzkontrollen geben darf, soll künftig eben eine private Sicherheitsfirma patrouillieren. Hofer hat für seine Partei das Programm geschrieben. Das Arbeitsamt soll nur noch Österreicher vermitteln, Inländer und Ausländer sollen in getrennte Sozialkassen einzahlen.

Die neue Allianz schlägt bis in die Gemeinden durch. Im Nachbarstädtchen von Pinkafeld taten „Rote“ und „Blaue“ zusammen. „Diskutiert wird so etwas nicht“, erzählt die sozialdemokratische Gemeinderätin Miriam Herlicska. Der Landesrat war aus der Landeshauptstadt angereist, der Ortsparteichef verkündete die neue Linie auf einer Pressekonferenz. Woanders wäre die engagierte Betriebselektrikerin mit ihren 27 Jahren die große Nachwuchshoffnung der Sozialdemokratie. Herlicska ist aus der Partei inzwischen ausgetreten.