Hamburg –

Ärztepräsident Montgomery: Deutsch-Pflicht für Ärzte aufheben

| Lesedauer: 3 Minuten
Cornelia Werner und Christoph Rybarczyk

Krankenkassen sollen Dolmetscher-Service für ausländische Patienten bezahlen – Ärztetag berät über Flüchtlingsversorgung

Hamburg. Nächste Woche beginnt in Hamburg der Deutsche Ärztetag. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, spricht im Morgenpost-Interview über die Versorgung von Flüchtlingen und die Kritik der Ärzteschaft an der medizinischen Betreuung von Piloten mit Blick auf den Germanwings-Absturz.

Berliner Morgenpost: Gibt es für die Versorgung der Flüchtlinge in Deutschland genug Ärzte?

Frank Ulrich Montgomery: Wenn diese Menschen alle bleiben, was nicht zu erwarten ist, müssen wir das in unseren Überlegungen zum Bedarfsplan für Krankenhausbetten und die Zulassung von Ärzten berücksichtigen. Wir haben zwischen 1985 und 1992 schon einmal sechs Millionen Menschen in Deutschland integriert, ohne dass das riesige Probleme gegeben hat, die sogenannten Russlanddeutschen. Von denen sind am Ende 3,6 Millionen geblieben. Das kann man in der Bedarfsplanung berücksichtigen, und das kriegen wir auch hin.

Was muss bei der Versorgung der Flüchtlinge verbessert werden?

Verbessert werden müssen die Erreichbarkeit und die Kommunikation. Das Bundessozialgericht hat in einem für uns erschreckenden Urteil festgestellt, dass die Amtssprache der deutschen Krankenversicherung Deutsch ist und deswegen nur ein Anspruch auf Leistungen in deutscher Sprache besteht. Ich halte das für nicht mehr zeitgerecht. Das muss geändert werden. Wir haben heute viele Menschen in Deutschland, die normale sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse haben und nicht ausreichend Deutsch sprechen. Wir kämpfen darum, dass man in Zukunft auch Dolmetscher-Services für ausländische Patienten in der gesetzlichen Krankenversicherung mitberücksichtigt. Die Containerlösung, bei der ein Dolmetscher per Video in das Sprechzimmer zugeschaltet wird und die jetzt in Hamburg eingeführt wird, finden wir richtungsweisend.

Welche Schwierigkeiten gibt es im Flüchtling-Arzt-Verhältnis?

Aus ihren heimischen Situationen wissen viele Flüchtlinge nicht, was ein niedergelassener Arzt ist. Wenn sie ein Problem haben, gehen sie in die Ambulanz eines Krankenhauses. In manchen Religionen wird auch der Besuch des Arztes geschlechterspezifisch sehr unterschiedlich gehandhabt. Wir als Gesellschaft müssen ein höheres Maß an Kultursensibilität entwickeln.

Sie werden sich beim Ärztetag auch mit dem Absturz der Germanwings-Maschine befassen, bei der der Copilot 149 Menschen mit in den Tod gerissen hat. Hätten die Ärzte des Piloten seinen Arbeitgeber über ein Risiko informieren müssen?

Laut dem Bericht der französischen Behörden ist er bei vielen Ärzten gewesen und hat oft auch gar nicht angegeben, dass er Pilot ist. Viele davon waren Augenärzte. Denn er hatte offenbar Sorge, zu erblinden und seine Lizenz zu verlieren. Keiner dieser Ärzte hat Gedanken zu einem erweiterten Suizid diagnostiziert. Wir finden es als Ärzte erschreckend, dass das Luftfahrtbundesamt und die Lufthansa wussten, dass dieser Pilot eine schwere depressive Erkrankung in der Vorgeschichte hatte, und dann keine besonderen Untersuchungen durchgeführt haben. Ich finde, dass die Lufthansa als Arbeitgeber und das Luftfahrtbundesamt als Aufsichtsbehörde versagt haben. Sie hätten diesen Piloten häufiger untersuchen müssen. In solchen Fällen reicht eine jährliche Untersuchung, wie sie die Regel ist, nicht aus.

Haben die Betriebsärzte versagt?

Der Fliegerärztliche Dienst der Lufthansa und das Luftfahrtbundesamt hätten genauer hinschauen müssen. Dabei ist auch zu kritisieren, dass die fliegerärztliche Untersuchung mehr auf körperliche Befunde und Laborwerte abgestellt ist und zu wenig auf psychische Untersuchungen.

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