In der Gedenkstätte werden auch Lehrer fortgebildet. Ein Anliegen, das der Internationalen Schule für Holocaust-Studien wichtig ist

Erinnerung ohne Vertrag

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Andreas Abel und Carsten Erdmann

Viele deutsche Bundesländer schicken ihre Lehrkräfte regelmäßig zur Weiterbildung in die Gedenkstätte Yad Vashem nach Israel. Doch Berlin und Brandenburg zögern

Diesen Ort auf einem Hügel in Jerusalem verlassen viele anders, als sie gekommen sind. Es ist ein Ort der Erinnerung, der Dokumentation und der Forschung. Yad Vashem gilt als bedeutendste Einrichtung, die an die systematische Judenvernichtung durch die National- ­sozialisten erinnert und sie wissenschaftlich aufarbeitet. Viele Bundespolitiker waren bereits zu Besuch, aus Berlin kamen im vergangenen Jahr der Regierende Bürgermeister Michael Müller und Innensenator Frank Henkel mit Delegationen.

„In Yad Vashem geht es nicht um die Frage der Schuld, es geht um Verantwortung“, sagt Avner Shalev, seit 1993 Vorsitzender der Gedenkstätte. „Deutschland und Israel bauen ein neues Vertrauensverhältnis auf, geprägt von Respekt, Verantwortung und gemeinsamen Werten.“ Man habe ein Programm gestartet, das von großer Bedeutung sei, um die nächsten Generationen zu erreichen. Die Zeitzeugen werden weniger.

Auf Wissenschaftsebene besteht eine intensive Zusammenarbeit, beispielsweise mit dem Bundesarchiv. Schwerpunkt des Programms ist jedoch die Weiterbildung von Lehrern und anderen Angestellten im öffentlichen Dienst. Elf der 16 deutschen Bundesländer haben Kooperationsabkommen mit der „International School for Holocaust Studies (ISHS)“ in Yad Vashem abgeschlossen. Berlin und Brandenburg nicht – ebenso wie Bremen, das Saarland und Sachsen-Anhalt.

Warum das so ist, dazu gibt es in Berlin keine wirkliche Erklärung. In der Leitungsebene der Bildungsbehörde sei das bisher nicht Thema gewesen, sagte Verwaltungssprecher Thorsten Metter der Berliner Morgenpost. Es habe sich dort auch kein Briefwechsel mit der ISHS angefunden. Metter sagte aber, die Bildungsverwaltung stehe einer Kooperation zwischen dem Land Berlin und der Internationalen Schule sehr aufgeschlossen gegenüber und könne sie sich gut vorstellen. „Wir werden auf Yad Vashem zugehen“, versprach er.

Senatskanzlei zeigt sich über fehlendes Abkommen überrascht

In Yad Vashem gibt man sich diplomatisch. „Wir sind überzeugt, dass eine Vereinbarung mit dem Land Berlin eine für beide Seiten fruchtbare Zusammenarbeit ermöglichen würde“, sagte Noa Mkayton, Vizedirektor des europäischen Departments der Internationalen Schule für Holocaust-Studien.

In der Senatskanzlei zeigte man sich überrascht, dass ein solches Abkommen zwischen Berlin und der ISHS bisher nicht zustande gekommen ist. „Wenn es dazu dient, die enge Zusammenarbeit mit Israel und insbesondere mit Yad Vashem noch weiter zu verbessern und zu fördern, werden wir natürlich prüfen, ebenfalls eine Kooperationsvereinbarung abzuschließen und die nötigen Schritte dafür gehen“, sagte der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) der Berliner Morgenpost. Gerade angesichts der Zusammenarbeit in vielen anderen Gebieten war man in der Senatskanzlei erstaunt, dass eine grundsätzliche Vereinbarung mit der ISHS fehlt.

Im Brandenburger Bildungsministerium sieht man das anders und hält ein eigenes Kooperationsabkommen für nicht notwendig. Ministeriumssprecher Florian Engels verwies am Montag auf die Unterzeichnung einer gemeinsamen Absichtserklärung der deutschen Kultusministerkonferenz (KMK) mit Yad Vashem aus 2013. Dabei sei das Land Brandenburg „auf Ministerebene vertreten“ gewesen und habe in diesem Zusammenhang die Bedeutung der Auseinandersetzung mit der Geschichte hervorgehoben, so Engels.

Partnerschaften zwischen Lehrkräften und Schulen in Brandenburg und Israel hätten natürlich eine besondere Bedeutung. Ob und wie viele Brandenburger Lehrer in Yad Vashem fortgebildet wurden, konnte das Ministerium allerdings nicht beantworten.

Nordrhein-Westfalen unterzeichnete Abkommen 1998

Die Abkommen mit einzelnen Bundesländern bestehen zum großen Teil schon wesentlich länger als die 2013 von KMK und Yad Vashem unterzeichnete gemeinsame Absichtserklärung. In Nordrhein-Westfalen etwa wurde es 1998 unterzeichnet. Das Land schickt seitdem jedes Jahr nicht nur Lehrer, sondern auch Polizisten und Richter zur Fortbildung nach Jerusalem.

Die Vereinbarung mit der Kultusministerkonferenz stelle das Fundament für die künftige Zusammenarbeit dar, erklärte die KMK. Auf deren Grundlage sollen Schüler und Lehramtsstudenten „fundierte Kenntnisse über die Geschichte des jüdischen Vorkriegslebens in Europa sowie über die Shoa erwerben“. Die Lehrerfortbildung in Yad Vashem ist das zentrale Element der Kooperationsabkommen zwischen den Bundesländern und der Internationalen Schule für Holocaust-Studien.

Dort hieß es, Yad Vashem habe die gemeinsame Absichtserklärung mit der KMK vor allem in der Absicht unterzeichnet, „die Zusammenarbeit mit den einzelnen Kultus- beziehungsweise Schulministerien in Deutschland auf pädagogischer Ebene zu vertiefen“. Die zu diesem Zeitpunkt bestehende Kooperation mit sechs Bundesländern sei „von allen Beteiligten als wertvoll empfunden“ worden, „insbesondere von den Teilnehmern regelmäßig durchgeführter Fortbildungsseminare in Israel, die durch die Unterstützung der jeweiligen Ministerien als stabile und gut organisierte Lehrerweiterbildungen auch finanziell gefördert werden“.

Über die guten Erfahrungen mit dem Programm wurde auch in der Hauptstadt berichtet. Im November 2014 veranstaltete die Kultusministerkonferenz in Berlin zum Beispiel eine Konferenz mit dem Titel „Der künftige Umgang mit dem Holocaust“. Sie diente als Plattform für den inhaltlichen Austausch zwischen der KMK, Vertretern von Bildungseinrichtungen und Ministerien, Lehrerfortbildungsinstituten, Yad Vashem sowie ausgewählten deutschen Gedenk- und Lernorten. Und erst vor drei Wochen, Mitte April, haben sich in Berlin elf deutsche Partnerschulen der Internationalen Schule für Holocaust-Studien getroffen. Aus Berlin dabei: Die Refik-Veseli-Sekundarschule in Kreuzberg und die Ruth-Cohn-Schule in Charlottenburg, Oberstufenzentrum für das Sozialwesen. Diese Partnerschaften kamen auf Eigeninitiative der Schulen zustande, unabhängig von einem Ländervertrag. Wie intensiv eine solche Kooperation aussehen kann, zeigt das Beispiel der Refik-Veseli-Schule (siehe unten).

„Die deutsch-israelische Bildungszusammenarbeit ist außerordentlich intensiv“, sie nehme „aufgrund des einzigartigen Verhältnisses zwischen Deutschland und Israel“ eine Sonderstellung in der Zusammenarbeit zwischen Deutschland und anderen Staaten ein, erklärt die Kultusministerkonferenz in einer Abhandlung zum Thema „Bilaterale Zusammenarbeit“.

Sie ist auch notwendig. „Ein Teil der deutschen Lehrer, die heute zu uns kommen, weiß nicht, dass und warum Willy Brandt 1970 in Warschau auf die Knie gefallen ist“, sagt eine Historikerin, die regelmäßig Gruppen durch die Ausstellung in Jerusalem führt.

Israel gedachte in der vergangenen Woche der Holocaust-Opfer mit verschiedenen Veranstaltungen. An der zentralen Zeremonie in der Gedenkstätte Yad Vashem nahmen in diesem Jahr auch 15 Chefredakteure aus ganz Deutschland teil, darunter Carsten Erdmann, Chefredakteur der Berliner Morgenpost.

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