Politik

Gabriels steiniger Weg

| Lesedauer: 3 Minuten

Der Abgesang auf den SPD-Chef kommt deutlich zu früh

Nein, es ist wahrlich nicht vergnügungssteuerpflichtig, Parteichef der SPD zu sein. Jeder Vorsitzende aus der jüngeren Parteigeschichte könnte Archive füllen mit Erzählungen über Zumutungen, Intrigen und Verwundungen – die meisten von den eigenen Partei-„Freunden“ zugefügt.

Rudolf Scharping wurde nach harten Jahren im Parteivorsitz von Oskar Lafontaine auf offener Bühne rhetorisch massakriert und weggeputscht. Franz Müntefering schmiss hin, weil er mit 65 Jahren keine Lust mehr hatte, von einer überehrgeizigen Generalsekretärin getrieben zu werden.

Kurt Beck hatte es am Ende satt, von arroganten SPD-Karrieristen in der Hauptstadt als Provinz-Ei verspottet zu werden.

Jetzt arbeiten sich Teile der Partei diesem sozialdemokratischen Naturgesetz folgend an Sigmar Gabriel ab. Doch der Abgesang auf den Mann aus Goslar kommt zu früh. Der gestern noch Totgesagte ist quicklebendig. Und er wagt aus seiner derzeit schwachen Position fundamentale Kritik am Zustand seiner Partei. Das ist mutig und spricht nicht dafür, dass Gabriel kurzfristig seinen Rücktritt plant oder eine mögliche Kanzlerkandidatur absagt, die ohnehin erst im nächsten Jahr ausgerufen werden muss.

Warum auch? Wer glaubt denn ernsthaft, dass Hamburgs Erster Regierender Bürgermeister Olaf Scholz oder EU-Parlamentspräsident Martin Schulz die Stimmung für die SPD kurzfristig drehen können?

Beides sind ernsthafte Persönlichkeiten. Aber weder der spröde Charme des Hanseaten, noch die Krawall-Lust des Europapolitikers sind Eigenschaften, die die derzeit schlechten Umfragewerte für die SPD signifikant verbessern könnten. Sigmar Gabriel wird SPD-Chef bleiben – obwohl er tatsächlich genügend Grund hätte, die Brocken hinzuschmeißen. Denn die Liste der Zumutungen ist überlang.

Trotz objektiven Respekts aus allen Lagern für seine Leistungen als Wirtschaftsminister und als Vizekanzler der schwarz-roten Koalition bleibt Gabriel tief im Umfragekeller. Die Parteilinke lässt, anstatt zu helfen, keine Gelegenheit für Nadelstiche und Eigentore aus – egal ob es um die Partei oder ihren Vorsitzenden geht.

Das blamable 74-Prozent-Ergebnis beim jüngsten Wahlparteitag hatte Gabriel besonders den Attacken der Juso-Chefin und seiner eigenen streitlustigen Replik zu verdanken. Und bei seinem schwierigem Spagat zwischen Regierungsverantwortung und nötiger Profilsuche für die SPD gibt es zu wenige, die ihren Parteichef bedingungslos stützen.

Dass einzelne Parteifeinde jetzt Gerüchte über eine Rücktrittsabsicht streuen und ein Stammtisch-Talker sie offenbar ungeprüft im öffentlich-rechtlichen Fernsehen unters Volk bringt, macht die Lage für den Vorsitzenden nicht bequemer. Die Vorgänge dokumentieren das Niveau, auf dem mittlerweile in der Partei gegen den eigenen Chef vorgegangen wird.

Aber der Parteivorsitzende wird weiterkämpfen. Sigmar Gabriel ist in politischen Raufereien über Jahrzehnte gestählt und Realist genug, um zu wissen, dass seine richtige Chance wahrscheinlich erst in einem zweiten Anlauf aufs Kanzleramt käme.

Nämlich dann, wenn die Kanzlerin vom Amt lässt und die große personelle Ödnis offenbar wird, die Angela Merkels Amtsführung in der Parteispitze hinterlassen wird. Die Liste der möglichen Gabriel-Gegner mit dem Sieger-Gen wird nach derzeitigem Stand überschaubar sein.

Bis dahin muss Sigmar Gabriel seinen steinigen Weg geduldig weitergehen – eine Niederlage als Kanzlerkandidat inbegriffen. Sollte dieser Weg ihm zu unbequem sein, ist er der falsche Kandidat. Und sollten ihm seine Sozialdemokraten noch weitere Brocken unnötig in den Weg legen, spielen sie mit der Lust am eigenen Untergang.

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos