Politik

Ordentliches Heften im Zeitalter der Digitalisierung

In mancher Schule scheinen moderne Technologie und neues Denken zu fehlen

Kanzlerin Merkel lässt keine Chance aus, um für die Digitalisierung Deutschlands zu werben. Sei es der Forschungsgipfel 2016, die IT-Gipfel der Bundesregierung oder ihre Eröffnungsrede neulich auf der Cebit – ihre Botschaft ist klar: Das digitale Zeitalter hat die industrielle Welt erreicht. Wenn Deutschland mithalten will, wenn der Wohlstand für die Zukunft gesichert werden soll, muss der digitale Umbau vorangetrieben werden.

Von Digitalisierung war auch beim Besuch von US-Präsident Obama auf der Hannover Messe Ende April die Rede. Dort hieß es: Die Zukunft ist digital und Deutschland muss dabei sein.

Wenige Tage nach diesem Besuch landete in meinem Mailfach ein Schreiben des Elternsprechers der Klasse meines Sohnes. Er besucht die neunte Klasse einer internationalen Gesamtschule in Berlin. Es hatte ein Gespräch mit dem Lehrer über Probleme gegeben und darüber, was die Eltern machen könnten.

Im Zeitalter der Digitalisierung könnte man meinen, das Problem sei, dass die PCs im Computerraum der Schule mit Software ausgestattet sind, die mehr als zehn Jahre alt ist. Oder aber, dass ein Computergrundkurs erst ab der siebenten Klasse angeboten wird.

Nein, das Problem lag bei der Hefteführung. Die sollte nämlich „besser strukturiert sein“ und „die Seiten müssen sauber und ordentlich eingeheftet sein“.

Klar, Ordnung ist wichtig. Aber gehört im Digitalezeitalter das Einordnen von Papierseiten in Aktenordner, mit Deckblatt und einem Inhaltsverzeichnis wirklich zu den wichtigsten Kompetenzen von 14 Jahre alten Schülern?

Eine Freundin, die als Lehrerin an einer Grundschule in Silicon Valley arbeitet, hat sich über diese Anforderung kaputtgelacht. Sie erzählte, dass in ihrer Schule in den Klassenräumen schon von der ersten Klasse an mit Computern gearbeitet wird. Und das nicht in einem speziellen Fach, sondern integriert in das normale Lernprogramm. Zum Beispiel schreiben ihre dritten Klassen manche Texte direkt in einem Programm, das diese speichert. Arbeitsblätter werden auch digital erarbeitet und erfasst, sodass die Lehrerin sie sofort sehen und bewerten kann. Das heißt, dass sie schon während einer Mathestunde den Überblick hat, wer noch nicht verstanden hat, wie Brüche multipliziert werden. So kann sie sofort entsprechend reagieren.

Solche in die Schule integrierten Lernprogramme ermöglichen auch, dass Lehrer Videos oder Internetseiten als Lernmateralien benutzen. Die Kinder können so in ihrem eigenen Lerntempo arbeiten, ob im Klassenraum oder zu Hause.

Es wird sogar überlegt, das Prinzip von Hausaufgaben auf den Kopf zu stellen: Die Lehrerin steht nicht vor der Klasse und erklärt eine Aufgabe, sondern diese wird aufgenommen. So können die Schüler das Video zu Hause anschauen, um die Arbeiten dann im Klassenraum zu erledigen, wo die Lehrerin bei Problemen helfen kann oder um ein Thema ergänzt.

Nicht, dass Bücher komplett wegfallen. Die werden noch benutzt, da man weiß, dass Kinder manche Informationen besser aufnehmen, wenn sie vom gedruckten Blatt gelesen werden statt vom Bildschirm. Bücher und Papier ermöglichen auch, dass die Schüler Zeilen unterstreichen können, was auch dem Verstehen dient. Handschrift wird den Kleinsten noch beigebracht, und manche Arbeitsblätter sollen mit der Hand geschrieben werden.

Die Grundidee: „Die Adaption von Technologie im Klassenraum heißt nicht, das Kind mit dem Bade auszuschütten.“ Doch ohne die Adaption von Technologie in den Klassenraum wird es schwierig, die nächste Generation davon zu überzeugen, dass es sinnvoll ist, diese in der Arbeitswelt auch zu benutzen. Wenn die Kanzlerin will, dass Deutschland tatsächlich eine digitale Zukunft hat, dann sollte mehr darauf geachtet werden, wie Kindern ein vernünftiger Umgang mit Technologie schon in der Schule beigebracht werden kann. Denn vielleicht werden eines Tages sogar Heftierungen digital geführt.