Washington –

Der Weg für Trump ist frei

Warum der ungeliebte Kandidat der Republikaner tatsächlich Präsident werden kann

Washington. Nach dem Rückzug seiner letzten Widersacher Ted Cruz und John Kasich ist Donald Trump das republikanische Präsidentschaftsticket in Amerika so gut wie sicher. Er fährt als einziger Kandidat zum Nominierungsparteitag der Konservativen Ende Juli in Cleveland. Sechs Monate vor dem Wahltag ist das Duell Trump gegen die demokratische Favoritin Hillary Clinton damit de facto besiegelt. Der politische Außenseiter tönt, er werde die „totale Unfähigkeit“ der früheren Außenministerin „beweisen“ und sie vernichtend schlagen. Gewagtes Versprechen. Ab sofort steht der 69-Jährige, der seit Monaten das Land und die eigene Partei mit radikalen Forderungen spaltet, unter verschärfter Beobachtung. Bis zum 8. November muss der New Yorker Immobilienmilliardär sein größtes Manko ausgleichen: Er ist bei zwei Dritteln der Wähler so unbeliebt wie kein Präsidentschaftskandidat vor ihm.

Wie ist die Ausgangslage für ein Duell Trump – Clinton?

Clinton liegt landesweit in Umfragen im Schnitt über zehn Prozent vor Trump. Bei Latinos, Frauen, Schwarzen, jungen Wählern und überdurchschnittlich Gebildeten ist der Abstand noch größer. Liberale und parteipolitisch unabhängige Wähler lehnen Trump meist völlig ab. Mit einem Satz: Trump hat die Demografie nicht auf seiner Seite. Aber: In Wirtschaftsfragen, traditionell ein Dauerbrenner in der Wählerschaft, hat der mit Immobilien und der Vermarktung seines Namens reich gewordene Unternehmer hohe Kompetenzwerte. Die Abwanderung von Industriearbeitsplätzen ins Ausland (einer der Hauptauslöser für die Radikalisierung der republikanischen Wählerschaft) rückgängig zu machen, wird allein ihm zugetraut. Geht es um innere Sicherheit, Terrorismus, Einwanderung, Außenpolitik, Schulen, Gleichberechtigung und Soziales/Gesundheit, setzen die Wähler eindeutig mehr Vertrauen in Clinton.

Kann Trump Clinton schlagen?

Ja. Große Teile der Wählerschaft rechts der Mitte wollen mit den Eliten in Washington abrechnen – koste es, was es wolle. Wenn es Trump gelingt, auch im November mit seinen Versprechungen Millionen frustrierte Amerikaner an die Wahlurnen zu locken, die bisher dem demokratischen Prozess ferngeblieben sind, könnte es knapp reichen.

Was genau wird Trump tun?

Er wird eine Schlammschlacht lostreten. Clintons Biografie als Galionsfigur des landesweit verhassten Washingtoner Politikbetriebs wird im Mittelpunkt stehen. Gesondert ihre Bilanz als Außenministerin in einer Zeit, in der internationale Konflikte (Stichwort: islamistischer Terrorismus) zugenommen haben. Trump nennt seine Kontrahentin „Crooked Hillary“ (betrügerische Hillary). Er wird vor nichts zurückschrecken. Auch nicht davor, Clinton die präsidialen Sexeskapaden ihres Mannes Bill in die Schuhe zu schieben.

Wie wird Clinton kontern?

Die 68-Jährige wird den Spieß umdrehen und ihren Gegner als politisches Leichtgewicht mit demagogisch-narzisstischen Zügen porträtieren. Sie wird Trump als Risiko für die nationale Sicherheit und den Zusammenhalt der Gesellschaft darstellen. Trump wurde bisher geschont. Seine Widersacher haben aus Angst, Sympathisanten des Unternehmers zu verprellen, nur mit gebremstem Schaum die Schwachstellen in Trumps Superman-Saga freigelegt. Clinton wird diese Zurückhaltung nicht üben. Alles, was Trump getan und gesagt hat, kommt unters Mikroskop. Die „Giftschränke“ gegen Trump sind gefüllt. Milliardenschwere Geldgeber werden Hillary Clinton dabei helfen, den Selbstdarsteller zu entzaubern.

Worauf wird sich Clinton konzentrieren?

Die Arbeitslosigkeit liegt bei fünf Prozent. Benzin ist spottbillig. Das Vertrauen in die Wirtschaft ist relativ solide. Auch wenn viele Amerikaner massiv darüber klagen, dass der Aufschwung nach der Finanzkrise 2008 an ihnen vorbeigegangen ist – so katastrophal schlecht, wie Trump das Land regelmäßig redet, ist Amerika nicht dran. Clinton wird sich als Sachwalterin von Präsident Barack Obama geben, die dessen Errungenschaften (Gesundheitsreform etc.) weiterführt und die breiten sozialen Gräben überwindet. Eine Botschaft, die in der gesellschaftlichen Mitte ankommt. Dort, wo Wahlen entschieden werden, stoßen Trumps Katastrophenszenarien auf Besorgnis. Dabei wird sich Clinton zunutze machen, dass viele prominente Republikaner Trump die Gefolgschaft verweigern, weil der Milliardär traditionelle Werte der „Grand Old Party“ mit Füßen tritt. Darum werden die ehemaligen Präsidenten George H. W. Bush und sein Sohn George W. zum ersten Mal nicht den Kandidaten ihrer Partei offiziell unterstützen.

Kann Trump die Front gegen ihn aufweichen?

Das ist schwierig, aber nicht unmöglich. Trump müsste seinen Ton deutlich bändigen, Kompromissbereitschaft zeigen, verbrannte Erde in der eigenen Partei aufforsten, kurzum: präsidiabel und versöhnend auftreten. Genau das, was seine glühenden Anhänger hassen, die ihm in den Vorwahlen massenhaft ihr Vertrauen geschenkt haben.