Befragung

Studie: Jugendliche wollen nicht mehr rebellisch sein

Jugendliche wollen einer Studie zufolge umweltbewusst leben und einkaufen. Dieser Plan scheitert aber oft an einem wichtigen Punkt.

Jugendliche wollen laut einer Studie feiern, aber auch erfolgreich in der Schule und auf der Arbeit sein.

Jugendliche wollen laut einer Studie feiern, aber auch erfolgreich in der Schule und auf der Arbeit sein.

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Berlin.  Sie wollen Partys feiern, aber auch gute Noten schreiben, sie wollen shoppen gehen, aber auch Geld für große Träume ansparen. Vor allem aber sehnen sie sich nach Geborgenheit, Orientierung und Dazugehören in einer immer unübersichtlicheren Welt: Für die Mehrheit der Teenager in Deutschland sind Abgrenzung und Provokation out. Sie möchten keine Rebellen sein, sondern so wie alle anderen – „Mainstream“ ist kein Schimpfwort mehr, sondern der Wohlfühlstatus der meisten Jugendlichen. Die neue Sinus-Jugendstudie 2016 zeichnet das Bild einer Generation, die keinen Ärger machen will, sondern gut leben möchte.

„Die Jugendlichen rücken zusammen“, sagt Studienautor Marc Calmbach bei der Vorstellung der Ergebnisse in Berlin. Die Zeit der großen Subkulturen und des Protests gegen die Elternwelt sei vorbei. Der hohe Leistungsdruck in der Schule? Wird akzeptiert. Das Zusammenleben mit Gleichaltrigen aus verschiedenen Kulturen? Ist für viele selbstverständlicher Alltag. Religiöser Fundamentalismus? Wird abgelehnt – gerade auch von den beteiligten muslimischen Jugendlichen. Die Mehrheit stellt sich hinter Werte wie Toleranz und Verantwortung und ist sich sicher, dass nur so das „gute Leben“ gelingen kann, das die meisten für sich erhoffen.

Teenager wurden stundenlang befragt

Wie ticken die deutschen Teenager? Zum dritten Mal seit 2008 hat die Sinus-Jugendstudie die Einstellungen der 14- bis 17-Jährigen in Deutschland untersucht – es geht um Handys und soziale Medien, Umweltschutz und kritischen Konsum, Glaube und Religion sowie um Zuwanderung, Flucht und Asyl. Anders als bei der repräsentativen Umfrage der Shell-Jugendstudie interviewen die Wissenschaftler die Teenager hier persönlich und jeweils mehrere Stunden lang – bei der aktuellen Studie waren es 72 repräsentativ ausgewählte junge Deutsche. Bei 3,2 Millionen Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren erscheint die Datengrundlage auf den ersten Blick dünn – doch Forscher bescheinigen der Methode wegen ihrer Tiefenschärfe große Aussagekraft. Zu den Auftraggebern gehören diesmal neben der Bundeszentrale für politische Bildung unter anderem auch die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung und der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ).

„Neo-Konventionalismus“ nennen die Jugendforscher den neuen Trend zum Mainstream. Doch neben der gemeinsamen Sehnsucht nach Halt und Zugehörigkeit gibt es nach wie vor große Unterschiede zwischen den einzelnen Milieus. „Es gibt nicht DIE Jugendlichen“, sagt Calmbach. Die muslimische Gymnasiastin aus der großstädtischen Arztfamilie hat ganz andere Prägungen als der dörfliche Schulverweigerer aus prekären Verhältnissen. Elternhaus, Bildung, Schulumfeld, Freundeskreis, Land und Stadt – alles das spielt ein Rolle.

Studie beleuchtet Handynutzung und Konsum, Religion und Umweltschutz

So findet es die Mehrheit der Jugendlichen zwar grundsätzlich richtig, dass Deutschland Flüchtlinge aufnimmt. Doch während Teenager aus bildungsnahen Familien eher mitfühlend sind und den Mut der Flüchtlinge bewundern, reagieren viele andere eher skeptisch auf Zuwanderer, manche sogar mit ausländerfeindlichen Stereotypen: „Ich bin eigentlich nicht rassistisch“, sagt eine 17-Jährige, „aber ich finde, dass Schwarze und Türken nichts in unserem Land zu suchen haben.“ Gerade bei Jugendlichen aus benachteiligten Lebenswelten sei das positive Bild einer vielfältigen Gesellschaft noch nicht fest verankert, mahnen die Studienautoren.

Ob einer an Gott glaubt oder nicht – das ist den meisten Jugendlichen dagegen egal. Sie haben laut Studie zwar ein großes Bedürfnis nach Sinnstiftung, verhalten sich aber wie „religiöse Touristen“, meint Studienautor Peter Martin Thomas: „Sie suchen sich aus vielen Quellen etwas zusammen und bauen damit ihren persönlichen Glauben.“ Auch bei den muslimischen Jugendlichen fanden die Forscher eine große Bandbreite an religiösen Einstellungen – die meisten allerdings hatten eine selbstbewusstere, zweifelsfreiere Haltung zu ihrem Glauben. Strikt abgelehnt wird von den Jugendlich Gewalt im Namen Gottes: Besonders die muslimischen Teenager wollten auf keinen Fall mit Fundamentalisten in Zusammenhang gebracht werden: „Sie wollen sich in der Mitte der Gesellschaft etablieren“, so Thomas.

So heiß sind Jugendliche gar nicht auf Handys

Bemerkenswert ist, was die Studie mit Blick auf Handys und die digitale Welt der Jugendlichen zeigt: Anders als noch vor vier Jahren hat die bedingungslose Faszination nachgelassen – schon deshalb, weil Smartphones und soziale Medien inzwischen für fast alle zum Alltag gehören. Die Forscher beobachten erstmals „Sättigungseffekte“, einzelne Jugendliche beklagen die ständige Erreichbarkeit und wünschen sich „Entschleunigung“, mancher sehnt sich sogar nach analogen Zeiten zurück.

Wichtig finden viele Jugendliche Umweltschutz und kritischen Konsum: Sie beobachten die Proteste, wenn neue Filialen von Billigmarken öffnen, finden nachhaltige Produktion gut und sind gegen Kinderarbeit. „Aber sie sind nicht bereit, ihr Kaufverhalten zu ändern“, weiß Thomas. Sie wollen die aktuelle Mode und sie können nur wenig Geld ausgeben. Und so bleibt es in der Regel bei den guten Vorsätzen. Und bei alten Gewohnheiten. Ob beim kritischen Konsum, oder auch beim Klimaschutz – bei vielen dominiert das Gefühl: „Kann ich als einziger überhaupt etwas daran ändern?“