Essen/Berlin –

Fahnder vermuten islamistischen Terrorakt in Essen

Der Bombenanschlag auf ein Gebetshaus der Sikhs hat offenbar einen salafistischen Hintergrund. Polizei nimmt zwei 16-Jährige fest

Essen/Berlin. An jedem Wochenende besuchen Hunderte von Sikhs ihren Tempel in Essen. Es ist Gebetshaus und Gemeindezentrum zugleich, eines von nur zwei in Nordrhein-Westfalen. Am Sonnabendmittag feiern rund 200 Menschen eine indische Hochzeit – am Abend dann, gegen 19 Uhr, explodiert ein Sprengsatz am Eingang des Tempels im Essener Nordviertel. Drei Menschen werden verletzt, der 60-jährige Priester der Gemeinde schwer. Die meisten Gäste der Hochzeitszeremonie kommen mit dem Schrecken davon. Fünf Tage später ist sich die Polizei am Donnerstag sicher: Es war ein Terroranschlag.

Rückblick: Die Tatverdächtigen fahren mit der U-Bahn zum Sikh-Tempel. Dabei werden sie von Sicherheitskameras an einer Haltestelle gefilmt. So kommt die Polizei ihnen auf die Spur. Die zwei jungen Männer auf dem Bildschirm fallen den Ermittlern sofort auf. Kein Wunder, sie sind schon „länger polizeibekannt“, wie sich herausstellt.

Minister bestätigt „offensichtlich Kontakte zum Islamismus“

In der Nacht zum Donnerstag nimmt die Polizei in Essen und Gelsenkirchen zwei 16-Jährige fest, die der Salafisten-szene zugerechnet werden. Noch sei unklar, ob es sich um den ersten Angriff des „Islamischen Staates“ (IS) in Deutschland handele, stellt Essens Polizeipräsident Frank Richter klar. Die islamistischen Fanatiker hätten aber „klare Bezüge zur Terrorszene“. Richter spricht von einem „religiös eingefärbten Terror der islamistischen Szene“.

Der Terrorakt ist noch lange nicht aufgeklärt, aber sorgt seit Tagen für Schlagzeilen – weltweit. Einer der Verdächtigen stellt sich freiwillig auf einer Polizeiwache in Gelsenkirchen, der andere wird in seinem Elternhaus in Essen durch Spezialeinheiten festgenommen. Beide räumen den Anschlag ein, lassen ihre Motive aber offen. Einer sagt bei der Vernehmung bloß, er habe halt „Spaß am Bomben basteln“.

In Düsseldorf bestätigt Innenminister Ralf Jäger (SPD), „es gab ganz offensichtlich Kontakte zum Islamismus“. Qualität und Intensität dieser Beziehungen würden aber noch geprüft. „Es ist erschreckend, dass Menschen, die hier aufgewachsen sind, Bomben bauen“, erklärt der Innenminister.

Bei den Tatverdächtigen handelt es sich um zwei Jugendliche mit türkischen Wurzeln, die in Deutschland geboren wurden. Das Bundesamt für Verfassungsschutz führte sie als Mitläufer der salafistischen Szene. Sie gehörten jedoch ausdrücklich nicht zu den 612 gewaltbereiten Salafisten, die in NRW besonders intensiv beobachtet werden.

Die Ermittler gehen schon jetzt davon aus, dass es nach der Enttarnung des Duos noch weitere Festnahmen in Deutschland geben wird. Rund 80 Beamte fahnden mit Hochdruck rund um die Uhr nach möglichen Hintermännern. Handys und Computer der beiden mutmaßlichen Terroristen werden zurzeit ausgewertet, um mögliche Querverbindungen zu entdecken. Die Polizei sucht nach Verbindungen zur salafistischen Szene – und eine heiße Spur führt offenbar nach Dinslaken.

Das ARD-Magazin „Report München“ berichtet online, einer der Festgenommenen, Yusuf T., solle Verbindungen zur „Lohberger-Brigade“ aus Dinslaken unterhalten haben. Yusuf T. soll sich demnach auch an Lies!-Ständen bei der Koranverteilung in Fußgängerzonen engagiert haben. Auf seiner Facebook-Seite habe Yusuf T. einen Satz stehen, der einen Bezug zur IS-Propaganda habe, schreibt der „Report München“-Autor weiter: „Sei in dieser Welt wie ein Fremder oder Durchreisender“. Auf seinen Facebook-Seiten soll der 16-Jährige ein Propagandavideo des Berliner Ex-Rappers und IS-Terroristen Deso Dogg gepostet haben

Jeder Bezug zu Dinslaken weckt brisante Erinnerungen. Die „Lohberger Brigade“ war ein Zusammenschluss aus radikalen IS-Anhängern. Die Deutschen waren 2013 nach Syrien in den Dschihad gezogen. Sie posierten mit IS-Flagge, mit Kalaschnikows und Macheten auf Fotos. Einer von ihnen soll sich im Irak bei einem Selbstmordattentat in die Luft gesprengt haben. Auch andere sind mutmaßlich tot.

Während ein IS-Hintergrund noch hochspekulativ ist, erscheint beim Anschlag auf den Essener Sikh-Tempel eine andere Erklärung wahrscheinlich, vor der Sicherheitsbehörden warnen: Einzelne Jugendliche radikalisieren sich – vor allem durch islamistische Propaganda im Internet. Dann testen sie Grenzen; testen, wie weit sie gehen können.

Die Salafisten sind unter den etwa vier Millionen Muslimen in Deutschland eine radikale Minderheit. Die Szene ist allerdings in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen. Derzeit zählt der Verfassungsschutz rund 8000 Menschen dem Milieu zu. Vor zwei Jahren waren es noch 5500. Die meisten sind zwischen 15 und 30 Jahre alt. Sie verteilen Korane in Innenstädten, sie halten Demonstrationen ab. Zwischen 400 und 500 gelten als besonders gewaltbereit. 800 deutsche Salafisten sind laut BKA in den vergangenen Jahren nach Syrien oder Irak in den Dschihad gereist. Die deutschen Sicherheitsbehörden gehen zudem davon aus, dass mehr als 130 Dschihadisten aus der Bundesrepublik Deutschland in Syrien oder im Irak ums Leben gekommen sind. Davon einige als Selbstmordattentäter.