Berlin –

Schuften für die Planwirtschaft – Zwangsarbeit bei der Reichsbahn

DDR-Gefangene wurden zur Arbeit für den Staat gezwungen

Berlin.  Sie arbeiteten mit den bloßen Händen, waren nicht geschult und trugen keine Schutzkleidung: Unter teils katastrophalen Bedingungen mussten in der SED-Diktatur Tausende Strafgefangene für die Reichsbahn der DDR schuften. Im Schnitt wurden pro Jahr etwa 500 Häftlinge gezwungen, Streckenabschnitte zu bauen, Güterwagen zu zerlegen oder Gleisjoche zu montieren. Mehr als 26 Jahre nach dem Mauerfall hat die Deutsche Bahn eine Studie zur Zwangsarbeit von Strafgefangenen bei der Reichsbahn vorgestellt.

Das Fazit: Die Reichsbahn hat von der Gefangenenarbeit profitiert, eine Fürsorgepflicht gegenüber den Häftlingen hat sie nicht wahrgenommen. Zwar sei der Nutzen der Arbeit für den Staatsbetrieb insgesamt schwer zu beziffern, aber allein durch einen sehr niedrigen Krankenstand unter den Häftlingen habe die Reichsbahn einen ein- bis zweistelligen Millionenbetrag verdient. „Die Gefangenen mussten schuften, egal in welchem körperlichen Zustand sie waren“, sagt Christopher Kopper, Historiker und einer der Autoren der Studie. Ein Arbeitstag habe nicht selten zwölf Stunden gehabt. Kopper berichtet von Sanktionen: Der Lohn wurde gekürzt oder ganz gestrichen, oft für die gesamte Belegschaft. „Alle wurden verantwortlich gemacht, wenn einer ausscherte.“ Die Reichsbahn habe zwar generell bis zu 120 Mark im Monat gezahlt. „Mit einem Großteil davon haben die Gefängnisse aber einen Teil der Haftkosten gedeckt, sodass die Zwangsarbeiter in der Regel nicht mehr als 50 Mark zur Verfügung hatten“, erläutert Kopper. Mit dem Geld kauften sie Obst, Seife oder Zahnpasta.

Bis zum Ende der DDR habe die Reichsbahn außerdem Gefangene transportiert, berichtet der Historiker und Studienautor Jan-Henrik Peters. In den 80er-Jahren sei es üblich gewesen, in Gefangenenwaggons jeweils mindestens fünf Häftlinge in eine nur knapp zwei Quadratmeter große Zelle zu quetschen. Diese Fahrten seien als besonders demütigend und quälend empfunden worden. „So würde man heute nicht mal Schweine transportieren, wie dort Menschen transportiert worden sind“, sagt Bahn-Chef Rüdiger Grube.

Menschen seien unter teilweise haarsträubenden Haftbedingungen ausgebeutet worden, um die Planvorgaben zu erfüllen. „Dies ist ein Unrecht, das von uns, der heutigen Deutschen Bahn AG, benannt und nicht vergessen wird“, betont Grube. Die Aufarbeitung sei der Konzern den Gefangenen schuldig. Entschädigungsforderungen erteilte der Vorstandschef allerdings eine Absage.