Staatsakt

Gauck würdigt Genscher: „Er war ein Glück für unser Land“

Deutschland nimmt Abschied von Hans-Dietrich Genscher. Beim Staatsakt in Bonn würdigte der Bundespräsident Gauck den Verstorbenen.

Ehefrau Barbara Genscher und Bundespräsident Joachim Gauck (r.) beim Staatsakt für Hans-Dietrich Genscher am Sonntag in Bonn. Dahinter (l.) FDP-Chef Christian Lindner.

Ehefrau Barbara Genscher und Bundespräsident Joachim Gauck (r.) beim Staatsakt für Hans-Dietrich Genscher am Sonntag in Bonn. Dahinter (l.) FDP-Chef Christian Lindner.

Foto: Ina Fassbender / dpa

Bonn.  Mit einem Staatsakt ist am Sonntag in Bonn der verstorbene frühere Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) gewürdigt worden. Bundespräsident Joachim Gauck hob Genschers Einsatz für das Zusammenwachsen von Ost- und Westdeutschland sowie von Europa hervor.

Gauck würdigte Genscher als einen „deutschen Patrioten und überzeugten Europäer“. Er sei ein „Glück für unser Land“ gewesen, sagte Gauck in seiner Rede zu Beginn des Staatsaktes in Bonn. Genscher habe sich um die Bundesrepublik Deutschland „in herausragender Weise verdient gemacht“. „Wir alle können uns ein Deutschland ohne Hans-Dietrich Genscher eigentlich nur schwer vorstellen“, so Gauck.

„Eine außergewöhnliche politische Begabung“

Als Soldat im letzten Aufgebot der Wehrmacht habe Genscher „nichts so sehr fürchten und hassen gelernt wie den Krieg“. Die Arbeit für den Frieden wie auch für die Freiheit sei deshalb zum Leitmotiv seiner politischen Arbeit geworden. Ebenso leidenschaftlich wie für die deutsche Einheit habe sich Genscher für die Einheit Europas eingesetzt, sagte Gauck weiter. Bis zuletzt habe er dafür geworben, „das in Europa so glücklich und friedlich Erreichte nicht aufs Spiel zu setzen“.

Genscher sei die Geschichte einer „außergewöhnlichen politischen Begabung“ sowie von Disziplin und Tatkraft, sagte Gauck. Der Politiker habe „buchstäblich bis zum letzten Atemzug“ dafür geworben, „das in Europa so glücklich und so friedlich Erreichte nicht aufs Spiel zu setzen“.

Gauck erinnerte an Genschers bewegende Worte in Prag

Der Bundespräsident erinnerte daran, wie Genscher vom Balkon der Prager Botschaft den DDR-Flüchtlingen bekanntgab, dass sie nach Westdeutschland ausreisen durften. Der aus Halle stammende Politiker habe unermüdlich ein nationales Interesse vertreten, „das gleichzeitig die deutsche Einheit wie den Frieden in ganz Europa umfasst“. Der langjährigen Außenminister sei ein engagierter politischer Beobachter und Ratgeber gewesen, der sich besonders beim Thema Europa bis zuletzt in die Debatten der Gegenwart eingemischt habe, sagte Gauck.

Unter den Gästen waren Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundestagspräsident Norbert Lammert (beide CDU) und Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD).

James Baker: Er war ein Titan

Genscher sei ein „Titan unter den Diplomaten Europas“ gewesen, sagte der ehemalige US-Außenminister James Baker in seiner Rede. Mehrfach klang an, dass sich Genscher in den letzten Wochen seines Lebens große Sorgen sowohl um die Einheit Europas wie auch um die Beziehungen zu Russland gemacht hatte.

Der ehemalige Außenminister Klaus Kinkel würdigte seinen Vorgänger und FDP-Parteifreund als einen „Akteur der Weltpolitik“ und gleichzeitig als „Menschenfreund“ und „Brückenbauer“. „Er war ein Meister des Gesprächs“, sagte Kinkel. „Er prägte den Wandel vom Rüsten zum Reden.“ Die deutsche Einheit sei Krönung seiner politischen Arbeit gewesen: „Die Wiedervereinigung war ganz stark das Werk Helmut Kohls und Hans-Dietrich Genschers.“

Der Wittenberger evangelische Theologe Friedrich Schorlemmer erklärte, für Genscher seien „Frieden und Menschenrechte, Einheit und Freiheit keine Floskel“ gewesen. „Er war uns im Herbst 89 einzigartiger Mutmacher, als alles noch offen war“, sagte der Theologe. Genscher sei „eine einzige vertrauensbildende Maßnahme“ gewesen. Schorlemmer hob besonders Genschers Engagement für den Aufbau seiner ostdeutschen Heimat hervor. Genscher, der wohl „fröhlichste Hallenser aller Zeiten“ habe mit seiner guten Laune überall Aufbruchstimmung verbreitet.

Als Außenminister und FDP-Chef prägte er die Bonner Republik

Genscher war am 31. März im Alter von 89 Jahren in seinem Haus in der Nähe von Bonn gestorben. Der FDP-Politiker war von 1974 bis 1992 Bundesaußenminister und Vizekanzler. In seine 18-jährige Amtszeit fielen der Fall der Mauer, die Zwei-plus-Vier-Gespräche, der deutsch-polnische Grenzvertrag sowie der deutsch-sowjetische Kooperationsvertrag. Der in Reideburg bei Halle an der Saale geborene Genscher gilt als einer der Architekten der deutschen Einheit. (dpa)