Presseschau

So berichten die türkischen Medien über den Fall Böhmermann

In Deutschland beherrscht die Debatte um Jan Böhmermann die Schlagzeilen. In der Türkei sieht das ganz anders aus. Eine Presseschau.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan (li.) hat große Teile der Presse in seinem Land im Griff. Der politische Streit mit Kanzlerin Angela Merkel um den Fall Böhmermann ist dort aber kein Mega-Thema.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan (li.) hat große Teile der Presse in seinem Land im Griff. Der politische Streit mit Kanzlerin Angela Merkel um den Fall Böhmermann ist dort aber kein Mega-Thema.

Foto: Tim Brakemeier / dpa

Berlin.  Das Erdogan-Gedicht von Jan Böhmermann spielt in den türkischen Medien eine sehr viel kleinere Rolle als in Deutschland. Vor allem die regierungsnahen Medien berichten über den Fall eher zurückhaltend. Die wichtigsten Reaktionen in der türkischen Presse im Überblick.

• Die regierungsnahe Zeitung „Sabah“ bezieht sich auf ihrem Portal auf Erdogans Sprecher Ibrahim Kalin. Sie titelt auf ihrem Portal: „Kalin hat den Komiker zurechtgewiesen - ‘Das ist überall auf der Welt ein Verbrechen’“

Erdogan-Sprecher Kalin sagte in einer ersten Stellungnahme zu den Vorwürfen gegen den ZDF-Moderator: „Den Präsidenten und das Volk eines Landes als Zielscheibe für Angriffe voller Beleidigungen zu missbrauchen, hat nichts mit Meinungs- und Pressefreiheit zu tun. Diese Beleidigungen gelten überall auf der Welt als Verbrechen.“ Veröffentlichungen dieser Art würden nur die Dynamik der türkisch-deutschen Beziehungen in EU-Angelegenheiten und dem Flüchtlingsabkommen stören.

• Die Boulevard-Zeitung „Star“ sieht in der Solidaritätsbekundung von Springer-Chef Mathias Döpfner den Beweis für eine „Beleidigungslobby“. Im Hinblick auf die Partnerschaft zwischen dem Axel-Springer-Verlag und der von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan wegen ihrer Berichterstattung immer wieder scharf kritisierten Dogan-Mediengruppe titelt sie in ihrer Online-Ausgabe: „Die unverschämte Türkei-Äußerung von Aydın Dogans Partner“.

In dem Artikel heißt es: „Mathias Döpfner, Chef des Medienriesens Axel Springer, hat sich dem geschmacklosen Komiker angeschlossen und versucht, den Skandal mit der freien Meinungsäußerung zu vertuschen! (…) Der deutsche Medienmogul überhäuft den deutschen Komiker mit Lob und sieht in der Geschmacklosigkeit keine Grenze überschritten. Dem Dogan-Konzern gehören unter anderem regierungskritische Zeitungen wie die liberal-konservative „Hürriyet“ und das Boulevardblatt „Posta“. Springer ist an der Fernsehsparte beteiligt.

• Die links-nationale Kemalisten-Zeitung „Cumhurriyet“ schreibt: „Die AKP-Regierung bewegt sich auf eine Krise mit Deutschland zu, aus der sie nicht als Sieger hervorgehen kann.“ Allerdings sieht die Zeitung auch Angela Merkel in einer Sackgasse: „Knickt sie ein und gibt dem Strafantrag aus Ankara gegen Böhmermann statt, wird die Empörung hinsichtlich Ihrer Rolle im Flüchtlings-Deal mit der Türkei zunehmen. Ermächtigt sie die Staatsanwaltschaft aber wegen der schwachen Rechtsgrundlage nicht zur Strafverfolgung, verärgert sie Ankara, auf deren Hilfe sie in der Flüchtlingskrise angewiesen ist.“ Sollte es zum Prozess kommen, werde dieser „mit Sicherheit in die Geschichte Deutschlands eingehen“.

• Der Erdogan-nahe Sender „A-Haber“ reagierte auf das Schmähgedicht des ZDF-Satirikers mit einem eigenen Beitrag als Beleg für den schlechten Zustand der Pressefreiheit in Deutschland. Der Sender schickt den Reporter Mevlut Yüksel nach Mainz, um die Verantwortlichen beim ZDF zu interviewen. Allerdings bleibt dem türkischen Team der Zutritt auf das Gelände der ZDF-Zentrale verwehrt. Yüksel hält das aber von einer Berichterstattung nicht ab. „Wir wollen die Pressefreiheit bis zum Ende ausüben“, sagt er – und das offenbar auch, wenn es nichts zu berichten gibt.

In seinem Beitrag aus Berlin sieht Celal Özcan in der Onlineausgabe der liberal-konservativen Zeitung „Hürriyet“ „alle Augen auf Merkel“ gerichtet. Er verweist auf die Klarstellung von Regierungssprecher Steffen Seibert, wonach Artikel 5 des Grundgesetzes, die Freiheit der Meinung, der Kunst und der Wissenschaft, für die Kanzlerin selbstverständlich höchstes Gut und weder nach innen noch nach außen verhandelbar sei. „Seibert hat mit Verweis auf das zuvor erfolgte Telefongespräch zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Ministerpräsident Davutoğlu gesagt, dass diese sich nicht für das Gedicht entschuldigt habe. Das Gespräch sei auch nicht mit der Absicht erfolgt, ein mögliches Strafverfahren abzuwenden.“