Kairo –

Folter-Tod am Nil

| Lesedauer: 5 Minuten
Martin Gehlen

Ungeklärter Mord an 28-jährigem Doktoranden löst Staatskrise zwischen Italien und Ägypten aus

Kairo.  Der Konflikt zwischen Italien und Ägypten wegen des in Kairo massakrierten Doktoranden Giulio Regeni (28) eskaliert zu einer bisher beispiellosen Staatskrise zwischen dem EU-Land und der Nation am Nil. Rom beorderte am Wochenende seinen Botschafter aus Kairo zurück, nachdem sich eine hochrangige ägyptische Delegation bei einem Krisentreffen erneut weigerte, fundamentales Beweismaterial auszuhändigen. Zurückgehalten werden vor allem die Handydaten des zu Tode Gefolterten sowie Videoaufnahmen aus seiner Wohnstraße im Kairoer Stadtteil Dokki und nahe der Metrostation Behoos, wo er zuletzt gesehen wurde. Es müsse sichergestellt werden, dass die Wahrheit über den „barbarischen Mord“ an Giulio Regeni ans Licht komme, teilte das italienische Außenministerium mit. Premierminister Matteo Renzi erklärte, das sei man der Familie des Toten und der Würde der eigenen Nation schuldig.

Westliche Diplomaten und ägyptische Menschenrechtler vermuten, dass ägyptische Geheimdienstler den am 25. Januar verschwundenen Nachwuchswissenschaftler zu Tode quälten und das Regime nun mit allen Mitteln versucht, den Fall zu vertuschen. Laut Obduktionsbericht wurde der junge Mann, dessen Leiche neun Tage später halb nackt in einem Autobahngraben nahe der Hauptstadt gefunden wurde, bestialisch misshandelt. Die Mörder schnitten ihm Teile der Ohren ab, drückten brennende Zigaretten auf seiner Haut aus, rissen ihm Finger- und Fußnägel heraus, traktierten seine Genitalien mit Elektroschocks und brachen ihm Rippen, Oberarme und Schultern. Italiens Bevölkerung reagierte schockiert, Innenminister Angelino Alfano sprach von „unmenschlicher und animalischer Gewalt“.

Die Regierung in Rom fühlt sich an der Nase herumgeführt

Bei der Ermittlung der Täter fühlt sich Rom seit Wochen durch das Regime von Ex-Feldmarschall Abdel Fattah al-Sisi an der Nase herumgeführt. Bisher präsentierte die ägyptische Seite sechs verschiedene Versionen, angefangen von einem Autounfall über eine Terrortat bis zu einem Eifersuchtsdrama im Homosexuellenmilieu. Das Fass zum Überlaufen brachte die bisher letzte Farce Kairos, als das Innenministerium erklärte, man habe als Täter vier Mitglieder einer Mafiabande ermittelt und erschossen, die – als Polizisten verkleidet – auf die Entführung von Ausländern spezialisiert gewesen seien. In der Wohnung der Schwester des angeblichen Chefkriminellen seien persönliche Gegenstände von Giulio Regeni sichergestellt worden.

Empört drohten italienische Spitzenpolitiker mit harten Konsequenzen, sollte diese Vernebelung so weitergehen und das Schicksal des 28-Jährigen nicht vollständig aufgeklärt werden. Italien erwägt unter anderem, Ägypten offiziell zu einem unsicheren Reiseland zu erklären, seine Wirtschaftsbeziehungen einzufrieren sowie andere EU-Partner zu einer schärferen Gangart zu drängen. Rom ist neben Berlin der wichtigste Handelspartner für die 90-Millionen-Nation am Nil. Regierungschef Renzi lud den Ex-Feldmarschall im November 2014 als erster Europäer zu einem Staatsbesuch ein und machte ihn so auf dem diplomatischen Parkett des alten Kontinents wieder hoffähig. „Ägypten ist nur zu retten durch die Führung von Sisi. Davon bin ich persönlich überzeugt, und ich bin stolz auf die Freundschaft zwischen uns. Sisi ist ein großer Staatslenker und ein persönlicher Freund“, umschmeichelte der Italiener damals den starken Mann am Nil. Im Gegenzug bekam der italienische Energiekonzern ENI die Lizenz, das vor der ägyptischen Küste liegende gigantische Gasfeld Zohr auszubeuten.

Zusätzliche Brisanz bekommt der Fall für das Sisi-Regime auch durch eine anonyme Mail, die in den letzten Tagen aus offenbar gut informierten Sicherheitskreisen an die italienische Zeitung „Il Repubblica“ ging. Darin behauptete der Unbekannte, der auch eine Reihe von internen Detailkenntnissen des Falles preisgab, Präsident Sisi und Innenminister Magdy Abdel Ghaffar seien persönlich in den Skandal verwickelt. Beide hätten sich in einem Krisentreffen mit den Spitzen von Staatssicherheit und Militärgeheimdienst darauf verständigt, den Fall als normale Mordtat zu vertuschen.

Selbst absolut regimetreue Medien am Nil melden Zweifel an der offiziellen Lesart an. Ägyptische Regierungsmitglieder hätten wenig Verständnis für „den Wert von Wahrheit“, kritisierte der Chefredakteur der staatlichen Zeitung „al-Ahram“ auf der Titelseite.

Das vergiftete Klima zwischen Italien und Ägypten könnte sich auch auf andere europäische Staaten auswirken, die mit dem Land am Nil trotz der miserablen Menschenrechtslage ins Geschäft kommen wollen. Am 18. April reist Frankreichs Präsident François Hollande nach Ägypten, mit dem sein Land eine Reihe lukrativer Waffengeschäfte abgeschlossen hat. Parallel dazu sagte sich Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel mit einer Delegation von Geschäftsleuten an. Ob Paris und Berlin diese für Präsident Sisi prestigeträchtigen Besuche aus Solidarität mit Italien verschieben, wird sich in den nächsten Tagen zeigen.

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