Terror

Anschläge von Brüssel und Paris: Immer mehr Querverbindungen

Die neuesten Festnahmen der belgischen Polizei enthüllen: Einige Verdächtige scheinen in beide Attentate verwickelt zu sein.

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Berlin.  Nach der spektakulären Festnahme von sechs Terrorverdächtigen am Freitagabend in Brüssel schält sich ein Muster heraus. Die meisten Urheber der Anschläge von Brüssel und Paris lebten in Molenbeek, einem Stadtteil der belgischen Hauptstadt. Ihre Familien stammen überwiegend aus nordafrikanischen Ländern, in erster Linie Marokko. Viele haben eine Vergangenheit als Kleinkriminelle. Und: Es gibt erste Hinweise, dass die Attentäter von Brüssel und Paris zur gleichen Zelle von Islamisten gehören.

Mohamed Abrini steuerte das Auto der Pariser Attentäter

Der wohl dickste Fisch vom Freitagabend ist der 31-jährige Belgier Mohamed Abrini, der bereits in Zusammenhang mit den Anschlägen von Paris am 13. November gesucht worden war. Gegen ihn wurde Haftbefehl erlassen. Ihm werden Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und terroristische Morde vorgeworfen. Die Ermittler prüfen, ob Abrini der mysteriöse „Mann mit dem Hut“ ist. Er war bei der Explosion auf dem Brüsseler Flughafen am 22. März gesehen worden. Die Videokameras zeigten in der Abfertigungshalle neben den beiden Selbstmordattentätern einen Mann mit Hut und heller Kleidung.

Belgische Ermittlungsbehörden beschreiben Abrini als Mann mit „weicher Stimme, braunen Augen, arabischem Akzent, schwarzem Haupthaar, athletischer Figur und rundlichem Gesicht“. Er ist ein Jugendfreund des kürzlich festgenommenen Salah Abdeslam, der bei den Attentaten in der französischen Hauptstadt eine Hauptrolle gespielt haben soll. Beide waren in Molenbeek aufgewachsen und kommen aus Familien marokkanischer Herkunft.

Fingerabdrücke in zwei Brüsseler Apartments

Am 11. November wurde Abrini an einer Tankstelle an der Autobahn nach Paris am Steuer des Renault Clio gefilmt, das die Attentäter zwei Tage später benutzten. An seiner Seite: Salah Abdeslam. Nach Angaben des TV-Senders RTBF soll Abrini zudem am 12. November an einer belgischen Tankstelle per Videokamera aufgenommen worden sein – in einem der Autos des Konvois, der die Attentäter nach Paris brachte. Abrini und Abdeslam mieteten im Pariser Vorort Alfortville eine Wohnung, die den Terroristen vor der Mordserie als Unterkunft diente. Am Abend der Anschläge soll er aber nach Aussage seiner Familie in Brüssel gewesen sein.

Abrini, der sich nach dem Abbruch einer Ausbildung als Schweißer mit Diebstählen und Drogenhandel durchgeschlagen hatte, liefert jedoch nicht nur Spuren nach Paris, sondern auch zu den Anschlägen in Brüssel. So wurden seine Fingerabdrücke und DNA-Spuren in zwei Apartments im Brüsseler Stadtteil Schaerbeek gefunden. Eine der Wohnungen war die Bombenwerkstatt für die Attentate in der belgischen Hauptstadt. Von dort hatten sich auch drei Männer auf den Weg zum Flughafen gemacht. Zwei von ihnen sprengten sich dort in die Luft. Nach französischen und belgischen Medienberichten steht Abrini im Verdacht, nach Syrien gereist zu sein. Ein jüngerer Bruder starb dort als Kämpfer der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS).

Osama K. war der Begleiter des Selbstmordattentäters

Der zweite der sechs Festgenommenen mit Querverbindungen zu den Anschlägen in Brüssel und Paris ist Osama K. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wurde er als Begleiter des Brüsseler U-Bahn-Attentäters identifiziert. Zudem soll er in einem Einkaufszentrum jene Sporttaschen erworben haben, in denen später bei den Anschlägen am Flughafen und in der U-Bahn die Bomben versteckt wurden.

Osama K., der auch das Pseudonym Naim Al Ahmed nutzte, hat nach unbestätigten Medienberichten die schwedische Staatsangehörigkeit. Er hielt sich im vergangenen Jahr auch in Deutschland auf. Nach bisherigen Ermittlungen holte ihn der mutmaßliche Paris-Terrorist Salah Abdeslam am 3. Oktober mit einem Leihwagen in Ulm ab. Danach fuhren beide nach Belgien. Warum sich Osama K. in der Münsterstadt aufgehalten hatte, blieb zunächst unklar.

Weiterer Großeinsatz der Polizei im Brüsseler Stadtteil Etterbeek

Die Ermittlungsbehörden gehen davon aus, dass Osama K. im vergangenen September aus Syrien zurückkehrte. Demnach kam er mit einem gefälschten syrischen Pass unter seinem Pseudonym Naim Al Ahmed mit einem Flüchtlingsboot nach Griechenland.

Am Samstag wurde die Identität eines weiteren der sechs Festgenommenen bekannt. Der belgische Sender VRT und die Zeitung „De Standaard“ bezeichneten den Mann als Bilal El Makhoukhi. Er war 2015 wegen Mitgliedschaft in der Islamistenorganisation Sharia4Belgium zu fünf Jahren Haft verurteilt worden, kam aber vorzeitig frei.

Bei einem Großeinsatz der belgischen Polizei wurden unterdessen im Brüsseler Stadtteil Etterbeek mehrere Anwohner umliegender Häuser in Sicherheit gebracht. Wie der Sender RTBF meldete, waren rund 50 Beamte im Einsatz. Auch Bombenentschärfer und Spezialkräfte seien zwischenzeitlich vor Ort gewesen. Unklar war zunächst, ob es einen Zusammenhang zu den Anti-Terror-Ermittlungen nach den Anschlägen von Brüssel und Paris gibt.

Ermittler schätzen: Mindestens ein Dutzend Terroristen läuft frei herum

Die Verbindungen einzelner Verdächtiger zu den Anschlägen in Brüssel und Paris deuten auf die Existenz einer größeren Terrorzelle hin. Doch wo das zentrale Kommando möglicherweise saß und wer am Ende die Fäden zog, ist noch nebulös. Ermittlerkreise räumen ein, dass der belgischen Polizei, der im Zuge der Brüsseler Anschläge Ineffizienz und Schlamperei vorgeworfen worden war, ein wichtiger Fahndungserfolg gelang. Doch dies verschaffe allenfalls eine Atempause. Mindestens ein Dutzend Terroristen im Zusammenhang mit den Attentaten von Brüssel und Paris laufe noch frei herum, vermuten Ermittler.