NSU-Terror

Arbeitete Beate Zschäpe für Verfassungsschutz-Spitzel?

Beate Zschäpe und ihr Komplize Mundlos sollen in Geschäften eines V-Mannes angestellt gewesen sein. Was wusste der Verfassungsschutz?

Sie schweigt: Vor Gericht hat sich die mutmaßliche NSU-Terroristin Beate Zschäpe nur schriftlich geäußert.

Sie schweigt: Vor Gericht hat sich die mutmaßliche NSU-Terroristin Beate Zschäpe nur schriftlich geäußert.

Foto: dpa Picture-Alliance / Tobias Hase / picture alliance / dpa

Berlin.  Beate Zschäpe soll während ihrer Zeit im Untergrund im Szeneladen „Heaven and Hell“ in Zwickau gearbeitet haben, der einem V-Mann des Verfassungsschutzes gehörte. Wie dpa weiter berichtet, soll es sich bei dem V-Mann um den Neonazi Ralf Marschner handeln. Marschner hat Sachsen verlassen, lebt heute in der Schweiz. Er soll von 1992 bis 2002 bezahlter Spitzel des Bundesamts für Verfassungsschutz (BfV) gewesen sein. Sein Tarnname sei „Primus“ gewesen. Eine BfV-Sprecherin wollte die Meldung zunächst nicht kommentieren.

Und die „Welt“ berichtet: Auch ein weiteres Mitglied des NSU-Trios, Uwe Mundlos, habe unter falschem Namen bei Marschner gearbeitet. Dies soll ebenfalls in der Zeit gewesen sein, als das Trio im Untergrund lebte. Mundlos soll zwischen 2000 und 2002 unter seiner Tarnidentität „Max Florian Burckhardt“ als Vorarbeiter in Marschers Bauunternehmen engagiert gewesen sein. Dem „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) wird vorgeworfen, zwischen 2000 und 2007 zehn Morde – davon neun an Migranten – begangen sowie mehrere Sprengstoffanschläge verübt zu haben.

Unklar ist: Was wusste der Verfassungsschutz?

Damit stellt sich eine Frage erneut: Was wusste der Verfassungsschutz über die Terrorzelle?

Mundlos sei auch als Bauleiter auf Baustellen in Nürnberg und München eingesetzt gewesen – und zwar in dem Zeitraum, in dem die ersten rassistischen Morde des NSU verübt wurden, heißt es in dem Bericht der „Welt“. An diesen Tagen seien Mundlos und Uwe Böhnhardt womöglich mit Fahrtzeugen, die von Marschners Firma geliehen wurden, zu den Tatorten gefahren.

Die Politik will der Sache nachgehen. „Wenn es sich als wahr herausstellen sollte, dass Mundlos für einen V-Mann gearbeitet hat – in der Zeit, als die Morde des NSU begannen – dann hätte das eine völlig neue Dimension“, sagte Clemens Binninger (CDU), Vorsitzender des zweiten Untersuchungsausschusses im Bundestag zum NSU. „Und im Moment spricht einiges dafür.“ SPD-Obmann Uli Grötsch erwartet, „dass das Bundeskriminalamt und BfV diesem Verdacht nachgehen, um den Sachverhalt akribisch und umfassend aufzuklären“.

„Der Staat wäre nicht nur Mitwisser, sondern auch Mittäter“

Für die Grüne Obfrau im Untersuchungsausschuss, Irene Mihalic, steht im Raum, dass der Staat „im Zusammenhang mit dem Untertauchen des NSU nicht nur Mitwisser, sondern auch Mittäter“ wäre. Mihalic sagte der dpa: Es spreche immer mehr für die These, dass Neonazis ihre V-Mann-Tätigkeit dazu genutzt hätten, eine Terror-Zelle wie den NSU vor dem Zugriff der Sicherheitsbehörden zu schützen und logistisch zu unterstützen. Wenn die Berichten stimmen, bekomme „der Skandal für das Bundesamt noch einmal eine neue Qualität.“

Der Spitzel, Ralf Marschner, ist inzwischen Mitte 40. Früher war er ein führendes Mitglied der Neonazi-Szene in Sachsen. „Manole“ sollen ihn seine Kameraden laut „Welt“ genannt haben. Bei seinen Gegnern hieß er wegen seiner Körperfülle „Mann ohne Hals“. Fotos, die in Medien veröffentlich wurden, zeigen ihn mit nacktem Oberkörper und einem Gewehr im Urlaub.

Anfang der 2000er-Jahre besaß Marschner laut den Berichten eine Baufirma für Abriss- und Entkernungsarbeiten in Zwickau – dort soll er den NSU-Mörder Uwe Mundlos unter falschem Namen beschäftigt haben. Einige Jahre später führte Marschner einen Szeneladen mit dem Namen „Heaven and Hell“ – in dem dann zeitweise Zschäpe gearbeitet haben soll.

Marschner verschwand plötzlich aus der Stadt

Marschner versuchte sich, so wird berichtet, auf vielen Gebieten, unter anderem als Nazi-Rocksänger, verkaufte rechte Magazine und CDs, betrieb verschiedene Szeneläden. Es soll mehrere Ermittlungsverfahren gegen ihn gegeben haben. Doch irgendwann verschwand Marschner plötzlich aus der Stadt. Er tauchte unter. Heute wohnt er in der Schweiz und betreibt ein Geschäft in Liechtenstein.

Zwickaus Oberbürgermeisterin Pia Findeiß zeigt sich fassungslos angesichts neuer Erkenntnisse zum Leben des NSU-Trios in der westsächsischen Stadt. „Mit jedem neuen Puzzleteil fragt man sich umso mehr, wie das alles möglich gewesen ist“, sagte die SPD-Politikerin. Ein Nebenkläger im NSU-Prozess fordert unterdessen, dass sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) einschaltet. „Wir erwarten jetzt Antworten, auch von Merkel“, sagte Rechtsanwalt Mehmet Daimagüler.

Zschäpes Anwalt will „weder bestätigen noch dementieren“

Zschäpe lebte mit ihren beiden mutmaßlichen Komplizen Mundlos und Uwe Böhnhardt von 1998 bis 2011 im Untergrund, zunächst in Chemnitz, später in Zwickau. Die Fahndung nach dem Trio war bis zum Auffliegen im November 2011 nach einem missglückten Banküberfall in Eisenach erfolglos geblieben. Mundlos und Böhnhardt brachten sich nach dem Banküberfall um, um der drohenden Festnahme zu entgehen. Zschäpe stellte sich der Polizei.

Seit 2013 steht Beate Zschäpe in München vor Gericht. Der Prozess soll nächste Woche fortgesetzt werden. Bisher hat sie sich nur schriftlich zu den Vorwürfen geäußert. Auf die Frage, ob Zschäpe in dem Laden des V-Mannes Marschner gearbeitet hat, antwortete ihr Anwalt Mathias Grasel: Er wolle die Information „weder bestätigen noch dementieren“. (mit dpa)