Politik

Eine Frage des Respekts

Die überfällige Debatte über die Verrohung der Gesellschaft

Da hat sich Thomas de Maizière (CDU) ein dickes Brett ausgesucht, das er bohren will: wider die Verrohung der Gesellschaft. Die steigende Zahl der Übergriffe auf Vertreter des Staates – im weitesten Sinne – ist Anlass genug für die Initiative, die Diskussion überfällig.

Exzesse hat es immer gegeben. So wie es Amokläufe immer gegeben hat. Das Grundrauschen ist das Problem: Das mittlerweile übliche (Normal-)Maß an Unhöflichkeit und Respektlosigkeit.

Für dringender denn je hält der Innenminister eine Rückbesinnung auf ethische Grenzen, „vielleicht sogar auf moralische Tabus“, auf herrlich altmodische Tugenden wie Respekt, Höflichkeit, Freundlichkeit, Achtsamkeit. Als Vorbild empfahl er Paragraf eins der Straßenverkehrsordnung: „Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.“ Auch diese Regel wird immer häufiger missachtet. Davon unabhängig: Sind wir so weit? Brauchen wir einen Führerschein mit Ausbildung und Prüfung für den gesellschaftlichen Verkehr?

Den Verlust des Respekts und den Verfall der staatlichen Autorität spüren buchstäblich die Polizisten. Risiko gehört unvermeidlich zu ihrem Beruf. Als einen Hochrisikobereich bezeichnet der Kriminologe Christian Pfeiffer etwa den Einsatz bei innerfamiliären Streitigkeiten. Das Risiko, dabei dienstunfähig zu werden – also krankgeschrieben –, habe sich im Vergleich zum Jahr 2000 mehr als verdoppelt. Das Risiko der Frauen, Opfer von Gewalt zu werden, sei im selben Zeitraum um die Hälfte gesunken. Der Grund dafür war das Gewaltschutzgesetz. Es gibt der Polizei das Recht, den prügelnden Wüterich aus dem Verkehr zu ziehen. Das hat den Einsatz von Polizisten wirksamer werden lassen. Und gefährlicher, in diesem Fall freilich ein vertretbares Risiko.

Im größeren Maßstab wiederholt sich die Beobachtung: Die Zahl der Gewaltdelikte ist generell rückläufig – die der Übergriffe gegen Polizisten und Uniformträger aber steigt an. Es ist eine Frage des Respekts. Das Problem ist der Autoritätsverfall des Staates und damit seiner Vertreter. Und die Gewalt ist dann das Erkennungszeichen.

De Maizière hat eine Fürsorgepflicht gegenüber seinen Mitarbeitern. Wenn er Bodycams bei der Bundespolizei testen lässt, härtere Strafen und schnelle Justizverfahren anmahnt, verhält er sich für einen Innenminister rollen- und problemgerecht. Eine Ursachenanalyse ist es nicht. Da muss man schon über den Werteverfall reden. Der Satz „So etwas tut man nicht“ wirkt inzwischen wie aus der Zeit gefallen. De Maizière vermisst auch immer mehr, was man früher „eine gute Kinderstube“ nannte. Nun kann man lange darüber streiten, was wo schiefläuft, in der Familie, in der Schule, kurzum: bei der Erziehung. Die sozialen Netzwerke sind sicher nicht die Ursache für die Respektlosigkeit. Sie machen sie aber anonymer; so gesehen senken sie eine Hemmschwelle.

Die Balance zwischen Individualinteressen und Gemeinwohl stimmt nicht mehr. Wo die Gemeinschaft noch eine größere gesellschaftliche Bedeutung hat – in Japan zum Beispiel –, ist eine derartige Verrohung der Sitten und der Sprache undenkbar und ein Tabu. Wie konnte es bei uns so weit kommen? Die zugegeben polemische Antwort: Wir haben das Selbstverständnis der Wirtschaft übernommen – die persönliche Interessen- und Gewinnmaximierung.

Immer mehr Menschen tun sich jedenfalls schwer, Regeln zu akzeptieren beziehungsweise die Pflichten und Zwänge, die daraus folgen: der Steuerbescheid, die Ablehnung eines Antrags. Schon bei der Rundfunkgebühr werden manche zu Fundamentalisten, weil sie im Einzelfall nicht einsehen, dass sie für etwas bezahlen sollen, das sie persönlich nicht nutzen und das nur der Allgemeinheit dient. Die Frustrationsgrenze des Egoismus ist niedrig – ihre Überschreitung erzeugt Aggression. Eine Debatte darüber zu entfachen, ist nicht vergeblich, aber ein weites Feld. Auch der längste Weg beginnt mit dem ersten Schritt. De Maizière hat ihn getan.