„Sonnenfrauen“

Erstes jesidisches Frauenbataillon kämpft gegen den IS

Tausende Jesidinnen wurden vom IS versklavt und misshandelt. Jetzt kämpfen mehr als 500 „Sonnenfrauen“ gegen ihre schlimmsten Peiniger.

Foto: Jan Jessen

Sindschar/Schingal.  Chatum Ali Chidir hat ihre Soldatinnen im Hof des Hauptquartiers der Farmanda-Division im nordirakischen Schingal Aufstellung nehmen lassen. Kurdische Fahnen wehen über dem Hof, heute feiern sie Newroz, das kurdische Neujahrsfest. Einige der Frauen lachen, den Mangel an militärischem Drill macht der Stolz auf ihre neuen Uniformen wett. Hauptmann Ali Chidir befehligt das erste jesidische Frauenbataillon. Sie nennen sich die Streitmacht der Sonnenfrauen. Das Bataillon ist Ausdruck des neuen Selbstbewusstseins einer religiösen Minderheit, die kurz vor der Auslöschung stand. „Wir kämpfen für unsere Freiheit und Würde“, sagt die Kommandeurin.

Rückblick: Im August 2014 erobert die Terrormiliz „Islamischer Staat“ die Region um die Jesidenhochburg Sindschar oder Schingal, wie sie die Kurden nennen. Die Fanatiker nehmen Dutzende Dörfer und die 80.000-Einwohner-Stadt ein. Die Jesiden sind ihnen verhasst. Sie bezeichnen sie als Teufelsanbeter, weil die zentrale Figur ihres Glaubens eine pfauenähnliche Engelsgestalt, der Melek Taus, ist. Tausende Jesiden werden massakriert und in Massengräbern verscharrt, Zehntausende fliehen, erst in das Sindschar-Gebirge, dann in die kurdische Autonomieregion. Die Terroristen verschleppen mehr als 3000 Jesiden, die allermeisten Mädchen und Frauen. Sie werden als Sexsklavinnen verkauft.

Freigekaufte Gefangene berichten Schreckliches

Etwa 900 der Gefangenen sind in den vergangenen Monaten freigekommen, manche flohen, andere wurden freigekauft. Sie berichten Schreckliches. Im Januar vergangenen Jahres traf der Reporter einige dieser Verschleppten in Lalisch, dem Pilgerort der Jesiden im Norden des Irak. Die kurdische Autonomieregierung hatte damals für mehr als 230 Gefangene angeblich 1,5 Millionen Dollar gezahlt. Die Freigelassenen erzählten von quälend langen Wochen, in denen sie zusammengepfercht waren in einer früheren Hochzeitshalle in Mossul, der Millionenstadt, die seit Juni 2014 vom IS besetzt ist. Davon, wie sie hungerten, dass sie mit ansehen mussten, wie Mitgefangene enthauptet wurden. „Meine Tochter ist neun Jahre alt. Sie haben sie mir weggenommen und gesagt, sie sei alt genug, um verheiratet zu werden“, sagte eine junge Frau, die nicht mehr weinen konnte.

Eine andere namens Chunau Chalaf Kassem berichtete von ihrer damals zwölfjährige Tochter Hadia, die ihr die Terroristen aus den Armen gerissen hatten, von der Schwiegertochter, die 17 Tage lang immer wieder verkauft worden war, ehe sie sich selbst befreien konnte, von den beiden Söhnen, die immer noch in der Gefangenschaft des IS waren. „Sie haben uns vernichtet“, sagte Chunau Chalaf Kassem damals.

IS brüstet sich mit seinen Gewalttaten

„Fast jeder Jeside hat Verwandte, die Gefangene bei Daesh sind“, sagt Kommandeurin Chatum Ali Chidir, wobei sie das arabische Akronym für den IS benutzt. „Die Gefangenen sind unsere Geschwister.“ Sie und die anderen „Sonnenfrauen“ wollen alles tun, um die Schande und die Gewalt zu rächen, die ihnen angetan worden ist. „Würden Sie es tolerieren, wenn sie hören, dass ein Kind vor den Augen seiner Mutter geköpft und die Mutter gezwungen wird, von seinem Fleisch zu essen?“ Der Wahrheitsgehalt solcher Aussagen lässt sich zwar schwer überprüfen – mit seiner Gewalttätigkeit brüstet sich der IS aber in zahllosen Videos, die von den Fanatikern ins Netz gestellt wurden.

„Nachdem im Juni 2014 Tal Afar gefallen ist, habe ich mich den Peschmerga angeschlossen“, erzählt die kleine Kommandeurin mit dem weinroten Barett und der rosa Spange im Haar. Die Peschmerga sind die regulären irakisch-kurdischen Soldaten, übersetzt heißt der Name so viel wie „die dem Tod ins Auge sehen“. Sechs Monate später wurde dann das Frauenbataillon gegründet. „Wir haben uns Sonnenfrauen genannt, damit Daesh weiß, dass wir der Sonne huldigen“, sagt Ali Chidir. Die Sonne ist das Symbol für alle Kurden, sie steht im Zentrum der kurdischen Fahne.

Den Fanatikern, so heißt es, sei der Kampf gegen Frauen zuwider, wer durch die Hand einer Frau falle, komme nicht ins Paradies. Ali Chidir lächelt ein wenig. „Ich hoffe, dass überhaupt keiner von ihnen ins Paradies kommt. Ich wünsche mir nur, dass sie alle tot sind und dass wir Rache für unsere Ermordeten nehmen können.“

Solange ein Quadratmeter vom IS besetzt ist, wollen sie kämpfen

Die Kommandeurin kommt aus einem Dorf bei Schingal, sie hat früher für die KDP gearbeitet, der Partei von Massud Barsani, dem Präsidenten der Autonomen Region. „Ich habe ihm damals eine Botschaft geschickt. Wenn seine Söhne dienen, sollten das auch seine Töchter tun dürfen.“ Für irakisch-kurdische Verhältnisse sind Soldatinnen sehr ungewöhnlich – anders als bei den sozialistisch geprägten türkisch-kurdischen Guerillas der verbotenen Arbeiterpartei PKK, in deren Reihen seit jeher Männer und Frauen gleichberechtigt kämpfen, waren im konservativeren Nordirak Frauen bislang allenfalls unterstützend für die männlichen Kämpfer aktiv. „Aber unsere männlichen Kameraden akzeptieren uns“, sagt Ali Chidir.

500 Frauen sind es bislang, die sich dem Bataillon angeschlossen haben, trainiert worden sind sie von den regulären Einheiten. „Wir hatten schon Kampfeinsätze“, sagt Ali Chidir, ohne konkreter zu werden. Auch vier Frauen, die aus der Gefangenschaft des IS befreit wurden, hätten sich ihnen als Freiwillige angeschlossen. Über 120 Frauen stünden auf Reservelisten.

Frauenbataillon ist in Schingal stationiert

Sie sind in Schingal stationiert. Die Stadt wurde im November 2015 von den Peschmerga und jesidischen Milizionären befreit. Jetzt liegt sie in Trümmern und ist vermint. Nur wenige Familien sind zurückgekehrt. Und noch immer sind einige Dörfer in der Umgebung in der Hand des IS. Deswegen können die allermeisten Flüchtlinge nicht zurück.

„Wir werden auch in Zukunft kämpfen, solange nur ein Quadratmeter unseres Landes vom Feind besetzt ist“, sagt Kommandeurin Ali Chidir. Was sie mit IS-Kämpfern machen, die sie gefangen nehmen, nach all dem, was ihrem Volk angetan wurde? „Wir werden sie nicht köpfen und ihnen nicht ihre Hände abschneiden, wir werden sie als Gefangene behandeln. Das gebietet uns unsere Religion. Wir sind Menschen, wir sind nicht wie Daesh.“ Ein junger jesidischer Milizionär, der ebenfalls in Schingal stationiert ist, ist weniger diplomatisch. „Einige Gefangene übergeben wir der kurdischen Regierung. Andere begehen Selbstmord“, sagt er und lächelt. Der junge Mann ist ein Kämpfer der jesidischen HPS, einer Miliz, die im Sommer 2014 von dem Deutschen Kassim Schescho gegründet wurde, einem Stammesführer der Jesiden. Auch Schescho ist an Newroz in Schingal. Eine beeindruckende Gestalt, massig, großer, tiefschwarzer Schnauzer, eine vom Kettenrauchen heisere Stimme.

Schescho hat für einige Jahre in Bad Oeynhausen gelebt, er war Gärtner. Dann entschloss er sich, zurückzugehen, um seine Leute zu verteidigen. Als Schingal überrannt wurde, entkam er nur knapp den Angreifern. Danach verteidigten Schescho und seine Kämpfer im Herbst und Winter 2014 drei Monate lang erfolgreich Scherfedin, das zweitwichtigste Heiligtum der Jesiden. „Wir sind in unserer Geschichte immer verfolgt worden“, sagt er. Aber diesmal werden sie zurückschlagen, sich nicht ergeben, davon ist er überzeugt. Und er ist stolz auf die Sonnenfrauen. „Es ist gut, dass es das Frauenbataillon gibt. Es gibt keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen.“