Flüchtlingskrise

Flüchtlinge hängen in Griechenland fest – Zustrom nimmt ab

Über die Ägäis kommen zwar kaum noch Menschen. Aber es warten noch immer 50.000 Flüchtlinge auf die Öffnung der mazedonischen Grenze.

Im griechischen Ort Idomeni warten noch immer Tausende Flüchtlinge auf die Grenzöffnung.

Im griechischen Ort Idomeni warten noch immer Tausende Flüchtlinge auf die Grenzöffnung.

Foto: MARKO DJURICA / REUTERS

Athen.  Der Flüchtlingsdeal mit der Türkei scheint allmählich zu greifen. Der Zustrom von Schutzsuchenden über die Ägäis nimmt deutlich ab. Am Montag trafen lediglich 17 Flüchtlinge und Migranten an Bord eines Fährschiffs von den Insel Chios und Lesbos im Hafen von Piräus ein. Auch auf den ostägäischen Inseln entspannt sich die Lage: Während noch vor einigen Wochen täglich mehrere Tausend Menschen aus der Türkei kamen, sind es jetzt deutlich weniger. Am Sonnabend waren es 73, am Sonntag 232.

Dass weniger Menschen die Überfahrt wagen, dürfte am stürmischen kalten Wetter liegen, das tagelang herrschte. Der Rückgang könnte aber auch an den schärferen Kontrollen an der türkischen Küste liegen. Die Küstenwache stoppte am Wochenende fünf Boote mit Hunderten Migranten, die von Izmir zur griechischen Insel Lesbos übersetzen wollten, berichtete die Nachrichtenagentur Dogan. Überdies scheint sich unter den in der Türkei wartenden Flüchtlingen herumzusprechen, dass Griechenland infolge der Grenzschließungen auf dem Balkan von einer Durchgangs- zur Endstation geworden ist.

Am 4. April soll die Rückführung von Migranten in die Türkei beginnen. Die zwischen der EU und Ankara getroffene Vereinbarung sieht vor, dass alle Flüchtlinge, die seit dem 20. März illegal nach Griechenland übergesetzt sind, zwangsweise zurückgebracht werden können. Sie haben allerdings vorher ein Recht auf eine Einzelfallprüfung. Dafür sollen in dieser Woche EU-Helfer nach Griechenland entsandt werden. In Athen heißt es, dass von den zugesagten 2300 Experten, die bei der Registrierung, den Sicherheitschecks und Asylprüfungen helfen sollen, erst sehr wenige eingetroffen seien. In den fünf Registrierungszentren auf den Inseln, den sogenannten Hotspots, warten rund 4100 Menschen auf eine Prüfung ihres Asylanspruchs. Seit dem Abschluss des Flüchtlingspakts der EU mit der Türkei am 20. März werden die Ankömmlinge in den Insel-Hotspots festgehalten.

Gerüchte über eine Grenzöffnung sorgten für Tumulte in Idomeni

Insgesamt sitzen in Griechenland nach Angaben des Krisenstabs der Regierung etwa 50.300 Flüchtlinge und Migranten fest. Davon halten sich rund 39.000 in organisierten Notunterkünften auf. Katastrophal bleibt die Situation im Elendslager von Idomeni an der Grenze zu Mazedonien. Hier harren immer noch etwa 11.000 Menschen aus.

Am Sonntag sorgten Spekulationen über eine bevorstehende Grenzöffnung für Tumulte. Unbekannte hatten das Gerücht gestreut, Deutschland werde Tausende aus dem Lager aufnehmen. Von Mund zu Mund und über die sozialen Netzwerke verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer. Sogar aus anderen Notaufnahmelagern in Nordgriechenland machten sich Hunderte Menschen über Dutzende Kilometer nach Idomeni auf, nachdem sie von den Gerüchten gehört hatten. Etwa 2000 Flüchtlinge besetzten die Eisenbahntrasse, die von Idomeni über die Grenze nach Mazedonien führt und versuchten, zum Grenzzaun vorzudringen. Manche hatten Kleinkinder auf dem Arm. Bereitschaftspolizisten hielten die aufgebrachten Menschen zurück.

Am Sonnabend war in einem Zelt im Lager von Idomeni ein Mädchen zur Welt gekommen. Die Familie stamme aus der syrischen Kurdenstadt Kobane, die im vergangenen Jahr monatelang von der Terrormiliz „Islamischer Staat“ belagert wurde, berichtete das griechische Staatsfernsehen. Helfer der Organisation Ärzte der Welt begleiteten die Geburt. Mutter und Kind seien wohlauf und würden in einem Krankenhaus versorgt.

Die griechische Regierung hofft, eine Zwangsräumung des Lagers vermeiden zu können. Ein Polizeieinsatz könnte zu chaotischen Szenen und Tumulten führen. Stattdessen setzt man darauf, dass die Flüchtlinge das Lager freiwillig verlassen. Die Behörden stellen zwar Busse bereit, um die Menschen in organisierte Unterkünfte zu bringen. Vom Angebot machten aber nur wenige Gebrauch.

Mitten in Athen bieten Schleuser nun Überfahrten nach Italien an

Am Wochenende ließen sich nur etwa 400 Menschen von Idomeni in andere Lager bringen. Die Regierung werde jetzt weitere Dolmetscher nach Idomeni schicken, um die Menschen zu informieren und zur Übersiedlung in eine der Notunterkünfte zu bewegen, kündigte der Sprecher des Krisenstabes an. Schwierig ist die Lage auch in Piräus, wo am Montag rund 5500 Menschen im Hafengelände kampierten. Die als Notunterkünfte zur Verfügung stehenden Gebäude sind überfüllt, die Versorgung mit Lebensmitteln ist unzureichend, es gibt zu wenig sanitäre Einrichtungen. In den kommenden drei Wochen will die Regierung zusätzliche Unterkünfte für etwa 30.000 Menschen fertigstellen.

Nach der Schließung der Balkanroute suchen die Schleuser neue Wege. Nachdem Griechenland für die Migranten zu einer Sackgasse geworden ist, rückt Italien als Tor zur EU in den Blickpunkt. Die italienische Küstenwache rettete am Sonntag südlich von Sizilien mehr als 700 Menschen, die mit Schlauchbooten unterwegs waren. Auch an den Treffpunkten der Flüchtlinge in Griechenland, so auf dem Viktoria-Platz in Athen und dem Marsfeld, bieten Schleuser Überfahrten nach Italien an.