Berlin –

Die vorhersehbaren Anschläge

| Lesedauer: 4 Minuten
Philipp Neumann

Experten ahnten, dass der IS erneut zuschlagen würde – weil er in Syrien unter Druck gerät

Berlin.  Als die belgische Polizei am Freitag den Attentäter von Paris aufspüren und verhaften konnte, waren sich Experten einig: Damit würde die Anschlagsgefahr in Europa nicht gebannt sein, im Gegenteil. Peter Neumann, der sich am King’s College in London mit politischem Radikalismus befasst, sagte am selben Abend in einem TV-Interview: „Es gibt keinen Grund zur Entwarnung. Uns stehen ähnliche Anschläge noch bevor.“ Das Pariser Terrorkommando sei nicht das einzige gewesen, das in Syrien trainiert worden sei. Es gebe ähnliche Gruppen mit ähnlichem Auftrag.

Neumann sollte auf dramatische Weise recht behalten. Er wünschte, er hätte falsch gelegen, twitterte er am Dienstag.

Tatsächlich war das Muster der Anschläge in Brüssel mit denen in Paris vergleichbar: Wieder wurden an verschiedenen Orten, aber zur selben Zeit wahllos Menschen umgebracht. Anders als in Paris, wo der westliche Lebensstil als Anschlagziel galt, ging es dieses Mal gegen ein Symbol: Die Metrostation, in der eine Bombe hochging, liegt mitten im Europa-Viertel. „Europa war das Ziel“, sagte Frankreichs Präsident François Hollande am Dienstag.

Die naheliegende Vermutung war diese: Die Anschläge in Brüssel könnten eine Racheaktion für die Festnahme von Abdeslam seien. Für Shiraz Maher, einen Kollegen Neumanns am King’s College, ist das aber zu einfach: Es sei unwahrscheinlich, dass eine Terrorzelle so schnell reagieren und Sprengsätze bauen könne, schrieb er in einem Beitrag für das Magazin „New Statesman“. Viel verunsichernder sei, dass es ganz offenbar ein breites Terrornetzwerk in Belgien gebe, das lange vor der Festnahme von Abdeslam zum Anschlag bereit gewesen sei. Aus Belgien seien doppelt so viele Kämpfer nach Syrien gegangen wie aus Frankreich und viermal so viele wie aus Großbritannien, das sei eine gesicherte Erkenntnis.

Dieses Netzwerk wird auch von Guido Steinberg, Islamismusforscher bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, als Grund genannt, weshalb die Pariser Attentäter a us Belgien gekommen seien und weshalb es nun die belgische Hauptstadt getroffen habe. „Es gibt in Belgien so viele junge Leute, die in den letzten Jahren nach Syrien gezogen sind“, sagte Steinberg am Dienstag dem Sender n-tv.

Die meisten dieser belgischen Rekruten hätten sich zwischen 2013 und 2015 dem Terrornetzwerk „Islamischer Staat“ angeschlossen. „Und dieser IS hat sich nun entschieden, in Europa zuzuschlagen“, so Steinberg. Da er über viele belgische und auch französische Rekruten verfüge, „ist Brüssel neben Paris einer der Schwerpunkte dieser Attentatswelle in den vergangenen Monaten“. Zur Ideologie des IS, gehöre es, alle Feinde des Islam zu hassen und zu bekämpfen. „Für die jungen Leute aus Europa bedeutet das nicht nur, das Regime von Baschar al-Assad in Syrien zu bekämpfen, sondern auch die eigenen Regierungen in der Heimat – in Belgien, in Frankreich oder auch in anderen Ländern.“ Ein Ziel des IS sei es, dass die getroffenen Länder zu scharfen Gegenmaßnahmen griffen, meint Steinberg, die dieser dann als Überreaktion verkaufen könne – „als Beleg dafür, dass der Westen hier tatsächlich einen Krieg gegen den Islam und die Muslime führt und nicht nur gegen eine Terrororganisation.“

Tatsächlich hieß es am Dienstag auf einem Twitteraccount, der dem Umfeld des IS zugeschrieben wird: „Ihr bombardiert uns im Orient, also bombardieren wir Euch im Westen.“

Terrorexperte Neumann äußerte im Januar die Erwartung, dass der IS sich auf Ziele außerhalb seines Kerngebiets in Syrien und im Irak konzentriere. Dies hänge möglicherweise damit zusammen, dass vor Ort „die Sachen nicht mehr so laufen wie sie mal gelaufen sind“, so Neumann. Der IS habe in Syrien und im Irak Territorium verloren und stehe unter Druck: „Möglicherweise ist die Strategie, jetzt durch Anschläge außerhalb des Kerngebiets davon abzulenken.“ Europa sei wichtig für die Terroristen, weil von hier viele Kämpfer kämen und weil sich europäische Staaten an der Allianz gegen den IS beteiligten.

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