Havanna –

Barack Obama: „Amerika und Kuba sind wie Brüder“

| Lesedauer: 5 Minuten
Dirk Hautkapp

Der US-Präsident verspricht Solidarität, beschwört die Gemeinsamkeiten und erklärt den Kalten Krieg auf dem Kontinent für beendet

Havanna. In der Bar „Neptuno“ in der Altstadt Havannas verstummen um Punkt 10.18 Uhr die Gespräche. Die Arbeiter lassen ihre Gabeln in den Teller mit Bohnen und Reis fallen. Daniel, der Kellner, zupft sich die Fliege am Hemdkragen zurecht. Mariella, die Köchin, legt die Schürze ab und nimmt Haltung an vor dem betagten Fernseher, der unter der Decke hängt. Es spricht Barack Obama. Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Live. In Kuba. Das gab’s noch nie. Da hören alle hin.

Seine Botschaft: Brücken bauen, Vertrauen schaffen

Und Obama, strahlend und charismatisch wie immer, zögert keine Sekunde, um die 1000 handverlesenen Zuhörer im neobarocken Saal des Gran Teatro Alicia Alonso und die Millionen an den Empfangsgeräten im Land mitzunehmen in die raue Welt da draußen. Zum Beispiel nach Brüssel, den jüngsten Fußabdruck des islamistischen Terrors. Obama verspricht Solidarität. „Wir müssen zusammenstehen, ungeachtet von Rasse oder Glaube, im Kampf gegen den Terror.“ Zum ersten Mal regt sich das, was in den nächsten 40 Minuten regelmäßiger Begleiter dieser historischen Rede sein wird, die oft zwischen Spanisch und Englisch wechselt: Beifall. Und Wohlwollen.

„Ich bin hier, um die letzten Überbleibsel des Kalten Krieges auf dem amerikanischen Kontinent zu beerdigen“, eröffnet Obama seine Rede, „ich überbringe dem kubanischen Volk einen Gruß des Friedens.“ 60 Jahre Sprachlosigkeit und Feindschaft zwischen der Insel und der Supermacht seien eine „Verirrung“ der Geschichte gewesen. „Wir müssen die Wahrheit anerkennen“, sagt Obama, „eine Politik der Isolation macht im 21. Jahrhundert keinen Sinn.“ Darum müsse die vom Kongress in Washington vor 60 Jahren verhängte Wirtschaftsblockade endlich weg. „Es ist Zeit, das Embargo aufzuheben.“

Schnell werden die Umrisse der Botschaft deutlich, mit der Obama seinen ersten Staatsbesuch auf der Karibikinsel abrunden will: Brücken bauen, neues Vertrauen schaffen, Befürchtungen zerstreuen, Ängste ernst nehmen, Gräben zuschütten; auch die zwischen Insel- und Exilkubanern. Ohne dabei aber Hoffnungen zu wecken, die einer allein nicht erfüllen kann. Seit seiner Rede an die arabische Welt in Kairo 2009 weiß Obama, wie schnell Versprechungen auf dem Müllhaufen der Geschichte landen können.

Amerika und Kuba seien wie zwei Brüder, „die für viele Jahre einander entfremdet waren“, sagt der Präsident. Es sei an der Zeit, diese Vergangenheit zurückzulassen. Während Millionen Kubaner in den Startlöchern stehen, um vor allem materiell Anschluss zu finden an die Moderne, bremst Obama das Tempo. Schrittweise müsse der Wandel gelingen, ohne Hast oder von außen übergestülpte Konzepte. Kuba, sagt Obama, bestimme die Zukunft Kubas. Niemand sonst. „Es wird nicht einfach. Es wird Rückschläge geben. Es wird Zeit dauern“, betont der Präsident. Aber es lohne sich. Obama gibt sich Mühe, die Skepsis vieler über den erst 15 Monate alten Sinneswandel mit Respekt zu zerstreuen. An die Adresse des kubanischen Staatschefs Raúl Castro, der oben im Theater in einer Loge aufmerksam zuhört, sagt er: „Wir sind keine Bedrohung für Kuba.“ Weder beabsichtige Amerika, dem Nachbarn im Süden Vorschriften zu machen, noch müsse Kuba als wertvoll erachtete Errungenschaften aufgeben. „Kubaner können sich anpassen, ohne ihre Identität zu verlieren“, sagt Obama, „ich glaube an das kubanische Volk.“

Viele Sätze verwendet Obama darauf, verschüttgegangene Gemeinsamkeiten freizulegen. „Stolz und Patriotismus, Familiensinn, Leidenschaft für unsere Kinder und Baseball, ein Bekenntnis zu Bildung und Frieden in der Welt.“ Dass es große Differenzen gibt in der Frage, welche Staatsform – Demokratie oder Einparteiensozialismus – eher zu Wohlstand und Stabilität führt, blendet Obama nicht aus. „Trotzdem haben wir uns zu einem Prozess der Normalisierung entschlossen.“ Obama setzt auf die Macht der kleinen Schritte, die auf Öffnung und Vertiefung der Beziehungen setzt.

Obamas Botschaft ist wie so oft vor allem an die junge Generation gerichtet: Glaubt an euch, glaubt daran, dass ihr so innovativ seid wie jedes andere Volk der Erde. Dass die Alten, die ergrauten Herrschenden, mithelfen müssen, lässt der Präsident nicht unerwähnt. Internet müsse überall auf der Insel verfügbar sein, als Nabelschnur zur Welt, sagt Obama. Und ohne Meinungsfreiheit, ohne das Recht, Gedanken ohne Furcht vor Repression ausdrücken zu dürfen, gehe es überhaupt nicht.

Obama vermeidet bis zuletzt die in Lateinamerika gefürchtete Pose des Zuchtmeisters und Oberlehrers. Mehrfach macht er sich klein, spricht offen die vielen Baustellen im eigenen Land an, etwa den Rassismus, und lädt Kuba zur konstruktiven Kritik ein. „Die Zukunft Kubas liegt allein in den Händen der Kubaner.“ Amerika wolle dabei ein guter Partner sein. „Sí se puede“, sagt Obama am Ende unter großem Beifall. Die spanische Version seines Wahlkampfslogans von 2008 „Yes we can“ kommt in der “Neptuno“-Bar besonders gut an.

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos