Berlin –

Vom Biotop des Terrors zum Anschlagsziel

| Lesedauer: 3 Minuten
Michael Backfisch

Brüssels Stadtteil Molenbeek steht im Fokus der Ermittler

Berlin. Immer wieder Molenbeek. Vier Monate lang konnte der mutmaßliche Paris-Attentäter Salah Abdeslam in dem von vielen Muslimen bewohnten Brüsseler Stadtteil untertauchen, ehe er am vergangenen Freitag festgenommen wurde. Sehr wahrscheinlich hatte der Sohn marokkanischer Einwanderer weitere Anschläge geplant. Nach Angaben des belgischen Außenministers Didier Reynders hatte der 26-Jährige „wieder etwas vorgehabt“. Zwei mutmaßliche Komplizen Abdeslams, die ebenfalls an der Vorbereitung der Pariser Terroranschläge am 13. November beteiligt gewesen sein sollen, sind noch auf der Flucht. Die Ermittlungsbehörden sagen, dass das Netz der Unterstützer Abdeslams wesentlich größer sei als zunächst angenommen. Am Dienstagnachmittag bekannte sich die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) zu den Attacken in Brüssel. Es ist ein Schlag gegen die EU, die Nato sowie eine Vielzahl internationaler Organisationen und Firmen, die in der belgischen Kapitale sitzen.

Molenbeek hat rund 100.000 Einwohner und besteht zu 40 Prozent aus Muslimen. Die Arbeitslosenrate beträgt etwa 30 Prozent, bei Einwanderern liegt sie noch höher. Vor allem junge Araber haben auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt schlechte Karten. Das fördert Ausgrenzung und Radikalisierung. Nach Aussage von Sicherheitsbehörden haben viele der Jugendlichen Sympathien für Islamisten. „Es gibt hier große muslimische Gemeinschaften, die in armen Vierteln sehr beengt wohnen“, erklärt Bilal Benyaich von der Brüsseler Denkfabrik Itinera.

Auf dem Schwarzmarkt kann man leicht Waffen kaufen

Brüssel ist schon seit Jahren ein Biotop des islamistischen Terrors. Allerdings war die Stadt bislang eher Rückzugsraum und Durchgangsstation für Attentäter. So bestieg Ayoub el-Khazzani im August 2015 in Brüssel den Schnellzug Thalys von Amsterdam nach Paris. Er wohnte in Molenbeek. Sein Plan eines Anschlags an Bord scheiterte – er wurde von Passagieren überwältigt.

Auch bei der Terrorattacke auf das Pariser Satiremagazin „Charlie Hebdo“ im Januar 2015 gab es Verbindungen nach Molenbeek. Einer der Angreifer, Amedy Coulibaly, kaufte seine Waffen in einem Geschäft in Molenbeek. Im Mai 2014 tötete der zeitweise in Molenbeek lebende Mehdi Nemmouche vier Menschen im Jüdischen Museum in Brüssel.

Die Stadt scheint für islamistische Terroristen ein idealer Standort zu sein – aus mehreren Gründen. Belgien liegt strategisch günstig zwischen Frankreich, Deutschland und Großbritannien. Das Land gehört zum Schengenraum, innerhalb dessen die Grenzen nicht kontrolliert werden. In zwei Stunden kann man Belgien mit dem Auto durchqueren – ideal für Terroristen, die ihre Spuren verwischen wollen. Darüber hinaus herrscht in dem Land ein Mangel an vor Ort ausgebildeten islamischen Geistlichen. Die meisten Imame kommen aus dem Ausland oder haben dort studiert. Nach Einschätzung von belgischen Sicherheitsbehörden hat der Wahhabismus, eine äußerst strenge Auslegung des sunnitischen Islam, einen bedeutenden Einfluss. Die Große Moschee in Brüssel wird vom Königreich Saudi-Arabien unterstützt, wo der Wahhabismus Staatsreligion ist.

Außerdem gibt es in der belgischen Hauptstadt erhebliche Sicherheitslücken. Zum einen kann man auf dem Schwarzmarkt vergleichsweise leicht Waffen kaufen. Zum anderen ist die Stadt in sechs verschiedene Polizeidistrikte aufgeteilt. So lassen sich Terrornetzwerke sowie das organisierte Verbrechen nur schwer bekämpfen. Zudem ist der belgische Sicherheitsapparat relativ klein. Ministerpräsident Charles Michel kommt zu dem selbstkritischen Schluss: „Fast jedes Mal, wenn Europa von einem Terroranschlag getroffen wird, gibt es eine Verbindung nach Molenbeek. Dahinter steckt eine Mischung aus Laissez-faire-Gebaren und Laxheit.“

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos