Nach den Attentaten

Terror in Brüssel - Deutschland im Alarmzustand

Nach dem Anschlag in Brüssel prüfen die Behörden die Sicherheitslage in der Bundesrepublik. Die Schutzmaßnahmen werden verstärkt.

Berlin.  Das Boarding war fast abgeschlossen, die Maschine bereit für die Reise nach Brüssel. Geplanter Abflug: 8.35 Uhr. Flugdauer: 90 Minuten. Dann die Durchsage des Kapitäns. „Er sagte, dass es in Brüssel einen Anschlag gegeben habe und alle Passagiere die Maschine verlassen müssen“, sagt Imal. Jetzt steht der Spanier am Flughafen Tegel vor dem Schalter von Brussels Airlines in der Schlange. Seit zwei Stunden schon. „Das ist leider nicht gut organisiert“, sagt er, „sie haben nur zwei Mitarbeiter und nur einen Computer.“

Schon jetzt ist klar: Mit dem Flugzeug wird an diesem Dienstag niemand mehr nach Brüssel kommen. Der Flughafen Zaventem ist nach den Terroranschlägen außer Betrieb, alle Flüge werden umgeleitet. Acht Verbindungen gibt es von Berlin aus pro Tag in die belgische Hauptstadt, je vier von Tegel und vier von Schönefeld. Die Polizei hat auf beiden Flughäfen die Sicherheitskontrollen verstärkt, die Beamten sind vermehrt auch in den Außenbereichen im Einsatz. In Tegel wurde die Besucherterrasse geschlossen. Nicht aus Sicherheitsgründen, wie ein Sprecher betont. Die Mitarbeiter, die dort die Besucher kontrollieren, würden gebraucht, um Fragen der Passagiere zu beantworten.

An der belgischen Botschaft an der Jägerstraße in Mitte setzt ein Mitarbeiter kurz vor 13 Uhr unterdessen die Fahnen auf Halbmast. Dann kommen einige Menschen und legen Blumen nieder. Ein Mitarbeiter legt sie in der Empfangshalle auf einen Tisch, auf dem eine Kerze brennt. Ein Mann aus Finnland, der gerade in Berlin lebt, erzählt sichtlich bewegt, dass er auch in Brüssel gearbeitet habe. „Drei Jahre lang habe ich täglich den U-Bahnhof genutzt, an dem es heute einen Anschlag gab“, sagt er.

Polizei nimmt die Gefährder in den Blick

In den deutschen Sicherheitsbehörden analysieren die Experten, inwiefern die Anschläge Auswirkungen auf die Sicherheitslage in Deutschland haben könnten. Verfassungs- und Staatsschützer nehmen die sogenannten Gefährder in den Blick, jene Islamisten, denen sie jederzeit einen Terroranschlag zutrauen würden. Rund 400 sind es bundesweit, 65 davon leben in Berlin, heißt es aus den Behörden. Mehr Gefährder gibt es, gemessen an der Einwohnerzahl, nur in Bremen. Die Hansestadt und Berlin sind also die Hochburgen der Dschihadisten. Die Hauptstadt ist wegen des symbolischen Charakters, den ein Anschlag hier hätte, aber deutlich gefährdeter.

Nicht ohne Grund führten Beamte daher immer wieder Razzien durch. Konkrete Hinweise auf einen geplanten Anschlag fanden sie aber nicht. Auch die Vermutung, dass die vor wenigen Wochen festgenommen Dschihadisten kurz davor waren, einen Terrorakt am Checkpoint Charlie an der Friedrichstraße zu verüben, stellte sich als mindestens übertrieben heraus.

So gefährdet wie Belgien ist Deutschland nach Einschätzung von Experten ohnehin nicht. So beziffern die belgischen Behörden die Zahl der Islamisten, die als „Gotteskrieger“ nach Syrien oder den Irak gereist sind, auf 451. Aus Deutschland sind es mit rund 800 zwar deutlich mehr. Im Vergleich zur Einwohnerzahl ist das kleinere Belgien aber weitaus stärker betroffen. Durch die vielen Razzien im Brüsseler Stadtteil Molenbeek steht Belgien zudem deutlich stärker im Fokus von Terrorgruppen wie dem sogenannten „Islamischen Staat“ (IS) als Deutschland. Gleiches gilt, wegen seiner aktiveren Rolle in der Anti-IS-Koalition, für Frankreich.

Laut Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) liegen den Behörden auch keine Erkenntnisse über Verbindungen der Terroristen in die deutsche Islamisten-Szene vor. Die Bundespolizei wies der Minister am Dienstag dennoch an, die Kontrollen an den Grenzen zu Frankreich und den Beneluxstaaten zu verstärken und die Patrouillen an Flughäfen und Bahnhöfen zu intensivieren. Mehr Beamte, schwere Waffen, Schutzwesten. Der Minister demonstriert Präsenz und Stärke.

Auch Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) warnt, man habe es „unverändert mit einer sehr ernstzunehmenden Sicherheitslage zu tun“. Die Behörden hätten ihre Maßnahmen bereits nach den Anschlägen von Paris im November vergangenen Jahres angepasst. Man werde die Sicherheitslage „fortlaufend bewerten und jedem Hinweis nachgehen“. Konkreter wird er nicht. Aus den Behörden verlautet, dass vor allem belgische Einrichtungen besonders geschützt würden.

Der Landeschef des Bund Deutscher Kriminalbeamter, Michael Böhl, versichert, die Behörden würden die Anschläge genau analysieren und angepasste Szenarien durchspielen. „Daran sind Polizei, Feuerwehr, Katastrophenschutz und BVG beteiligt.“ Bei einem Anschlag, etwa auf die U-Bahn, seien „Personal und Technik“ vorhanden, um zu evakuieren.

Die Sprecherin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), Petra Reetz, versichert, man sei bereits seit den Anschlägen von Paris in einer „erhöhten Bereitschaft“. Am Dienstag seien die Mitarbeiter erneut sensibilisiert worden, besonders aufmerksam zu sein.

Deutschsprachige Sympathisanten nutzen die Anschläge von Brüssel für Propaganda: „Macht euch auf mehr Bomben gefasst – auch in Deutschland“, heißt es auf dem Internetnachrichtendienst Twitter. Ob der Eintrag vom IS stammt oder einem Trittbrettfahrer, ist unklar. Bisher ist Deutschland glimpflich davon gekommen. Zur Wahrheit, so sagte am Dienstag der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD), gehöre aber auch: „Wir haben Glück gehabt.“ Volkstümlicher drückte es kürzlich der Chef des Berliner Verfassungsschutzes, Bernd Palenda, aus. Eine höhere Warnstufe als jetzt gebe es nicht. „Was danach kommt, ist Bumm.“