Staatsbesuch

Obama: Der Kalte Krieg ist zu Ende – Friedensgruß an Kuba

| Lesedauer: 6 Minuten
Dirk Hautkapp
US-Präsident Barack Obama hat sich auf Kuba für den Frieden ausgesprochen.

US-Präsident Barack Obama hat sich auf Kuba für den Frieden ausgesprochen.

Foto: Jeffrey Arguedas / dpa

Präsident Obama überbringt dem Volk auf seiner Kuba-Reise einen „Saludo de Paz“, einen Friedensgruß. Er will mit Vorurteile aufräumen.

Havanna.  In der Neptun-Bar in der Altstadt Havannas verstummen um Punkt 10.18 Uhr die Gespräche. Die Arbeiter lassen ihre Gabeln in den Teller mit Bohnen und Reis fallen. Daniel, der Kellner, zupft sich die Fliege am Hemdkragen zurecht. Mariella, die Köchin, legt die Schürze ab und nimmt Haltung an vor dem betagten Fernseher, der unter der Decke hängt. Es spricht Barack Obama. Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Live. In Kuba. Das gab‘s noch nie. Da hören alle hin.

Und Obama, strahlend und charismatisch wie immer, zögert keine Sekunde, um die 1000 handverlesenen Zuhörer im neobarocken Saal des Gran Teatro Alicia Alonso und die Millionen an den Empfangsgeräten im Land mitzunehmen in die raue Welt da draußen. Brüssel. Der jüngste Fußabdruck des islamistischen Terrors. Tausende Kilometer weit weg. Obama verspricht Solidarität. „Wir müssen zusammenstehen, ungeachtet von Rasse oder Glaube, im Kampf gegen den Terror.“ Zum ersten Mal regt sich das, was in den nächsten 40 Minuten regelmäßiger Begleiter dieser historischen Rede sein wird, die oft zwischen Spanisch und Englisch wechselt: Beifall. Und Wohlwollen.

Brückenbauen und Vertrauen schaffen

„Ich bin hier, um die letzten Überbleibsel des Kalten Krieges auf dem amerikanischen Kontinent zu beerdigen“, eröffnet Obama seine Rede, „ich überbringe dem kubanischen Volk einen Gruß des Friedens.“ 60 Jahre Sprachlosigkeit und Feindschaft zwischen Insel und Supermacht sei eine „Verirrung“ der Geschichte gewesen. „Wir müssen die Wahrheit anerkennen“, sagt Obama, „eine Politik der Isolation macht im 21. Jahrhundert keinen Sinn.“ Darum müsse die vom Kongress in Washington vor 60 Jahren verhängte Wirtschafts-Blockade, Hemmschuh jeder gedeihlichen Entwicklung auf Kuba, endlich weg. „Es ist Zeit, das Embargo aufzuheben.“

Schnell werden die Umrisse der Botschaft deutlich, mit der Obama seinen ersten Staatsbesuch auf der Karibikinsel abrunden will: Brückenbauen, neues Vertrauen schaffen, Befürchtungen zerstreuen, Ängste ernstnehmen, Gräben zuschütten; auch die zwischen Insel- und Exil-Kubanern. Ohne dabei aber Hoffnungen zu wecken, die einer allein nicht erfüllen kann. Seit seiner Rede an die arabische Welt in Kairo 2009 weiß Obama, wie schnell Versprechungen auf dem Müllhaufen der Geschichte landen können.

Amerika und Kuba seien wie zwei Brüder, „die für viele Jahre einander entfremdet waren“, sagt der Präsident. Es ist an der Zeit, diese Vergangenheit zurück zu lassen. Während Millionen Kubaner in den Startlöchern stehen, um vor allem materiell Anschluss zu finden an die Moderne, bremst Obama das Tempo. Schrittweise müsse der Wandel gelingen, ohne Hast oder von außen übergestülpte Konzepte. Kuba, sagt Obama, bestimmt die Zukunft Kubas. Niemand sonst. „Es wird nicht einfach. Es wird Rückschläge geben. Es wird Zeit dauern.“ Aber es lohne sich.

Investition in die Zukunft der Länder

Obama gibt sich Mühe, die Skepsis vieler über den erst 15 Monate alten Sinneswandel mit Respekt zu umarmen. An die Adresse von Staatschef Raúl Castro, der oben im Theater in einer Loge aufmerksam zuhört, sagt er. „Wir sind keine Bedrohung für Kuba.“ Weder beabsichtige Amerika dem Nachbarn im Süden Vorschriften zu machen, noch müsse Kuba als wertvoll erachtete Errungenschaften aufgeben. „Kubaner können sich anpassen, ohne ihre Identität zu verlieren, sagt Obama, „ich glaube an das kubanische Volk.“

Viele Sätze verwendet Obama darauf, verschüttet gegangene Gemeinsamkeiten freizulegen. „Stolz und Patriotismus, Familiensinn, Leidenschaft für unsere Kinder und Baseball, ein Bekenntnis zu Bildung und Frieden in der Welt.“ Für Obama brach liegendes Kapital, das gut investiert, in der Zukunft für beide Länder gute Dividende abwerfen kann.

Dass es große Differenzen gibt in der Frage, welche Staatsform - Demokratie oder Ein-Parteien-Sozialismus - eher zu Wohlstand und Stabilität führt, blendet Obama nicht aus. „Trotzdem haben wir uns zu einem Prozess der Normalisierung entschlossen“. Obama setzt auf die Macht der kleinen Schritte, die auf Öffnung und Vertiefung der Beziehungen setzen. Beispiel AirbnB. Der globale Zimmervermittler ist in 191 Ländern aktiv. Nirgends sind die Zuwachsraten so hoch wie in Kuba.

Keine Furcht vor Repression

Obamas Botschaft ist wie so oft vor allem an die junge Generation adressiert: Glaubt an euch, glaubt daran, dass ihr so innovativ seid wie jedes andere Volk der Erde. Dass die Alten, die ergrauten Herrschenden mithelfen müssen, lässt der Präsident nicht unerwähnt. Internet muss überall auf der Insel verfügbar sein, als Nabelschnur zur Welt, sagt Obama. Und ohne Meinungsfreiheit, ohne das Recht, Gedanken ohne Furcht vor Repression ausdrücken zu dürfen, gehe es überhaupt nicht.

Obama vermeidet bis zuletzt die in Lateinamerika gefürchtete Pose des Zuchtmeisters und Oberlehrers. Mehrfach macht er sich klein, spricht offen die vielen Baustellen im eigenen Land an, etwa den Rassismus, und lädt Kuba zur konstruktiven Kritik ein. „Die Zukunft Kubas liegt allein in den Händen der Kubaner.“ Amerika wolle dabei ein guter Partner sein. „Sí se puede“, sagt Obama am Ende unter großem Beifall. Die spanische Version seines Wahlkampfslogans von 2008 kommt in der Neptun-Bar besonders gut an. Daniel, der Kellner, zitiert mehrfach hintereinander den Satz, der hier am besten gefallen hat: „Die Zukunft Kubas liegt allein in den Händen der Kubaner.“

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