Politik

So viel Zuwanderung wie noch nie

Knapp zwei Millionen Menschen kamen im Jahr 2015 nach Deutschland

Berlin/Wiesbaden.  Knapp zwei Millionen Zuwanderer zählten die Statistiker im vergangenen Jahr in Deutschland. Doch etwa 860.000 Ausländer verließen das Land wieder. Unterm Strich blieb damit ein Plus von etwa 1,14 Millionen Menschen. Das Statistische Bundesamt erhebt diese Zahlen bereits seit dem Jahr 1950 – doch einen derart hohen Wert hat die Behörde nie zuvor gemessen. Der Grund: die Flüchtlingskrise.

Schon seit ein paar Jahren gehen die Zuwanderungszahlen kräftig nach oben. Die Bundesrepublik arbeitete sich vor auf Platz zwei der beliebtesten Einwanderungsländer weltweit, gleich hinter den USA. Bis 2014 lag der Zuwachs vor allem an Menschen aus anderen europäischen Staaten, die frei entscheiden können, wo sie in der EU leben und arbeiten wollen. Sie machten zuletzt immer den größten Teil der Zuwanderer in Deutschland aus.

„Die innereuropäische Migration hat geboomt“, sagt der OECD-Migrationsexperte Thomas Liebig. Auch jetzt kommen noch viele Menschen aus Süd- oder Osteuropa ins Land, um für einige Zeit hier zu arbeiten und danach wieder zurückzugehen oder in einen anderen EU-Staat weiterzuziehen. Auch ein großer Teil der „Fortzüge“ aus Deutschland geht deshalb auf ihre Kappe.

Die Menschen kommen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan

Doch die Migration innerhalb der EU wird inzwischen überlagert von der großen Zahl an Flüchtlingen aus Nicht-EU-Staaten, die nach Deutschland kommen. Mehr als eine Million Asylsuchende registrierten die Behörden im vergangenen Jahr, vor allem aus Syrien, Afghanistan und dem Irak. Auch das ein absoluter Rekord – und dieser treibt die allgemeinen Zuwanderungszahlen deutlich in die Höhe.

Zum Vergleich: 2014 hatte es 1,343 Millionen Zuzüge und 766.000 Fortzüge gegeben – also ein Plus von 577.000 Ausländern. 2015 stieg die Zahl der Zuzüge um 49 Prozent, während die Zahl der Fortzüge lediglich um zwölf Prozent zunahm.

Experten halten die Zahlen für gewagt. „Keiner kann genau sagen, wie viele Menschen im vergangenen Jahr nach Deutschland gekommen sind“, sagt Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, dieser Zeitung. Es gebe ein Problem mit Doppel- und Dreifachregistrierungen, viele Menschen seien gar nicht registriert. Zudem melde sich kaum ein Zuwanderer bei der Behörde ab, wenn er das Land wieder verlasse. „Alle stochern hier schwer im Nebel“, sagt Klingholz.

Zwar bekommt nur ein Teil der Asylbewerber einen Aufenthaltsstatus in Deutschland. Aber auch viele Menschen, deren Asylantrag abgelehnt wird, bleiben vorerst im Land – zum Beispiel weil ihnen Papiere fehlen. Und angesichts der Lage in vielen Herkunftsstaaten gibt es für viele Menschen nur wenig Aussicht, dass sie schnell in ihre Heimat zurückkehren können. „Ein großer Teil der Flüchtlinge wird bleiben und sich hier niederlassen“, sagt Liebig.

SPD-Vize Stegner pocht auf ein Zuwanderungsgesetz

In den 90er-Jahren gab es schon mal ähnlich hohe Zahlen – zumindest ansatzweise. Die Asylbewerberzahlen schnellten damals durch den Bosnienkrieg in die Höhe. Außerdem kamen viele Spätaussiedler ins Land. So hohe Zuwanderungszahlen wie damals – vor allem im Rekordjahr 1992 – erreichte Deutschland nach langer Pause erst 2014 wieder. Nun sind auch diese Zahlen weit übertroffen.

Liebig sieht trotzdem Unterschiede. „Trotz aller Schwierigkeiten, die wir heute haben, ist das kein Vergleich zu den 90er-Jahren“, sagt er. Die Wirtschaftslage sei heute deutlich besser, ebenso die Strukturen für die Integration. Außerdem gebe es heute einen größeren Anteil an Migranten, die zum Arbeiten nach Deutschland kämen. Und: Zumindest in weiten Teilen der Gesellschaft habe sich inzwischen die Erkenntnis durchgesetzt, dass Deutschland Zuwanderer brauche.

Hinzu kommt der demografische Wandel. Die Menschen werden älter, die Bevölkerung schrumpft. Das stellt den Arbeitsmarkt, das Gesundheitssystem und Sozialkassen vor enorme Herausforderungen. Experten predigen seit Langem, dass Deutschland von Zuwanderung profitiert.

Angesichts der Rekordzahlen pocht SPD-Parteivize Ralf Stegner auf ein Zuwanderungsgesetz. „Deutschland ist schon seit Langem Einwanderungsland“, sagt Stegner dieser Zeitung. „Hätte die Union diese Realität nicht seit Jahrzehnten ignoriert, wären wir bei der Steuerung der Zuwanderung schon viel weiter.“ Die SPD fordere hingegen ein transparentes Einwanderungsgesetz, das Zuwanderung verlässlich steuere.