Terror

Dieser Anschlag hat die Türkei mitten im Herzen getroffen

Der Anschlag der Türkei ist ein deutliches Zeichen für die Unruhe im Land. Unklar sind hingegen die Hintergründe dieses Terroraktes.

Der jüngste Anschlag in Istanbul ereignete sich inmitten einer Einkaufsgegend.

Der jüngste Anschlag in Istanbul ereignete sich inmitten einer Einkaufsgegend.

Foto: Deniz Toprak / dpa

Istanbul.  Kurz vor elf Uhr erschütterte eine schwere Explosion die beliebte Einkaufsmeile Istiklal Caddesi. Die Straße zieht sich vom Taksim-Platz aus über anderthalb Kilometer entlang, sie ist gesäumt von Geschäften und Cafés. Dieses Mal traf es die Türkei mitten im Herzen. Nach dem Knall, der in der Umgebung weiträumig zu hören war, versuchten Touristen und Einheimische panisch, sich in Sicherheit zu bringen. Augenzeugen berichten von Toten und Verletzten, die am Boden lagen, sowie verstreuten Leichenteilen.

Fünf Menschen wurden getötet – darunter auch der Attentäter – , weitere 36 verletzt, darunter auch zwölf Touristen, sagte der türkische Gesundheitsminister Mehmet Müezzinoglu am Sonnabend. Deutsche wurden von dem Anschlag entgegen ersten Medienberichten nicht getroffen, teilte das deutsche Auswärtige Amt mit.

Mehrere Terrorgruppen kommen infrage

Über das Ziel und die Täter des Anschlags gibt es bisher nur Spekulationen: Touristen könnten ebenso im Fadenkreuz gestanden haben wie der Landrat, vor dessen Amtssitz sich die Explosion ereignet hatte. Oder es sollte die Sicherheitskräfte treffen, die nur 100 Meter weiter stationiert sind. Es gibt gleich mehrere Terrororganisationen, die für die Bluttat infrage kommen. Neben dem „Islamischen Staat“ und Linksradikalen gelten die PKK und ihre Splittergruppen als mögliche Verantwortliche.

Das Blutbad kam nicht völlig überraschend. Seit Tagen kursieren Hinweise über mögliche Anschläge in allen größeren Städten der Türkei. Die Sicherheitsmaßnahmen waren massiv verschärft worden. Seit einigen Wochen sieht man Polizeiautos vor ausländischen Einrichtungen wie Kirchen und Konsulaten, aber auch vor Sehenswürdigkeiten wie dem Galata-Turm.

Deutsche Behörden warnen vor Gefahr

Das deutsche Auswärtige Amt hatte wegen konkreter Hinweise auf terroristische Attentate sein Generalkonsulat in Istanbul, die Botschaft Ankara sowie die deutschen Schulen bereits seit Donnerstag geschlossen und seine Bürger vor einem möglichen Terrorakt gewarnt. Ebenso hatte die US-Botschaft für verschiedene türkische Großstädte Warnungen veröffentlicht. Hintergrund für die befürchtete Gefahr ist das bevorstehende kurdische Newroz-Fest am 21. März, bei dem es in der Vergangenheit immer wieder zu Eskalationen zwischen Kurden und Sicherheitskräften gekommen war.

Die türkische Regierung hatte indes die ausländischen Vertretungen wegen ihrer Warnungen scharf verurteilt. Sie teilte mit, man habe die Situation im Griff und der Alarm würde lediglich den Terroristen in die Hände spielen. Generell versuchen die offiziellen türkischen Stellen, die Gefahr herunterzuspielen und rufen die Bevölkerung dazu auf, sich nicht verunsichern und vom Terror unterkriegen zu lassen. Bisher wurde nach allen Terrorereignissen eine Mediensperre verhängt, wie auch dieses Mal. Die sozialen Medien wie Twitter oder Facebook wurden gedrosselt.

PKK-Chef droht mit Terror

Doch trotz der Versuche, die Brisanz der Situation herunterzuspielen, liegen in der Türkei die Nerven blank: Im kurdischen Südosten des Landes ist nach der gescheiterten Regierungsbildung nach den Wahlen im Juni und einem verschärft antidemokratischen Kurs der Regierung der Bürgerkrieg erneut hochgekocht und hat einen traurigen Höhepunkt erreicht. PKK-Chef Cemil Bayik hatte in einem Zeitungsinterview in der vergangenen Woche klargestellt, dass der Terror alle Gebiete der Türkei erreichen würde. Damit ist die Bedrohung und mit ihr die Angst auch in den Großstädten im Westen des Landes angekommen.

Die Gewaltspirale in der Türkei hatte sich seit den Parlamentswahlen im Juni 2015 beständig weitergedreht. Damals hat die aus der Kurdenbewegung hervorgegangene HDP mit 13 Prozent der Stimmen einen erstaunlichen Sieg errungen und der Regierungspartei AKP von Präsident Recep Tayyip Erdogan die absolute Mehrheit vereitelt. Allerdings konnte – nicht zuletzt aufgrund des unwilligen Verhaltens der AKP – keine Regierung gebildet werden, und aus den dadurch bedingten Neuwahlen im November vergangenen Jahres ging die AKP erneut als stärkste Kraft hervor. Eines der Wahlversprechen Erdogans hatte gelautet, dass es keine weiteren Anschläge mehr geben würde, wenn man ihn und seine Regierung bestätigen würde. Eingelöst werden konnte dieses Versprechen jedoch nicht. Mehrere Terroranschläge folgten. Allein dieses Jahr erschütterten schon drei schwere Attacken das Land. Vielen Bürgern geht die Aufklärung der Taten nicht entschlossen genug voran. Außerdem wird kritisiert, dass bisher keine politischen Konsequenzen gezogen wurden.

Touristen sollern in Hotels bleiben

Das Auswärtige Amt riet am Sonnabend allen deutschen Touristen in Istanbul, ihre Hotels nicht zu verlassen. Dort sollten sich die Reisenden weiter über die Medien und die Anweisungen des Auswärtigen Amts informieren. Den Anweisungen türkischer Sicherheitskräfte sei unbedingt Folge zu leisten.

In der Türkei sei jedoch weiter mit gewaltsamen Auseinandersetzungen zu rechnen, so das Auswärtige Amt: „Reisenden in Istanbul wird geraten, öffentliche Plätze, auch touristische Attraktionen und allgemein Menschenansammlungen in den nächsten Tagen zu meiden.“ Die deutsche Botschaft in Ankara und das Generalkonsulat Istanbul bleiben auch am Wochenende geschlossen. Ob dies auch für die nächste Woche gilt, sei noch nicht entschieden, sagte eine Sprecherin des Amtes.

Veranstalter bieten kostenlose Umbuchung bei Istanbul-Reisen

Was tun, wenn man nun eine Reise nach Istanbul gebucht hat, diese jedoch nicht antreten mag? Deutschlands größter Reiseveranstalter TUI bietet seinen Istanbul-Reisenden bis zum 31. März an, ihren Urlaub gebührenfrei umzubuchen oder zu stornieren, sagte die TUI-Sprecherin Anja Braun, der Morgenpost. Auch DER Touristik zeigt sich kulant. Pauschalreisen mit ITS und Jahn in die Türkei können bis 30 Tage vor Reiseantritt kostenlos umgebucht werden. Durch die Terroranschläge verliert die Türkei dennoch massiv an Attraktivität als Urlaubsland. TUI, Deutschlands größter Reiseveranstalter, erwartet 2016 nur noch eine Million Türkei-Reisende und damit halb so viele wie im Vorjahr.