Rechtsextremismus

Wieso Behörden Zeit reif hielten für Verbot der „Terrorcrew“

Jahrelang agierte die militante Kameradschaft „Weisse Wölfe Terrorcrew“ im Land. Nun wollten Sicherheitsdienste nicht länger zusehen.

Foto: imago/Christian Ditsch

Hamburg/Berlin.  Die selbst ernannte „Weisse Wölfe Terrorcrew“ posiert zum Gruppenfoto. Lieber mit dem Rücken zur Kamera, damit ihre Gesichter unerkannt bleiben. Die Köpfe der Männer sind kahl rasiert, auf ihren uniformen T-Shirts stehen Namen: Ricky. Anna. Denny. Tonja. Dazu der Schriftzug: „Unbelehrbar“ – und die Kombination „C 18“. C steht für „Combat“, Kampf. Die Zahlen 1 und 8 stehen für den ersten und den achten Buchstaben im Alphabet. A und H. Adolf Hitler. Das ist die Gruppe, die Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) am Mittwoch verbieten ließ.

Das Foto entstand im Sommer 2008 auf einer Grillparty von etwa 50 Neonazis im Eilbeker Jakobipark. Die Grillfeier endete in einer Massenschlägerei, zwei Polizisten wurden von den Rechten bepöbelt, angegriffen und schwer verletzt. Der „Sektionsleiter“ der Gruppe in Hamburg, Sebastian R., wurde zu 14 Monaten Haft verurteilt. „Combat 18“ gilt als der militärische Arm des ebenfalls verbotenen „Blood & Honour“-Netzwerks.

„Terrorcrew“ ist gewaltbereit und hetzt gegen Geflüchtete

Die Gewalt im Park markierte den Anfang der rechtsextremen Kameradschaft „Weisse Wölfe Terrorcrew“. Sie hatte sich kurz zuvor als Fangruppe der nordrhein-westfälischen Rechtsrock-Band „Weisse Wölfe“ formiert, die Neonazis fielen erst mit Saufgelagen und Schlägereien auf, dann mit gezielter Gewalt. Über Jahre war die Gruppe aktiv. In Hamburg hatte sie lange ihre Hochburg und gründete „Sektionen“ in anderen Bundesländern. Jetzt lässt der Bundesinnenminister die „Terrorcrew“ verbieten.

Bei Durchsuchungen in zehn Bundesländern fanden Beamte neben Datenträgern, Bekleidung und Propagandamaterial auch Waffen wie Wurfsterne, eine Armbrust und Kleinkaliberwaffen. De Maizière erklärte, es handele sich um eine Vereinigung, die offen und aggressiv gegen den Staat, politisch Andersdenkende, Migranten und Polizisten hetze. Sie trage Gewalt auf die Straße.

Nach Informationen unserer Redaktion wurde auch die Wohnung des Anführers Sebastian R. im Hamburger Stadtteil Horn durchsucht, der weiterhin als Redner der Gruppe bei Aufmärschen aufgetreten war.

Innenminister sieht bei Gewalt gegen Asylbewerber weiter „Anlass zur Sorge“

2012 gerieten Mitglieder der Gruppe in den Fokus der Sicherheitsbehörden. Verdacht: Bildung einer terroristischen Vereinigung. Neonazis hätten als konspirative „Werwolf-Kommando“ geplant, „das politische System der Bundesrepublik zu beseitigen“, hieß es damals. Doch der Verdacht erhärtete sich nicht. Das Verfahren wurde eingestellt. Im vergangenen Jahr hatte dann die Staatsanwaltschaft Bamberg gegen WWT-Mitglieder ein Ermittlungsverfahren wegen der Bildung einer kriminellen Vereinigung eingeleitet.

Im Oktober fanden dazu Wohnungsdurchsuchungen statt. Zwei Beschuldigte wurden in Untersuchungshaft genommen. Gegenstand des Verfahrens waren auch geplante Anschläge auf Asylbewerberunterkünfte, sagte de Maizière. 2015 hatten sich die Straftaten von Deutschen gegen Unterkünfte von Geflüchteten verfünffacht. 76 Mal wurde in Unterkünften Feuer gelegt. Auch nach dem Verbot der „Terrorcrew“ sprach de Maizière von einem „großen Anlass zur Sorge“.

Bei der Razzia der Polizei in verschiedenen Wohnungen von „Terrorcrew“-Mitgliedern wurden nach Informationen dieser Zeitung zwar keine Hinweise auf konkrete Anschlagspläne gefunden. „Es liegt aber auf der Hand, dass die Mitglieder in den Flüchtlingen ein starkes neues Feindbild haben, dass sie aktiv bekämpfen wollen“, heißt es aus Sicherheitskreisen.

Der „harte Kern“ der Vereinigung besteht laut Innenministerium noch aus 25 Personen. In zehn Bundesländern gebe es sogenannte „Statthalter“, die für die Organisation des Vereins zuständig seien. Die Mitglieder sind in der rechtsextremistischen Szene etabliert und vernetzt. Und doch: „Die Szene in Hamburg liegt inzwischen brach, aber das Gewaltpotenzial besteht“, heißt es aus dem Sicherheitsapparat.

Seit dem Versagen in der Mordserie des „NSU“ stehen die Behörden unter Druck

Hamburgs Innensenator Andy Grote (SPD) feiert das Verbot als Erfolg. „Einmal mehr zeigt der Rechtsstaat klare Kante gegen jedwede Form extremistischer und krimineller Aktivitäten“, sagte Grote. Für das Verbot mussten die Behörden offenbar erst mühsam Belege sammeln. Kameradschaften wie die „Terrorcrew“ hatten sich seit den 1990er-Jahren immer häufiger in der Szene etabliert, um sich durch vordergründig lockere Strukturen dem Verbotsdruck zu entziehen.

Die Behörden wiederum stehen seit 2011 im Kampf gegen Neonazis unter Druck, nachdem der „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) jahrelang unentdeckt morden konnte. Auch in Hamburg konnten die Sicherheitsbehörden den Mord an dem türkischen Lebensmittelhändler Süleyman Tasköprü nicht verhindern. Im Gegenteil: Die Hamburger Polizei schloss bis zum Auffliegen der Terrorgruppe einen rechtsextremistischen Hintergrund aus.

Die Linken-Bundestagsabgeordnete Martina Renner kritisiert: „Solange die Strafverfolgungsbehörden nicht effektiver gegen die zunehmende Bewaffnung von Neonazis“ vorgingen, führten Verbote nicht zu einer Schwächung der militanten Neonazibewegung. Erst kürzlich wurde bekannt, dass 400 Rechtsextremisten über eine waffenrechtliche Erlaubnis verfügen. Die Behörden wissen davon, doch laut ARD-Recherchen müssen viele Neonazis ihre Waffen nicht abgeben.