Politik

Doppelte Abkassierer

Ärzte sollten Patienten offenlegen, von welchen Firmen sie Geld bekommen

Wer zum Arzt geht, muss sicher sein können, dass es im Gespräch mit dem Mediziner um die wichtigen Fragen der eigenen Gesundheit geht – und nicht heimlich um die Frage, wie der Arzt mehr Geld verdienen kann, indem er den Patienten Produkte unterjubelt, für die er Provision bekommt.

„Meine Verordnungen werde ich treffen zu Nutz und Frommen der Kranken, nach bestem Vermögen und Urteil“, heißt es im Eid des Hippokrates, „ich werde sie bewahren vor Schaden und willkürlichem Unrecht.“ Den 2000 Jahre alten Text kennt jeder Mediziner, auch wenn der Schwur keinerlei rechtliche Wirkung hat. Aber die Prämisse, dass die Gesundheit des Patienten oberstes Gebot des ärztlichen Handelns sein soll, ist gültig.

Ärzte, die sich von Medikamentenherstellern bezahlen lassen, um ihren Patienten die Produkte dieser Firma zu verschreiben, verraten diesen Grundsatz. Sie nutzen das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient aus.

Wer sich wie in besonders negativen Beispielen viel Geld von Arzneimittelkonzernen überweisen lässt, um seinen Patienten Mittel zu verabreichen, deren Nutzen entweder fraglich oder deren Unwirksamkeit längst bewiesen ist, hat ein seltsames Berufsverständnis.

Die neuen Zahlen kommen aus seriöser Quelle, der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Hier müssen die umstrittenen „Anwendungsbeobachtungen“ gemeldet werden, die Industrie und Ärzten häufig als Deckmantel für seltsame Geschäfte dienen. Forschung zum Wohle des Patienten sieht anders aus.

Die Auswertung der Daten zeigt ein alarmierendes Ergebnis: Hier geht es nicht um Quacksalber in Hinterhofpraxen, nicht um vereinzelte schwarze Schafe. Sondern um rund 17.000 Ärzte, zehn Prozent aller Mediziner in Deutschland, die allein im Jahr 2014 Geld von der Industrie genommen haben. 100 Millionen Euro verdienen die Mediziner damit zusätzlich pro Jahr. Illegal ist dies nicht, aber dennoch falsch.

Rund 1,7 Millionen Patienten in Deutschland werden für diese fragwürdigen „Studien“ benutzt. Natürlich wird jeder beteiligte Mediziner und jede Pharmafirma behaupten, dies sei nur zum Wohle der Forschung. Dass dies nicht ganz stimmen kann, zeigt eine einfache Frage: Warum wurde den Patienten nicht gesagt, dass ihr Arzt dabei nebenher kräftig verdient?

Der Patient als Laie, zumal wenn er krank ist, erwartet aufrichtigen und selbstlosen Rat vom Experten, seinem Arzt. Zugleich können Patienten schwer beurteilen, ob die Diagnose fachgerecht, das verabreichte Mittel das Beste ist. Deshalb sollten Ärzte verpflichtet sein, sachfremde Motive auszuschließen. Die Vermarktungsinteressen von Pharmakonzernen haben mit dem Patientenwohl sicher wenig zu tun.

Um Interessenverquickung auszuschließen, muss viel mehr Transparenz geschaffen werden. In den USA ist das seit zwei Jahren Normalität. Der „Sunshine Act“ als Teil von Barack Obamas Gesundheits­reform zwingt jeden Pharma­konzern dazu, jährlich aufzulisten, an welchen Arzt er wie viel Geld für Studien zahlt. Auf der Website des US-Recherche­büros ProPublica kann jeder Bürger den Namen seines Arztes eintippen und nachschauen, auf wessen Gehaltsliste er steht.

Auch in Deutschland wollen die Mitglieder des Verbands der forschenden Arzneimittelhersteller ab 2016 ihre Zuwendungen offenlegen – allerdings in sehr abgeschwächter Form. Namen von Ärzten sollen nur mit deren Zustimmung veröffentlicht werden, einzelne Zahlungen an Forscher nicht sichtbar werden, sondern nur als Gesamtposten.

Das zeigt: Der Widerstand der Branche gegen echte Transparenz sitzt tief. Er muss zum Wohl der Allgemeinheit gebrochen werden. Denn abhängige Ärzte sind schlechte Ärzte. Sie sind nicht gut für unser Gesundheitswesen. Ihre Mauscheleien im Schatten hören erst auf, wenn der Suchscheinwerfer leuchtet.

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