Washington –

„Vergiften oder erschießen“

Ted Cruz überrascht bei den US-Vorwahlen. Was wird, wenn er Donald Trump überflügelt?

Washington. „Alles – nur nicht Donald Trump.“ Die Parole, die moderate Republikaner im Stundentakt ausgeben, seit der Bau-Milliardär aus New York im Vorwahlrennen um das Weiße Haus von Sieg zu Sieg eilt, steht seit Sonnabend unter Vorbehalt. Mit zwei Siegen in den US-Bundesstaaten Kansas und Maine hat sich der noch radikalere Senator Ted Cruz bei den Konservativen klar als der derzeit einzige veritable Konkurrent etabliert, der Trump noch den Weg zur Nominierung verstellen könnte.

Wahlveranstaltungen geraten zu politischen Gottesdiensten

Trump hat rund 380 der erforderlichen 1237 Delegierten bisher hinter sich gebracht, Cruz etwa 290. Marco Rubio (123 Delegierte), bislang der Hoffnungsträger der Trump-Gegner, schnitt hingegen katastrophal ab. Seine Wahlkampagne steht vor dem Aus.

Cruz ist der Liebling des klerikal-reaktionären Flügels der Republikaner. Er wurde aus dem Sammelbecken der als innerparteilicher Widerstand gestarteten Tea Party nach Washington gespült. Seine Wahlveranstaltungen beginnen mit Bibelversen und geraten regelmäßig zu politischen Gottesdiensten. Kein anderer Bewerber ist so militant gegen Abtreibung, Homo-Ehe, strengere Waffengesetze und gegen die Krankenversicherung des amtierenden Präsidenten („Obamacare“) wie der 45-Jährige, dessen Vater einst aus Kuba geflohen war.

Das Partei-Establishment verabscheut (und fürchtet) Cruz mindestens so stark wie Trump. Beide sind Extremisten. Beide stehen in Feindschaft zur etablierten Politik der „Grand Old Party“ (GOP). Beide treiben unabhängigen Wählern regelmäßig Angstschweiß auf die Stirn. Von Cruz’ Senatskollegin Lindsey Graham stammt der Spruch, den sich viele gemäßigte Republikaner zu eigen machen: „Cruz oder Trump wählen zu müssen, das ist die Wahl zwischen Vergiften oder Erschießen.“

Aus sechs Siegen in 19 Vorwahlen (Trump hat zwölf) leitet der an den Eliteuniversitäten Harvard und Princeton zum Topjuristen ausgebildete Cruz die Forderung ab, die übrigen Rivalen Marco Rubio und Ohio-Gouverneur John Kasich müssten umgehend ihre Kampagnen stoppen.

Cruz hatte in Kansas 25 Prozentpunkte Vorsprung vor Trump, in Maine waren es 13. Der Senator will darin das „Zeugnis für einen echten Umschwung in der Dynamik“ erkannt haben. Tenor: Donald Trump habe neulich durch seine unflätigen Debatten­-Auftritte viele aufrechte Konservative alarmiert, sein Momentum sei gebrochen. Eine sehr „eingeschränkte Sichtweise“, konstatiert nicht nur die „Washington Post“ und listet Cruz unter den Verlierern des Wochenendes auf. Ein Grund: Donald Trump hat in den großen Staaten Louisiana und Kentucky deutlich mehr Delegierte eingesammelt als Cruz. Um den populistischen Immobilien-Tycoon wirklich unter Druck zu setzen, müsste Cruz am morgigen Dienstag in Michigan und vor allem am 15. März in Ohio, Florida und Missouri punkten. Dort werden auf einen Schlag nach dem Prinzip „Der Gewinner kriegt alles“ über 200 Delegiertenstimmen verteilt. Wer sich hier vom Feld absetzt, könnte uneinholbar sein. Die Chancen für Cruz stehen mäßig. In Ohio genießt Kasich Heimrecht und hohe Beliebtheit. In Florida hat Trump in Umfragen die Nase vorn.

Sollten die Wahlgänge in Ohio und Florida Klärung bringen und ein Duell Cruz/Trump bestätigen, befürchten etablierte republikanische Parteizirkel, vom Regen in die Traufe zu kommen. Es droht eine Fortsetzung der Kandidatenschlacht, in der bisher persönliche Beleidigungen und nicht der Wettstreit um das bessere politische Konzept dominieren. Trump kanzelt Cruz seit Wochen als „Lügen-Ted“ ab. Cruz wiederholt ständig, dass Hillary Clinton in der wahren Auseinandersetzung um das Präsidentenamt Hackfleisch aus dem „unbedarften“ Trump machen würde. Die Demokratin hat am Wochenende weiter unaufgeregt ihre Kreise gezogen. Elf von 18 Vorwahlen gehen nun schon auf ihr Konto. Bernie Sanders, ihr einziger Rivale, läuft mit sieben Erfolgen hinterher.

Ein Kampf Trump gegen Cruz ist für das über Jahrzehnte an Kompromisse und Händel mit den Demokraten gewohnte Partei-Establishment der Republikaner ein Albtraum. „Cruz wird sich als beinharter Anführer im Kampf gegen das sogenannte Washingtoner Machtkartell darstellen“, sagte ein republikanischer Funktionär aus Idaho gestern dieser Zeitung, „und diese reine Lehre wird noch mehr unentschiedene Wähler abschrecken, die wir benötigen, um Hillary Clinton zu schlagen.“

Für Trump wiederum bietet die Aussicht auf den Dogmatiker Cruz die Möglichkeit, seine Wählbarkeit mittels gedämpfterer Rhetorik auszuweiten. Anders als Cruz, der nur Schwarz-Weiß kennt, hält sich Trump zugute, flexibel zu sein im Interessenausgleich. Parteistrategen prophezeien darum schon heute dieses Szenario: „Nicht nur in demografisch und ökonomisch bunt gemischten Bundesstaaten wie New York oder Kalifornien – beides mächtige Delegiertenblöcke – werden viele republikanische Wähler Donald Trump am Ende als das kleinere Übel ansehen.“