Kairo/Berlin –

Dem Jemen droht das Schicksal Syriens

Der Bürgerkrieg in dem arabischen Land wird immer brutaler – 16 Tote bei Terrorangriff auf christliches Seniorenheim

Kairo/Berlin. Die vier Dschihadisten in der jemenitischen Hafenstadt Aden kamen gleich nach der Frühmesse. Erst sperrten sie den Priester in die Kapelle, dann trieben sie die Ordensschwestern und Angestellten des christlichen Altersheims auf dem Hof zusammen, fesselten sie und ermordeten alle nacheinander mit Kopfschüssen. Vier ausländische Nonnen aus Ruanda, Kenia und Indien sind unter den Opfern, mehrere einheimische Pfleger, der Gärtner und der Pförtner, teilten die Sicherheitsbehörden mit. Insgesamt seien 16 Menschen an diesem Wochenende getötet worden.

Die Ordensoberin überlebte, weil sie sich verstecken konnte. Die 60 betagten Insassen, die während des Blutbads panisch um Hilfe schrien, wurden von den Tätern verschont. Zum Schluss legten sie den Gebetsraum in Schutt und Asche und rasten mit dem gefesselten indischen Geistlichen als Geisel davon.

Papst Franziskus sprach in Rom von einer „diabolischen Tat“ gegen das Kloster, welches den Missionarinnen der Nächstenliebe von Mutter Teresa gehört. Auch die jemenitische Bevölkerung, die seit einem Jahr im Krieg lebt, reagierte entsetzt und geschockt, als die Fotos der Erschossenen in den sozialen Medien zu zirkulieren begannen. Sogar die Terrororganisation al-Qaida distanzierte sich. „Dies ist nicht unsere Art zu kämpfen“, hieß es in einer Erklärung an die Bewohner von Aden.

Die örtliche UN-Vertretung verdächtigt Mitglieder der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) als Täter, auch wenn sich bisher niemand zu dem Massaker bekannte. Anders als im Nordjemen gab es in dem einst weltoffenen Aden stets eine christliche Präsenz. Zu Zeiten der britischen Kolonialherrschaft vor 1967 existierten 22 Kirchen, von denen noch fünf übrig sind. Nach Beginn des Krieges zerstörten IS-Dschihadisten eines der Gotteshäuser und steckten ein zweites in Brand. Der christliche Friedhof wurde verwüstet.

Zugleich kamen bei einem US-Drohnenangriff im Osten des Landes vier mutmaßliche Al-Qaida-Anhänger ums Leben. Ein Augenzeuge berichtete, die Drohne habe in dem Ort Asan in der Provinz Schabwa ein Auto getroffen. Weitere Menschen seien verletzt worden. Die Gegend wird von al-Qaida beherrscht.

Riad und Teheran kämpfen um die regionale Vorherrschaft

Die Bluttat in dem christlichen Altersheim in Aden wirft ein erneutes Schlaglicht auf die humanitäre und politische Katastrophe, die der von Saudi-Arabien im März 2015 vom Zaun gebrochene Krieg im Nachbarland Jemen anrichtet. Die Saudis führen eine Koalition von Ländern an, die der sunnitischen Glaubensrichtung angehören. Das Bündnis hat sich zum Ziel gesetzt, die schiitischen Huthi-Rebellen zu bekämpfen. Diese hatten zuvor Sanaa und große Teile des Landes erobert.

Nach Ansicht von Saudi-Arabien, das sich als Schutzmacht der Sunniten begreift, werden die Huthis vom schiitischen Mullah-Regime Iran unterstützt. Damit hat der Jemen ein ähnliches Konfliktmuster wie das vom Bürgerkrieg in weiten Teilen zerstörte Syrien. Dort steht der Iran zusammen mit Russland an der Seite von Präsident Baschar al-Assad. Die Saudis wiederum rüsten – wie die Türken – die Assad-Gegner auf. Riad sieht sich in einem Machtkampf mit Teheran um die Vorherrschaft in der Region.

Die Vereinten Nationen riefen inzwischen die höchste Notstandsstufe für den Jemen aus. Seit Beginn des Kämpfe vor einem Jahr verloren mehr als 6000 Menschen ihr Leben, rund 28.000 wurden verletzt – und die Saudis bombardieren heftiger als je zuvor.

Nach Angaben der Vereinten Nationen verdoppelte sich im Februar dieses Jahres die Zahl der zivilen Opfer im Vergleich zum Vormonat auf 168. Allein bei dem Beschuss eines belebten Marktes in Sanaa starben 39 Menschen, darunter neun Kinder. Durch Artilleriefeuer der Huthi-Rebellen verloren in der umkämpften Stadt Taizz 49 Menschen ihr Leben.

2,5 Millionen Jemeniten sind innerhalb ihrer Heimat auf der Flucht. Nach lokalen Medienberichten wurden bisher 39 Universitätsgebäude und 810 Schulen beschädigt, rund 3800 Schulen mussten geschlossen werden. Mehr als 70 Krankenhäuser wurden attackiert, überall im Land fehlt es an den nötigsten Medikamenten. 21 der 24 Millionen Einwohner brauchen nach UN-Angaben humanitäre Hilfe und haben nicht mehr genug zu essen. Ihre Zahl ist fast doppelt so hoch wie in Syrien, wo sich zwölf Millionen Menschen nicht mehr selbst helfen können.

Militärisch kann Saudi-Arabiens hoch gerüstete Armee gegen die Huthi-Kämpfer, die nach wie vor die Hauptstadt Sanaa unter ihrer Kontrolle haben, keine durchschlagenen Erfolge verbuchen. Die Zahl der gefallenen saudischen Soldaten geht in die Hunderte. Das ganze Ausmaß der eigenen Verluste wird der Bevölkerung verschwiegen.

Bundesregierung ruft zu einer Waffenruhe auf

Die systematische Zerstörung ziviler Ziele und die humanitäre Katastrophe an der Südspitze der Arabischen Halbinsel beschäftigen jetzt auch den UN-Sicherheitsrat. Eine Resolution vertagte das Gremium aus 15 Staaten am vergangenen Freitag auf Druck von Riad. Anders das Europäische Parlament. Es forderte kürzlich erstmals ein internationales Waffenembargo gegen Saudi-Arabien.

Vor dem Hintergrund des neuesten Anschlags hat die Bundesregierung zu einer Waffenruhe im Jemen aufgerufen. „Wir sind der festen Überzeugung, dass der Konflikt nur politisch gelöst werden kann“, sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes in Berlin. Deutschland sei sehr besorgt über die hohe Zahl von zivilen Opfern und die desaströse humanitäre Lage in dem arabischen Land. Ein Waffenstillstand und ein uneingeschränkter Zugang für humanitäre Hilfe hätten deshalb oberste Priorität, hieß es im Auswärtígen Amt.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) reiste am Sonntag zu einem dreitägigen Besuch in die Region. Bei seinen Gesprächen in den Vereinigten Arabischen Emirate und dem Nachbarland Oman soll auch die Lage im Jemen eine Rolle spielen.

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