Politik

Amerikas Wutbürger

Donald Trump liegt in den Umfragen vorn, weil er sich den Frust vieler zu eigen macht

Das amerikanische Englisch hat der deutschen Sprache viel zu verdanken. Über die Jahrhunderte hat sie uns viele Wörter beschert, von „Gesundheit“ über „Wiener“ oder „Frankfurter“ bis hin zur „Angst.“ Nach den Ereignissen vom vergangenen Dienstag ist es an der Zeit, dass meine Landsleute ein neues, deutsches Wort bekommen. Eines, das genau auf den Punkt bringt, was im Moment so viele Menschen zu bewegen scheint. Ich glaube, dass die Rapper und TV-Moderatoren, ebenso wie viele andere in Amerika, noch immer den Kopf schütteln und sich die Frage stellen, an welcher Stelle das Land eigentlich falsch abgebogen ist. Sie brauchen jetzt das deutsche Wort „Wutbürger“.

Diese drei Silben, die ihren Ursprung in einem Essay des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ aus dem Jahr 2010 haben, sprechen genau das an, was so viele Amerikaner jetzt dazu bewegt, ihre Stimmen einem Kandidaten zu schenken, der selbst in seiner eigenen Partei für Furore sorgt. Wutbürger sind die Angehörigen eines bürgerlichen Milieus, die aber doch mit der bürgerlichen Tradition gebrochen haben, genauso wie mit der gängigen Politik und den Politikern, denen sie auf einmal nicht mehr vertrauen.

Vor sechs Jahren war es Berlins ehemaliger Finanzsenator Thilo Sarrazin, der die Wutbürger in Deutschland aufgeweckt und auf die Straße gebracht hatte. In den USA ist es heute Donald Trump, der aufgetaucht ist wie ein mythischer Rattenfänger, um die Massen dazu zu bringen, Washington D.C. die Gefolgschaft zu kündigen und stattdessen seine Vision von einem Heimatland zu unterstützen.

Woher diese Wut der US-Bürger stammt, ist bereits viel und breit diskutiert worden. Häufiger wird es dabei als Scherz abgetan und leider nicht wahrgenommen als das, was es ist: Der Ausdruck der Enttäuschung einer Gesellschaftsschicht, die sich nicht wiederfindet in den zumeist schönen Bildern, die aus den USA in die Welt hinaus gesendet werden.

Während in Deutschland die Zahl der Flüchtlinge, die permanent in das Land strömen, zunehmend für Angst und Unsicherheit sorgen, fußt der Unmut in den USA auf der fehlenden Industrie, auf Jobs, die nach Asien ausgelagert wurden, und auf Städten, dessen Wasser mit Blei verseucht ist, weil konservative Politiker versucht haben, durch das Verringern von Basisdienstleistungen Geld zu sparen.

Zugegeben, die Zahl der Menschen, die durch die enormen digitalen Fortschritte aus Silicon Valley immer reicher werden, steigt kontinuierlich. Aber es gibt in meinem Land weitaus mehr Menschen, die mit Anfang 40 immer noch versuchen, Schulden für ihre Ausbildung zu begleichen, oder die einen Nebenjob benötigen, um ihre Spritkosten für die Fahrt zur Arbeit bezahlen zu können. In ihnen brodelt eine Wut, die sich über viele Jahre hinweg aufgestaut hat. Und genau dann kommt jemand, der weiß, wie man diese Wut einfach anzapfen kann. Er bedient sich dabei einer Sprache, die auf dem Niveau eines Zweitklässlers ist, und prangert damit zugleich die Elite an. Gleichzeitig verspricht er, alles besser zu machen, und bietet bei alldem auch noch eine ganz wilde Show.

Genau so hat Donald Trump so große Zustimmung gefunden. Viele Amerikanern unterstützen ihn aber nicht, weil er neue oder besondere Ideen hat, wie man die drängenden Probleme des Landes lösen kann, aber er versteht es, den Frust dieser Menschen zur Sprache zu bringen. Dies sind Amerikas Protestwähler, und sie sind unzufrieden mit den vielen Kriegseinsätzen der USA, den Privilegien für die großen Unternehmen und die verlorenen Arbeitsplätze.

Die Wutbürger Amerikas gehen aber nicht jeden Montag abends in einer einst schönen Stadt auf die Straße. Sie gehen zur den Versammlungen mit Donald Trump, und sie gehen zur Urne, um ihn zu wählen. Einen, von dem sie glauben, er könne die Welt, nach der sie sich sehnen, wiederherstellen. Ich hoffe nur, dass Trumps Partei bis zur Wahl im November zu sich zurückfindet. Und die Wut der meisten Menschen bis dahin verflogen ist.