Athen/Berlin –

Endstation Autobahn

| Lesedauer: 5 Minuten
Alexia Angelopoulou, Christian Unger

Tausende Flüchtlinge sitzen in Griechenland fest, eine humanitäre Krise droht. Bayern bereitet Schließung der Grenzen vor

Athen/Berlin. Nachts schlafen sie zu Hunderten in den Wartehallen der Häfen, in Parks, in Bussen, auf Fähren, in überfüllten Auffanglagern oder unter freiem Himmel. Tagsüber probieren sie, auf welche Weise auch immer, in den Norden zu gelangen – zu Fuß entlang der Autobahn, per Bus oder auch im Taxi. Schutzsuchende und Migranten aus Syrien, Irak und Afghanistan, manche auch aus Nordafrika und Pakistan. Doch ihre Flucht vor Krieg oder Elend stockt.

Mehr als 25.000 Männer, Frauen und Kinder sitzen mittlerweile in Griechenland fest. Derzeit gelangen täglich rund 3000 Geflohene von der türkischen Küste zu den griechischen Inseln. Laut UNHCR könnten bis zum Sommer 2016 mehr als 200.000 Menschen in Griechenland gestrandet sein – es wäre eine humanitäre Katastrophe. Schon jetzt harren die Menschen zu Tausenden in Griechenland aus, da der nördliche Nachbar Mazedonien mehrere Tage die Grenze geschlossen hielt und nun pro Tag erst einmal 300 Menschen passieren lässt – in Richtung Balkan und EU.

Die Geflohenen, die deshalb in Griechenland festsitzen, verteilen sich mittlerweile auf das ganze Land. Angefangen von den Inseln, wo derzeit rund 6000 Menschen auf Fähren für die Fahrt zum griechischen Festland ausharren, über Festlandhäfen wie Piräus, wo sich rund 3000 Menschen aufhalten, bis hin zum nördlichen Grenzort Idomeni mit derzeit 7000 Menschen. „Öffnet die Grenze!“ und „Helft uns!“, skandieren sie. Die Versorgung werde schwierig, berichten Medien. Es würde an medizinischer Versorgung, Essen und Wasser fehlen. Viele schlafen draußen, weil die Auffanglager voll sind. Täglich werden es mehr.

Der geplante Einsatz der Nato in der Ägäis könnte die Zahl der Flüchtlinge um 70 Prozent senken, sagt nun der griechische Vizeminister für Migration, Ioannis Mouzalas. Gelinge das nicht, und die Länder entlang der Balkanroute halten ihre Grenzen geschlossen, werde Griechenland bereits im März bis zu 70.000 Flüchtlinge beherbergen. Unter deutscher Führung sollen die gut ausgerüsteten Schiffe der Nato Schlepperboote orten und die türkische Küstenwache informieren. Diese soll dann eingreifen. So wollen Nato, EU und Türkei einerseits die Zahl der neu ankommenden Boote aus der Türkei verringern, andererseits Schlepper und Flüchtlinge abschrecken. Umstritten ist bei dem Nato-Einsatz, wie Schutzsuchende aus Kriegsgebieten künftig ihr Recht auf Asyl geltend machen können, wenn sie gleich abgefangen und zurückgeschickt werden. Bisher bringt die griechische Küstenwache die Menschen an Land, dort werden sie registriert und machen sich auf in Richtung Balkanroute.

Doch dort blockieren die Staaten jetzt die Grenzen. Österreich, Slowenien, Kroatien, Serbien und Mazedonien hatten sich geeinigt, täglich zwischen 300 und 500 Menschen passieren zu lassen – egal, ob es Kriegsflüchtlinge sind oder nicht. Laut „Spiegel“ sind auf der Balkanroute derzeit vor allem Frauen und unbegleitete Jugendliche unterwegs. Sie machten bis zu 80 Prozent aller Flüchtlinge aus. Das gehe aus einem Protokoll einer Telefonkonferenz des Bundesinnenministeriums hervor.

Obwohl Österreich die Aufnahme von Schutzsuchenden deutlich reduziert, bereiten sich die bayerischen Polizisten auf Grenzschließungen zum Nachbarn vor. Das teilte das bayerische Innenministerium mit. Man wolle „auf eventuelle Entscheidungen des Bundes vorbereitet sein“, sagte CSU-Landesinnenminister Joachim Hermann. Denn Grenzkontrollen sind Sache der Bundespolizei. Experten rechnen damit, dass bei Wiederaufnahme der Kontrollen etwa 2000 Polizeibeamte zusätzlich an der Grenze postiert werden müssten.

Die Bundesregierung fürchtet, dass die Schließung der Grenze auch die Warenströme in Europa und das offene Schengen-System aushebeln – und damit Schäden für die Volkswirtschaft verursachen könnte. Das Wirtschaftsministerium in Berlin sieht durch „dauerhafte, intensive Kontrollen gravierende Folgen für die exportintensive deutsche Wirtschaft“, sagte eine Sprecherin. Das Ministerium widersprach damit einem Bericht der „Welt am Sonntag“, wonach das Ressort die Kosten für die deutsche Industrie in einem internen Bericht für beherrschbar halte. Der Bericht beziehe sich auf die Folgen vorübergehender, punktueller Grenzkontrollen, wie sie derzeit in Kraft seien, so die Sprecherin.

Skeptisch zeigte sich auch die italienische Regierung, dass eine Abriegelung der Grenzen in der EU die Flüchtlingskrise lösen könnte. „Es gibt Anzeichen, dass die Flüchtlinge neue Wege suchen, um nach Mitteleuropa zu gelangen“, sagte der italienische Finanzminister Pier Carlo Padoan dieser Zeitung. „Wenn eine Route blockiert ist, suchen die Flüchtlinge sich eine neue. Dafür muss man sich nur die Geografie Europas ansehen.“ Auch Italien ist stark im Fokus der Krise. Fast 9000 Menschen flohen bereits in diesem Jahr über die gefährliche Mittelmeerroute nach Italien.

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