Lesbos –

Die Albtraum-Insel

Erst Schuldenkrise,nun Fluchtkrise auf Lesbos. Wie geht es den Menschen im einstigen Urlaubsparadies?

Lesbos.  Das Mahnmal liegt in einer Mulde zwischen den Bergen von Lesbos. Eine steinige Piste führt steil den Hang hoch, eine Holzhütte verwittert am Wegesrand, Schafe grasen am Hügel. Im Sommer reiten Touristen auf Eseln den Weg entlang. Und jetzt, hinter einer Kurve, leuchtet grell ein Berg in Orange – ein Haufen aus alten Schwimmwesten, so groß wie ein Fußballfeld, meterhoch. Bagger laden die Westen auf Lastwagen, andere karren neue von den Stränden der Insel heran. Der Haufen ist eine riesige Müllhalde. Er mahnt an, wie gefährlich die Flucht für Hunderttausende Menschen nach Europa ist. Und er lässt ahnen, was die Einwohner von Lesbos gerade erleben.

Das Neonorange der Westen brennt sich ins Auge ein. Und in die Gedanken.

Vor 2600 Jahren lebte die Dichterin Sappho hier, schrieb von der Schönheit des Mondes und dem süßen Geruch der Blumen. Heute werben manche Hotels und Restaurants auf der Insel noch mit ihrem Namen. Reisebroschüren zeigen Bilder von weiten Stränden, dem blauen Meer und beseelten Fischerdörfern. „Inseltraum im Ägäischen Meer“ heißt der passende Spruch. Antike und Wellness liegen auf Lesbos nah beieinander.

Und jetzt auch Leben und Tod.

Kiriakos Papadopoulos springt vom Asphalt der Kaimauer an Bord. Er duckt sich und geht durch die Eisentür an das Steuer des Schiffs. Er erklärt die Knöpfe am Radargerät, er zeigt auf die Packung mit Gummihandschuhen in der Ecke. „Wegen der Krankheiten“, sagt Papadopoulos. Er ist seit vielen Jahren Kapitän der Küstenwache auf Lesbos. Schon 2012 kamen Menschen in Schlauchbooten nach Lesbos, aber es waren wenige. Jetzt rettet Papadopoulos fast täglich Flüchtlinge. In den vergangenen Monaten kamen Tausende Menschen in Schlauchbooten nach Lesbos, manchmal auch Tausende an einem einzigen Tag. „Es gibt Nächte, da wache ich auf und schrecke auf von den Albträumen“, sagt Papadopoulos. Die Schreie der Kinder, die Bilder von zitternden Männern und Ertrunkenen spuken in seinem Kopf. Viele Menschen hier erzählen solche Geschichten. Lesbos ist jetzt die Insel der Albträume.

Im Sommer ist der Tourismus auf Lesbos eingebrochen

Viele Türken verbrachten hier ihren Urlaub, weil die Insel nur 15 Kilometer entfernt liegt von der Küste der Türkei. Lange profitierte Lesbos von dieser Nähe. Im vergangenen Jahr brachte die Nähe die Krise nach Lesbos. Von den türkischen Küsten legen die Schlauchboote ab.

Auch Holländer, einige Deutsche und viele Griechen reisten in der Vergangenheit zum Entspannen nach Lesbos. Was für die Scheichs das Öl ist, ist für die griechischen Inseln der Urlauber. „Doch im vergangenen Sommer ist der Tourismus um 80 Prozent eingebrochen“, sagt Fatos. Manche fliegen auf andere Inseln, andere lieber gleich nach Thailand. Und seitdem die Kreuzfahrtschiffe aufgrund von Terroranschlägen nicht mehr in Istanbul anlanden, würden sie auch nicht mehr an den Häfen von Lesbos Halt machen. Fatos ist selbst aus der Türkei nach Lesbos gezogen, seit einigen Jahren arbeitet die Frau in einem Reisebüro am Hafen.

Sie sitzt vor ihrem Bürotisch, an den Fensterscheiben klebt Werbung für Bootsausflüge und Inseltouren, im Regal liegen Prospekte von Hotels und Beach Clubs. Die Flüchtlingskrise ist für Lesbos auch ein Kampf um das Image der Insel. Weiße Strände statt Ertrunkene. Entspannung statt Chaos. „Im Herbst sah das hier aus wie die alten Schwarz-Weiß-Bilder vom Krieg“, sagt Fatos. Überall am Hafenbecken zelteten Menschen aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan. Direkt vor ihrem Büro. Die Polizei setzte Schlagstöcke ein, als es vor den Fähren in Richtung Festland zu Ausschreitungen kam. Fatos sagt, dass es Jahre dauern werde, bis sich der Tourismus auf der Insel erholt habe. Selbst wenn keine Flüchtlinge mehr am Strand landen.

Und dennoch läuft das Geschäft bestens, zumindest für manche. Um die Mauer des Registrierungszentrums haben sich Imbissbuden aufgebaut. Sie verkaufen Softdrinks oder Kebab, manche wechseln Dollar oder türkische Lira in Euro und organisieren Tickets für die Fähre nach Athen. Am Hafen verkaufen junge Griechen den Angekommenen Sim-Karten für ihre Handys, EU-Tarif.

All inclusive auf der Flucht.

Taxifahrer parken vor der Mauer am Camp. Zehn in einer Reihe, laufend machen sie Touren vom Camp zum Hafen, wo die Fähren ablegen. Bekommen Geflohene ihre Papiere von den griechischen Beamten, können sie auf eigene Faust weiterreisen. Wer nicht auf den Bus warten will und noch Geld übrig hat, nimmt ein Taxi. „Und dann nehmen manche die Flüchtlinge richtig aus“, sagt David. Würden statt zehn Euro pro Fahrt, zehn Euro pro Person nehmen. David ist vor ein paar Tagen aus England nach Lesbos gereist. Er hilft in der Krise, verteilt Tee und warme Kleidung, redet mit den Menschen am Lagerfeuer vor Zelten. So wie Hunderte andere Freiwillige aus aller Welt auch, die nach Lesbos gekommen sind, seit die Bilder der Krise in Dauerschleife durchs Fernsehprogramm laufen.

Die internationalen Brigaden der Freiwilligen retten nicht nur Menschenleben. Sie retten jetzt auch manche Hotels und Restaurants auf Lesbos vor den Umsatzeinbrüchen.

Im Flieger auf die Insel unterhalten sich junge Menschen über ihren bevorstehenden Einsatz, am Flughafen sind die Mietwagen knapp und manche Hotels in der größten Stadt Mytilene voll. In den Fischerhäfen liegen neben den Kuttern nun Rettungsboote mit schweren Außenbordern. Auch Kamerateams kommen nach Lesbos, Journalisten und Delegationen von Politikern. Knapp 200 Polizisten der Grenzschutzagentur Frontex helfen, die neuen Flüchtlinge zu registrieren. Auch die Frontex-Mitarbeiter aus Deutschland, Spanien oder Norwegen schlafen in Hotels, fast alle buchen gleich für mehrere Monate. Abends hört man in den Bars und Restaurants viele Sprachen. Am Hafen von Mytilene ist viel Leben. Obwohl der Februar Nebensaison ist.

Regierung hübscht mit Kampagnen das Image auf

Auch die Flüchtlingskrise kennt die Nebensaison. Mittlerweile kommen weniger Boote mit Geflohenen an. Also sinken auch die Einnahmen der Taxifahrer und Imbissbuden. Doch eine andere Krise macht keine Pause: die Schuldenkrise Griechenlands. In einer Tankstelle an einer der Landstraßen, die über die Insel führen, sitzen ein paar ältere Männer vor einem Fernseher in der Ecke. Auf dem Bildschirm protestieren Tausende Bauern, wollen das Agrarministerium stürmen, Tomaten fliegen, Männer knüppeln mit Holzlatten los. Chaos in Athen. Auf Lesbos kommt an diesem Tag kein einziges Boot an. Die Wellen sind zu hoch. Auf der Insel kehrt Ruhe ein. Und Helfer beginnen, die Rettungswesten und Gummiboote am Strand einzusammeln. Aufräumen für die Touristensaison.

Im Sommer hat die Regierung in Athen die Mehrwertsteuer für viele Produkte und Dienstleistungen von 13 auf 23 Prozent angehoben. Die Preise steigen. Doch nur jeder dritte Grieche war im Herbst erwerbstätig. Die Renten sinken. Nach einem Jahr endet das Arbeitslosengeld, und eine Sozialhilfe oder Grundsicherung wie Hartz IV gibt es nicht. Das ist der politische Rahmen, in dem Griechenland nun die Außengrenzen für ganz Europa sichern soll.

Im Frühsommer gingen Hotelbuchungen in Griechenland laut Medienberichten um 20 Prozent zurück. Als dem Staat die Pleite und der Austritt aus dem Euro drohte, hatten viele Touristen Angst, kein Geld in den Banken zu bekommen. Doch diese Sorgen siegten nicht – und so kamen im Sommer 2015 viele Touristen nach Griechenland. Auf manche Inseln sogar zehn Prozent mehr als im Vorjahr, Buchungen und Flüge gingen nach oben. Die Wirtschaftskrise berührte Urlauber aus dem Ausland kaum. Die Flüchtlinge an den Stränden schon, vor allem auf Lesbos.

Im Spätsommer trafen sich Minister zu einem Krisengipfel. Sie beschlossen, den Tourismus auf Lesbos mit einer Kampagne anzukurbeln. Den schlechten Nachrichten aus Griechenland wollen sie positive Bilder entgegenstellen.

„Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll“, sagt eine ältere Frau. „Die Insel ist tot.“ Sie betreibt ein kleines Hotel auf Lesbos. Es liegt abseits der Hotspots und Camps an einer Landstraße. Hier mieten sich keine Helfer ein, keine EU-Beamten – aber die Touristen kommen trotzdem nicht. Die Blumen überwintern auf dem Bartresen, die Betten sind nicht bezogen, das Wasser für die Toiletten abgestellt. „Erst kam die Schuldenkrise, die Steuererhöhungen und jetzt die Flüchtlinge“, sagt die Besitzerin. Sie seufzt. Dann schimpft sie über die Deutschen, die eigene Regierung, den Sparkurs. Die Frau geht zum Fenster, zieht die Gardine beiseite und schaut nach draußen. Im Dunkel der Nacht schimmert irgendwo das Meer. „Das ist, was mir jeden Morgen bleibt.“

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