Politik

Berlin ist noch immer arm

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Joachim Fahrun

Armut ist ja immer relativ, zumindest in Deutschland. Es geht darum, wie viel Einkommen ein Mensch benötigt, um am Leben der jeweiligen Gesellschaft in Würde teilhaben zu können. In reichen Regionen liegt diese Schwelle definitionsgemäß höher als in ärmeren Gegenden, weil überall 60 Prozent des mittleren Einkommens als Armutsschwelle gelten. In Berlin liegt dieser Wert bei 841 Euro. Bezogen auf ganz Deutschland sind schon 917 Euro pro Monat für einen Ein-Personen-Haushalt nötig, um nicht zu den Armen zu zählen. Bezogen auf Berliner Verhältnisse ist in der Hauptstadt nur jeder Siebte armutsgefährdet. Gemessen am Bundesniveau wäre es jeder fünfte Berliner. Das zeigt: Die Hauptstadt hat wirtschaftlich noch einen weiten Weg vor sich, um zu den prosperierenden Regionen des Landes aufzuschließen.

Was geschehen muss, um Armut zu bekämpfen, liegt auf der Hand: Unternehmen ansiedeln, Bildung verbessern, Familien stärker entlasten. Wer seine Kinder gut betreut weiß, kann sich auch eher einen ordentlichen Arbeitsplatz suchen. Insofern ist in Berlin schon einiges geschehen in den vergangenen Jahren. Und es besteht die Hoffnung, dass etwa der Mindestlohn oder kostenfreie Kitas und Horte das Armutsrisiko auf der unteren Sprosse der Gesellschaft weiter sinken lassen.

Nur eine wachsende Wirtschaft wird die Jobs bereitstellen, mit denen sich Alteingesessene und Zuwanderer selbst ein Leben in Würde erarbeiten können. Es führt also kein Weg an einer wirtschaftsfreundlichen Politik vorbei. Dabei wird man hinnehmen müssen, dass die Schere weiter auseinandergeht, weil in Berlin auch deutlich mehr qualifizierte und damit gut bezahlte Arbeitsplätze entstehen. Aber es hilft auch keinem Armen, wenn es diese meist von Zugezogenen besetzten Posten nicht gäbe.

Dennoch steht die Politik in der Pflicht: Es wird Stellen geben müssen für diejenigen, die im freien Wettbewerb nicht mitkommen. Und von solchen Menschen gibt es gerade in Berlin ziemlich viele. Ohne solche Jobs, die dem Marktgedanken entzogen sind, wird der Anteil an Armen weiter hoch bleiben, auch in einer reicher werdenden Stadt Berlin.

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