Tiere

EU-Kommission will Naturheilmittel für Tiere ausbremsen

Neues Arzneimittelrecht in Planung. Bundeslandwirtschaftsminister für therapeutische Vielfalt. Nachbesserung angemahnt

Berlin. Wenn Kühe und Schweine unter Durchfall, Grippe oder Muskelschmerzen leiden, geht es ihnen wie den Menschen. Sie brauchen Medikamente. Dabei müssen es nicht immer Antibiotika sein. In manchen Fällen helfen auch naturheilkundliche Präparate. Von homöopathischen Globuli über Bachblüten bis hin zu Akupunktur. Bislang werden diese alternativen Heilmethoden vor allem von Ökobauern genutzt. Doch auch auf immer mehr konventionellen Höfen gehören Naturheilmittel zur Hausapotheke.

Doch nun schlagen deutsche Tierheilpraktiker Alarm. Sie befürchten, dass Naturheilmittel durch eine Neuregelung des Arzneimittelrechts durch die Europäische Union (EU) aus den Ställen verschwinden könnten. Denn die EU-Kommission plant eine neue Tierarzneimittelverordnung. Hauptziel ist es, den Einsatz von Antibiotika bei Nutztieren einzudämmen. Antibiotika sollen grundsätzlich verschreibungspflichtig und nicht mehr als Prophylaxe verabreicht werden. Dies wird als wichtiger Schritt gegen die zunehmenden Antibiotikaresistenzen bei Menschen und Tieren gesehen, der von allen Seiten befürwortet wird. Weltweit sterben laut Bundesgesundheitsministerium jedes Jahr allein 700.000 Menschen an resistenten Keimen.

Die neue EU-Verordnung will zudem eine zentrale Zulassung für Tierarzneimittel schaffen. Und genau dieser Punkt hat es in sich. So dürfen Tiere künftig nur noch Medikamente erhalten, die als Tierarzneimittel zugelassen sind. Das Problem: Bislang gibt es in Deutschland keine getrennten Zulassungsverfahren. Tiere erhalten die gleichen homöopathischen oder pflanzlichen Heilmittel, wie sie auch Menschen verabreicht werden. Das gleiche gilt für Pflegeprodukte und Futterergänzungsmittel, die ebenfalls als Arzneimittel eingestuft werden sollen.

"Eine Extrazulassung oder Registrierung der pflanzlichen und homöopathischen Mittel für Tiere wäre vielen Herstellern zu kostspielig", befürchtet die Vorsitzende der Kooperation deutscher Tierheilpraktiker-Verbände e.V., Stefanie Olhöft. "Mit den Anforderungen besteht die Gefahr, dass das breite Spektrum der alternativen Medizin für die Tiere verloren geht." Zudem käme dies "einem Berufsverbot für viele Tierheilpraktiker gleich". Darüber hinaus müssten die Mittel für Nutztiere künftig von einem Tierarzt verschrieben werden. Dies verteuert die Behandlung für Tierhalter immens. Denn heute sind alternative Medikamente verschreibungsfrei erhältlich. Der Verband hat deshalb eine Petition im Bundestag eingereicht, die jetzt vorgelegte EU-Verordnung abzulehnen. 34.000 Stimmen wurden bereits gesammelt.

In der Praxis sind Naturheilmittel längst keine Nische mehr, berichtet Friedrich Ostendorff, Agrarsprecher der grünen Bundestagsfraktion und selbst Biobauer: "Ihr Einsatz ermöglicht es Haltern, ihre Tiere prophylaktisch und in akuten Fällen zu behandeln, oft im Rahmen eines harmonischen Nebeneinanders zwischen Schulmedizin und Homöopathie. Durch einen gezielten Einsatz kann in vielen Fällen der Einsatz von Antibiotika vermieden werden. In Zeiten von dramatischen Resistenzentwicklungen von Antibiotika ist dies ein sehr wichtiger zu fördernden Ansatz."

Ostendorff, der zugleich Vizevorsitzender des Landwirtschaftsausschusses im Bundestag ist, spricht sich deshalb klar gegen ein komplizierteres Verfahren aus. "Eine Einschränkung wäre fatal für zahlreiche Tierhalter und Naturheilpraktiker, deren Arbeit im Bereich der Naturheilkunde sich seit Jahren bewährt hat und maßgeblich zur Tiergesundheit beiträgt."

Auch Bundeslandwirtschaftminister Christian Schmidt (CSU) macht sich für die therapeutische Vielfalt in der Tierheilkunde stark: "Tierhalterinnen und Tierhalter müssen aus meiner Sicht auch weiterhin die Möglichkeit haben, sich für allopathische Arzneien oder Mittel alternativer Richtungen zu entscheiden. Ich werde mich dafür einsetzen, dass das künftige EU-Tierarzneimittelrecht diese Möglichkeiten weiterhin bietet. Hier muss am Vorschlag der Europäischen Kommission nachgearbeitet werden."

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