Politik

Camerons Büchse der Pandora

| Lesedauer: 4 Minuten
Kate Connolly

Die euroskeptischen Briten verkennen, wie sehr sie mit Europa verwachsen sind

Jetzt ist es soweit. Wir wissen endlich, dass am 23. Juni in Großbritannien gewählt wird, ob wir in der EU bleiben oder nicht. Die Stimmung in meinem Land ähnelt der Zeit vor dem Referendum in Schottland 2014 – sehr gereizt und angespannt. Ich persönlich wiege mich in der Hoffnung, dass wie damals, die Angst vor dem Unbekannten die Mehrheit letztlich überzeugen wird, sich für einen Verbleib zu entscheiden.

Nicht, dass Angst ein guter Grund ist, sich für etwas zu entscheiden. Man sollte hoffen, dass es der große Enthusiasmus für das Europäische Projekt ist, der dazu führen würde, die meisten zu überzeugen. Aber dafür sehe ich wenig Chancen, leider.

Ein bisschen ähnelt die Stimmung auch diesem Weltuntergangsgefühl Ende 1999, wo viele Angst vor dem sogenannten Millennium Bug hatten. Damals waren Katastrophenszenarien aus der Möglichkeit vorhergesagt worden, dass Computersysteme mit dem Jahreswechsel nicht hätten umgehen können. Die Aufregung war groß, aber schließlich führten die Ängste ins Nichts. Ich hoffe, so wird es beim Brexit-Referendum sein.

Aber vielleicht brauchen wir diese selbstgemachte Spannung, dieses ,Vernichtungsgefühl‘, damit das Leben aufregend genug bleibt. Allerdings könnte man sagen, allein mit der Flüchtlingskrise hätten wir in Europa gerade Spannung genug.

Aber in Großbritannien ist die Flüchtlingskrise fast gar kein Thema. Sie spielt erstaunlicherweise auch kaum eine Rolle in den Wahlkampagnen. Höchstens einige der sogenannten ,Brexiter‘ wollen mit Szenarien Angst schüren, um zu beweisen, dass es besser ist, sich von der EU abzutrennen, damit Großbritannien nicht mit diesen Themen konfrontiert werden muss. Ein Vogel-Strauss-Verhalten.

Nicht, dass die Briten jemals enthusiastisch gegenüber Europa waren. Immer gab es eher einen pragmatischen Blick darauf. Meine ersten Kindheitserinnerungen an ,Europa‘ sind verknüpft mit der Milchquote und dem Butterberg, worunter mein Onkel, ein kleiner Milchbauer im ländlichen Surrey, lange leiden musste, bis er seine Lebensgrundlage aufgeben musste, und sich zum Elektriker ausbilden ließ. Dafür wurde in meiner Familie die Europäische Gemeinschaft direkt verantwortlich. Generell stand Europa immer stark in Verdacht. Man ist nicht nach Frankreich in den Campingurlaub gefahren, ohne die Warnung zu kriegen: Trink bloß nicht aus dem Wasserhahn. Die Nachbarn, eine Akademikerfamilie, sind jeden Sommer mit Ihren Campingbus nach Frankreich gefahren, und haben immer ihr eigenes Essen mitgenommen. Alle die nur eine Hauch von Ahnung von britischem ‚Essen‘ haben, werden erkennen wie verrückt das war!

Erst als die Mauer 1989 fiel, hat sich die Idee von einem Europa entwickelt, das verbunden war mit Abenteuer und Chancen. Es war modern ,European Studies‘ an der Uni zu studieren und Erasmus-Austauschprogramme mitzumachen. Und egal, wie man Billigflieger betrachtet, die sicher nichts Gutes für die Umwelt getan haben, sie haben genau diese Stimmung aufgegriffen und die Europäer einander viel nähergebracht – nicht zuletzt viele junge Briten nach Berlin.

Briten, die nicht gern fliegen, haben auch eine fast zauberhafte Verbindung durch den Kanaltunnel zu Europa gewonnen, dessen größte Verfechterin ironischerweise Margaret Thatcher war, eine Frau die besonders skeptisch Europa gegenüber war.

Aber selbst diejenigen, die Thatcher gut kannten, sagen jetzt, sie hätte sich nicht für so einen Schritt entschieden wie einen Ausstieg. Es ist, als ob Premierminister David Cameron die Büchse der Pandora aufgemacht hat, mit seiner Entscheidung ein Referendum darüber abzuhalten. Die nächsten vier Monate fürchte ich am meisten, täglich die Weltsichten der Briten hören zu müssen, die es immer noch nicht begriffen haben, dass wir keine Imperialmacht mehr sind. Ich gucke es mir lieber von der Ferne an.

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos