Sicherheitsdienst

Lech Walesa soll ein Spitzel gewesen sein

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Polens Ex-Präsident Walesa war im Jahr 2000 vom Vorwurf der Spitzeltätigkeit freigesprochen worden

Polens Ex-Präsident Walesa war im Jahr 2000 vom Vorwurf der Spitzeltätigkeit freigesprochen worden

Foto: dpa

Lech Walesa ist in Polen ein Symbol des Kampfes gegen den Kommunismus. Doch neu aufgetauchte Dokumente belasten den Nationalhelden.

Warschau.  Lügen, Geheimnisse und Anschuldigungen: Der lange Schatten der kommunistischen Vergangenheit sorgt in Polen für Aufregung. War ausgerechnet Friedensnobelpreisträger Lech Walesa, Führer des legendären Streiks der Danziger Arbeiter, Gründer der Gewerkschaft Solidarnosc, als „Agent Bolek“ ein Spitzel des kommunistischen Sicherheitsapparates? Das Privatarchiv des einstigen Innenministers General Czeslaw Kiszczak scheint Walesa zu belasten.

Kiszczak, dem der Prozess wegen der blutigen Niederschlagung des Streiks der Werftarbeiter im Dezember 1979 und des brutalen Einsatzes gegen streikende Bergarbeiter während des Kriegsrechts gemacht wurde, war im vergangenen November gestorben.

Der General, der 1989 mit Walesa und anderen Oppositionellen am runden Tisch den friedlichen Rückzug der polnischen Kommunisten von der Macht verhandelte, scheint eine Altersvorsorge der besonderen Art getroffen zu haben. In einem Schrank bewahrte er umfangreiche Aktenpakete auf – Notizen, maschinengeschriebene Seiten, Fotografien.

Seiner Frau soll Kiszczak geraten haben, sich damit im Fall eines finanziellen Engpasses an das Institut für Nationales Gedenken (IPN) zu wenden – jene Behörde, die für die Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit zuständig ist und dazu auch staatsanwaltliche Vollmachten hat. „Mein Mann hat gesagt, man müsse die Dokumente zum Wohle von Walesa, der doch ein Nationalheld ist, schützen“, sagte Maria ­Kiszczak am Donnerstag.

Anschuldigungen sind nicht neu

Was Ermittler des IPN nun aus dem Schrank zutage förderten, hat Brisanz: „In einer Akte war ein handgeschriebener, verschlossener Umschlag vom April 1996 an den Leiter des Zeitgeschichtlichen Archivs“, sagte IPN-Direktor Lukasz Kaminski am Donnerstag. Der Brief, der nie abgeschickt wurde und von Kiszczak eigenhändig unterschrieben worden sei, enthalte unter anderem die Verpflichtung Walesas als Geheimdienstmitarbeiter mit dem Decknamen „Bolek“.

Die Beschuldigungen sind nicht neu. Seit Jahren gab es Behauptungen, Walesa habe falsche Angaben über seine Vergangenheit gemacht – vor allem von denjenigen, die im Schatten Walesas standen und mit dem Verzicht auf Abrechnung mit den Kommunisten haderten. Doch nun ist eine Verpflichtungserklärung da, gewissermaßen als Stimme aus dem Grab Kiszczaks.

Der Gewerkschaftsführer und Ex-Präsident stritt vor Gericht um seinen guten Namen und bekam in einem Urteil im Jahr 2000 recht. Allerdings heizte er die Gerüchteküche auch an, als er einräumte, er habe in den 1970er- Jahren als damals noch unbekannter Werftarbeiter und Teilnehmer des Streiks vom Dezember 1970 „irgendetwas unterschrieben“.

Die Frage bleibt, warum die Dokumente ausgerechnet jetzt auftauchen. Für die seit fast 100 Tagen regierenden Nationalkonservativen sind die neuen Anschuldigungen höchst willkommen. Schließlich fordern sie seit jeher die scharfe Abrechnung mit der kommunistischen Vergangenheit.

( dpa )

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